Mohrs Herzschlag Endlich wieder laufen, kämpfen, schwitzen!

Der schwer herzkranke Kolumnist Joachim Mohr beginnt nach mehreren Jahren Pause wieder mit Sport. Das Ziel: 5000 Meter am Stück zu joggen. Bis dahin braucht der Neustarter noch viel Training - aber immerhin läuft sein Kardiologe mit.

Läufer Mohr (links), Kardiologe Geiger: Der Herzkrankheit davonflitzen
Katrin Mohr

Läufer Mohr (links), Kardiologe Geiger: Der Herzkrankheit davonflitzen


Der Weltrekord im 5000-Meter-Lauf liegt derzeit bei 12 Minuten und 37 Sekunden. Mein persönliches Ziel: überhaupt erst einmal wieder 5000 lange Meter an einem Stück rennen zu können. Anschließend will ich dann sehen, ob ich die Marke des äthiopischen Rekordhalters Kenenisa Bekele aus dem Jahr 2004 knacken kann.

Ich will zurück in die Arena des Sports, will wieder laufen, kämpfen, schwitzen! Wenn ich schon seit 49 Jahren nicht gesund werden kann, dann will ich meiner schweren Herzkrankheit wenigstens davonflitzen. Wer seinen Gegner nicht besiegen kann, muss eben erfolgreich fliehen.

Vor rund vier Jahren war ich gezwungen, mit dem Laufen aufhören: Meinem mehrfach operierten Herzen ging es zu schlecht. Bis dahin war ich zwei- oder dreimal die Woche eine Stunde gejoggt, bei jedem Wetter, bei jeder Temperatur. Das Joggen gab mir Kraft, machte mich glücklich. Auch wenn, chemisch gesehen, nur ein Haufen Endorphine in meinem Gehirn Euphorie auslösten: Das Laufen wirkte. Ich hatte ein mieses Herz, fühlte mich aber fit.

Preisgekrönte Athleten haben heute einen Trainerstab, manch Freizeitsportler mit dem nötigen Kleingeld einen "Personal Trainer". Ich habe, viel besser, beim Training meinen persönlichen Kardiologen dabei! Manfred Geiger, mein niedergelassener Herz-Coach, hat mir nicht nur das Laufen erlaubt, sondern angeboten, die ersten Male gemeinsam mit mir zu joggen.

Einsteigerprogramm: Radfahren, Treppensteigen, Joggen

Kann ich nur mit einem Kardiologen Sport treiben? Nein. Gibt er mir am Anfang ein großes Gefühl der Sicherheit? Absolut. Kann die Leistung "Mitjoggen" bei der Krankenkasse abgerechnet werden? Nein. Aber ein toller Kardiologe ist eben einer, der trotzdem mitjoggt.

Vor einigen Wochen habe ich mein Trainingsprogramm begonnen:

  • Fünf Tage die Woche mit dem Fahrrad in die Redaktion strampeln. Ein Weg sind genau acht Kilometer, macht hin und zurück 16 und pro Woche 80.
  • Dazu von Montag bis Freitag zweimal im Hamburger SPIEGEL-Haus vom ersten in den zehnten Stock zu Fuß gehen. Ein Weg hat 204 Stufen à 19 Zentimeter, macht knapp 39 Höhenmeter, zusammen 78.
  • Und zweimal pro Woche joggen.

Mein Lauftraining besteht aktuell darin, viermal fünf Minuten entspannt zu laufen und zwischendurch Gehpausen einzulegen. Mehr packt meine Pumpe noch nicht. Die Herausforderung für meinen Kardiologen Geiger, gut zehn Jahre älter als ich und erstklassig in Form, besteht darin, bei diesem Tempo nicht wegzudämmern.

Obwohl der Arzt sein Okay zu meiner Rennerei gegeben hat, kämpfe ich mit psychischen Barrieren. Die Erinnerungen an die vielen Klinikstopps in meinem Leben quälen mich. Sollte ich nicht lieber im Sessel hocken bleiben und entspannt auf Sport verzichten? Wäre es nicht besser, zu meditieren oder autogenes Training zu machen, statt nach Luft zu schnappen? Was ist mit Schach, Sportschießen oder Wettkampf-Mikado? Sind nicht Millionen Menschen auch ohne Sport froh und eins mit sich?

"I always come back!"

In meiner Jugend habe ich im Verein trainiert, Tischtennis und Leichtathletik. Fußball habe ich fast jeden Tag auf irgendeinem Bolzplatz gespielt. Dann mussten Ärzte wegen eines angeborenen Herzfehlers mein Herz aufschneiden, und meine fiesen Herzrhythmusstörungen wurden immer schlimmer. Mich stark körperlich belasten, das könne lebensgefährlich sein, warnen die Kardiologen plötzlich. Erst Jahre später konnte ich mich vom Stubenhocker zum Laufwilligen entwickeln.

