Mohrs Herzschlag "Ich will es nicht wahrhaben - wieder Vorhofflimmern!"

Er hat eine gefährliche Operation riskiert, doch der erhoffte Effekt stellte sich nicht ein: Noch immer leidet SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr an Herzrhythmusstörungen. Es soll noch schlimmer kommen - ein neuer Eingriff wird nötig.


Vor mehreren Wochen sind Kardiologen der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg mit mehreren Kathetern in mein Herz vorgestoßen, von meinen beiden Leisten und der linken oberen Brustseite aus. Ziel der forschen Expedition in mein Herzinneres, einer sogenannten Ablation: Die renommierten Mediziner haben in meinen Herzkammern mittels Hochfrequenzstrom Gewebe zerstört, um meine Herzrhythmusstörungen zu eliminieren.

Seit meiner Kindheit quälen verschiedene Rhythmusstörungen mein Herz und damit auch mich, teilweise sind sie nur lästig, teilweise gefährlich. Der Eingriff verlief flott und ohne Komplikationen, hatte aber einen weit reichenden Nachteil: Die Herzspezialisten konnten nur eine meiner verschiedenen Rhythmusstörungen beseitigen.

Zwei Plagen blieben mir erhalten: meine atriale Tachykardie, dabei rast das Herz mit einer Frequenz von 200 und mehr Schlägen pro Minute, und mein Vorhofflimmern, in solchen Fällen hüpft meine Pumpe in frecher Unregelmäßigkeit.

Gleich nach der Operation, es handelte sich bereits um meine dritte Ablation, hatte ich Sorgen, dass mich die Attacken wie aus dem Nichts wieder angreifen könnten. Ich wusste, ich würde weiter mit einem chaotischen Herzschlag leben müssen.

Und zu meinem Unglück begann der Kampf früher als befürchtet. Eines Morgens, ich stehe noch im Bad, spüre ich ihn kommen - den grippalen Infekt. Und Infekte hasst mein Herz, insbesondere wenn sie mit Fieber verbunden sind. Meine Pumpe schlägt dann gern zurück - mit Herzrhythmusstörungen.

So geschieht es auch an diesem Tag. Am späten Nachmittag macht mein Herz plötzlich einen Satz - und tobt von diesem Augenblick an schnell und wirr vor sich hin. Ich will es nicht wahrhaben, wieder Vorhofflimmern!

Die Nacht verbringe ich noch zu Hause, trotz des Irrsinns des Herzens kann ich ein paar Stunden schlafen. Meine vage Hoffnung, meine Pumpe würde sich vielleicht von selbst beruhigen, wird aber enttäuscht.

Am nächsten Tag gibt es nur noch eine Möglichkeit: ab in die Klinik St. Georg in Hamburg, ab in die Notaufnahme.

Direkt im Eingang der Klinik laufe ich - welch ein Zufall! - Professor Karl-Heinz Kuck über den Weg, Leiter der dortigen Kardiologie und mein oberster Herzspezialist. "Was wollen Sie denn hier?" - "Herzrhythmusstörungen." Ohne eine Sekunde zu zögern, weist der Mediziner eine junge Ärztin in seinem Schlepptau an: "Auf Station, sofort!"

Nette anatomische Anomalie

Es folgen EKG, Blutabnahme. Kaum eine halbe Stunde später steht Herzexperte Kuck neben meinem Bett. "Jetzt gehen wir gegen die Tachykardie und das Vorhofflimmern vor." Kuck, einer der international erfahrensten Fachleute für Rhythmusstörungen, schlägt vor, noch am gleichen Tag, schon in ein oder zwei Stunden, wieder mit Kathetern in mein Herz zu gehen, wieder eine Ablation vorzunehmen.

Es würde die vierte Ablation in meinem Leben sein, es würde die bisher schwierigste werden: Meine Herzscheidewand müsste mit den Kathetern durchstoßen werden, was in meinem Fall nicht ohne Probleme ist. Da ich mit einem Loch in der Herzscheidewand geboren und während meiner Studienzeit daran operiert wurde, ziert die Wand zwischen rechtem und linkem Vorhof bereits eine schicke dicke Narbe. Das erschwert die Sache.

Außerdem hat mein Herz eine nette anatomische Anomalie zu bieten, ein zusätzliches Blutgefäß, das sich "persistierende linke obere Hohlvene" schimpft. Auch die macht den Eingriff nicht leichter. Zumal beim letzten Klinikaufenthalt einer der Ärzte anerkennend meinte, eine so große Ausgabe davon habe er "noch nie in seinem Leben" gesehen.

Trotzdem stimme ich dem Eingriff sofort zu. Erstens besteht die Chance, dass ich gesund werde - welch irre Option nach 47 Jahren Herzkrankheit! Zweitens vertraue ich den Ärzten hier. Und drittens: Was bleibt mir auch übrig?

Kurz weise ich die Mediziner noch darauf hin, dass bei mir eine Grippe oder etwas vergleichbar Hübsches im Anzug sei. Locker bleiben, meinen die freundlichen Weißkittel, in Kürze kämen ja meine Blutwerte aus dem Labor.

"Warten auf den nächsten Anfall"

Und dann haben wir alle ein Problem: Meine Entzündungswerte sind miserabel, katastrophal - ein Eingriff kommt nicht in Frage. Die Gefahr wäre zu groß, dass Viren und Bakterien eine Entzündung des Herzmuskels oder noch Schlimmeres auslösen.

Es bleibt nur eines: Elektroschocks, eine sogenannte Elektrokardioversion. Mein Herz muss mit einem Stromschlag wieder in einen normalen Rhythmus gezwungen werden.

Am Nachmittag kleben die Ärzte mir Handteller große Elektroden auf die Brust und den Rücken, geben mir das Schlafmittel Propofol und jagen einen Stromstoß durch mein Herz. Es klappt, mein Herz schlägt nach dem elektrischen Befehl erst einmal wieder normal. Über 25 Mal bin ich auf diese Weise schon mit Elektroschocks behandelt worden.

Am nächsten Tag hat eine spektakuläre Erkältung mit erstklassigem Husten und Schnupfen von mir Besitz ergriffen. Nicht zu operieren war die richtige Entscheidung.

Doch der Blick in die Zukunft ist trübe. Professor Kuck sagt nüchtern: "Wir warten auf den nächsten Anfall, dann operieren wir."

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