Leider muss ich mich heute nervigen Extra-Herausforderungen stellen: So steigt mein Puls, verursacht durch meine Medikamente, grundsätzlich nicht über etwa 85 Schläge pro Minute - ganz egal, wie sehr ich mich anstrenge. Schuld an der Leistungsgrenze ist ein Betablocker, den ich, neben anderen chemischen Keulen, täglich schlucke. Die künstliche Drosselung meines Herzens ist ziemlich gewöhnungsbedürftig, da es die fehlende Leistung durch besondere Pumpstärke auszugleichen versucht. So spüre ich jeden einzelnen Herzschlag in Hals und Kopf, als falle ein Hammer auf einen Amboss. Vorteil: Ich brauche keinen Pulsmesser und kann einfach mitzählen.

Natürlich darf ich nicht bis an meine Leistungsgrenze gehen, und Sportarten wie Karate oder American Football wären in meinem Fall wenig geeignet. Wobei: Ich hätte ja schon ein mehrfach mit Draht verstärktes Brustbein.

Kann der Sport mein Herz heilen? Wohl kaum. Bis heute lande ich immer wieder in Kliniken, bekomme die Narkosenadel in den Arm und - eins, zwei, drei - Elektroschocks. Doch jeder neuer Lauf ist für mich ein Sieg über mein krankes Herz und ein Sieg mit meinem kranken Herzen. Mein herzkrankes Leben ist eben eine stetige Abfolge von Comebacks. Für mich gilt nicht die Boxer-Weisheit "They never come back!", mein Motto lautet "I always come back!"



insgesamt 4 Beiträge
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ZiehblankButzemann 09.12.2011
1. 5000 Meter reichen völlig!
Selbst ich als Gesunde(r), bin nie mehr als 5000 m gejoggt, belastet sonst nur unnötig die Gelenke und Sehnen. Und bei seinem Herz muss er sowieso aufpassen. Größere Strecken lieber per Fahrrad zurücklegen und gelegentlich Schwimmen gehen. Gute Besserung vom Computer aus.
herrhoppenstedt 09.12.2011
2. Schön
wieder von ihnen zu hören, lieber "Herzbruder" Mohr. Hatte mir schon Gedanken gemacht. Alles Gute wünscht Ihnen einer, dessen Herz gerade aufgeben möchte. Schaun wir mal....
christophp 09.12.2011
3. ... fast blutsverwandt ...
Ich verfolge das schon ganz lange hier bei SPON mit dem Herrn Mohr. Die Ähnlichkeit der Ereignisse ist verblüffend - die Ähnlichkeit der Krankheit ebenso (Geburtsfehler VSD, Operation als Kind, Rhythmusstörungen ohne Ende, Vorhofflimmern). Ich bin ein paar Jahre älter, aber das macht ja nix. Krankenhausaufenthalte hatte ich 35 in den letzten 5 Jahren - meistens als Notfall mit dem rot-weissen Taxi und der blauen Partybeleuchtung obendrauf. Das sind allesamt keine angenehmen Fahrten gewesen. Und dann ganz toll: Die Kardiologie in der renommierten Klinik checkt einen - was man so nennt - auf Herz und Nieren durch und 11 Tage nach dem "alles prima" Urteil gibt es als Zugabe einen Herzinfarkt. Tolle Wurst. Das wünsche ich keinem auch nicht meinem ärgsten Feind, wenn ich einen hätte. Mehr als 20% Behinderung ist das dem Staat auch nicht wert. So lebe ich denn dahin mit dem ganzen Mist, 10 Stents, dem VHF und dem Medikamenten Cocktail - arbeite brav Vollzeit - bleibt mir auch nichts Anderes übrig. Nicht davon zu reden, dass die Familie mit drei noch recht jungen Kindern jedes Mal einen Riesenschrecken kriegt, wenn die blaue Partybeleuchtung (s.o.) wieder vor der Tür steht.... Ich kann dem Herrn Mohr nachfühlen; jedenfalls fühle ich mich nicht ganz so alleine. NoFish
fieda 13.12.2011
4.
Zitat von sysopDer schwer herzkranke Kolumnist Joachim Mohr beginnt nach mehreren Jahren Pause wieder mit Sport. Das Ziel: 5000 Meter am Stück zu joggen. Bis dahin braucht der Neustarter noch viel Training - aber immerhin läuft sein Kardiologe mit. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,802120,00.html
Hallo Joachim, ich freue mich für dich und danke dir für deine strahlende Lebensfreude an die mich so hin und wieder erinnere. Ulli
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