Mohrs Herzschlag Kardiologen sind auch nur Menschen

Patienten fühlen sich zu oft als unerwünschte Bittsteller, als störende Faktoren in einem auf Wirtschaftlichkeit ausgelegten Klinik-Unternehmen. Joachim Mohr, seit Jahren chronisch herzkrank, zog seine eigenen Lehren aus unangenehmen Erlebnissen mit der Spezies Arzt.


Ja, ich kenne Sie, die Kardiologen dieser Welt. In den viereinhalb Jahrzehnten seit meiner Geburt habe ich so um die hundert Ärzte der Herzheilkunde aufsuchen müssen wegen meines maladen Muskels. Ich bin Spezialisten in großen und kleinen Praxen, in Krankenhäusern, in verschiedenen Städten und sogar unterschiedlichen Ländern gegenübergetreten. Keinen einzigen Arzt der Herzheilkunde habe ich freiwillig konsultiert. Dabei wollten sie alle mein Wohl - ich wollte überleben.

Psychologisch ungeschulte Ärzte: "Wow, was für massive Herzrhythmusstörungen!"
DPA

Psychologisch ungeschulte Ärzte: "Wow, was für massive Herzrhythmusstörungen!"

Jeder dieser Ärzte war und ist anders. Doch drei Eigenschaften verbinden sie alle: Sie möchten von ihren Patienten geliebt und von ihren Kollegen bewundert werden - und dazu im Laufe der Zeit ein ansehnliches Vermögen anhäufen. Ich finde, das sind nicht die schlechtesten Voraussetzungen, ein guter Retter der Herzen zu sein. Kardiologen sind eben auch nur Menschen.

An dieser Stelle will ich mich gleich bei jedem einzelnen Herzexperten bedanken, der einmal Hand an mich gelegt hat: mag es per Stethoskop, Katheter oder Skalpell gewesen sein, wegen meines Loches in der Herzscheidewand oder rasender Herzrhythmusstörungen. Ohne sie alle wäre ich nicht mehr auf dieser Welt unterwegs - sie haben mein Leben gerettet und tun es noch immer. Dafür ein wahrlich „herz“-liches Dankschön!

Doch bei aller Anerkennung: Was sind die zwei großen Probleme der Herzdoktoren? Wie bei vielen Ärzten: zu wenig Zeit, zu wenig Gefühl. Ich könnte auch sagen: eindeutig zu wenig Herz.

Dass Ärzte in Kliniken und Praxen oft unter dem Druck stehen, möglichst viele Kranke in möglichst kurzer Zeit durch den medizinischen Apparat zu schleusen, das hat sicher jeder schon erlebt. Auch wenn es gute Gründe dafür geben mag – für den einzelnen Patienten ist es ärgerlich und oft beängstigend. Der Kranke, er spürt das deutlich, wird zu einer Nummer in einem Reparaturbetrieb, in dem vor allem Effizienz, nur selten Empathie zählt. Und das kann leider sogar den medizinischen Erfolg schmälern.

Damit mich niemand falsch versteht: Die meisten Kardiologen erklären ihren Patienten, was für eine Krankheit sie haben, und was die Medizin dagegen machen kann – meist kurz und bündig und auf konsequentes Nachfragen hin sogar ohne Fachbegriffe.

Studien belegen aber, dass eine gute Kommunikation zwischen Arzt und Patient auch das körperliche Befinden der Patienten positiv beeinflusst. Und dazu gehören mehr als ein paar medizinische Stichworte im Minutentakt. Leider wird vielen Patienten beim Vis-à-vis mit dem Mediziner der quälende Eindruck vermittelt, sie würden dem Arzt vor allem die Zeit stehlen.

Keine Zeit, keine Lust, schlechte Organisation oder Ignoranz

Ich werde im Sprechzimmer meist nur im Stakkato gefragt: „Wie schlägt das Herz?“ „Wann war der letzte Anfall mit Herzrhythmusstörungen?“ „Was nehmen Sie aktuell für Medikamente?“ Ich kann mich nicht erinnern, dass sich einer der honorigen Herren Kardiologen je erkundigt hat, wie es mir mit meinen Herzrhythmusstörungen eigentlich im Beruf ergeht, wie ich mit den Risiken eines Schlaganfalls oder eines Herzstillstandes psychisch zurecht komme oder was die Krankheit für meine Angehörigen bedeutet.

Nun werden manche Leser einwenden: Das muss der Arzt auch nicht. Stimmt, aber jeder Experte weiß, dass gerade viele Herzleiden nicht allein durch einen mechanischen Defekt der Saug-Druck-Pumpe im Brustkorb bedingt sind, sondern auch von psychischen Faktoren beeinflusst werden.

In der Notaufnahme einer Klinik geriet ich vor einigen Monaten in die Fänge eines ach so spritzigen Jung-Kardiologen, der, als er mich und mein EKG sah, fasziniert sagte: „Wow, sehr interessant, was für massive Herzrhythmusstörungen! Das wird ja echt spannend!“ Nur einen halben Meter neben mir saß meine damals im zehnten Monat schwangere Frau. Danke für das Feingefühl!

Ein anderes, ebenfalls ärgerliches Erlebnis: Ich sollte dringend ein Medikament gegen eine schwere Bronchitis einnehmen, wegen möglicher Nebenwirkungen auf das Herz war aber unbedingt die Meinung des Kardiologen gefragt. Auf zwei Anrufe meiner Hausärztin und zwei Anrufe von mir an zwei verschiedenen Tagen – keine Reaktion, nichts. Keine Zeit, keine Lust, schlechte Organisation in der Praxis oder einfach nur Ignoranz?

Würde der Mediziner die Behandlung an sich selbst vornehmen?

Positives will ich nicht vergessen: Ich erlebte eine junge Klinikärztin, die an der Spitze der medizinischen Entwicklung forscht, sich aber trotzdem die Zeit nahm, mir detailliert einen möglichen Eingriff an meinem Herzen zu erklären. Und nach dem Klinikaufenthalt meine E-Mails beantwortete. Oder mein niedergelassener Kardiologe, der mir seine private Handynummer gegeben hat, damit ich ihn im Notfall auch außerhalb der Sprechzeiten erreichen kann.

Wie sich nun aber am besten gegenüber dem weit verbreiteten Typ des flott-forschen, kurz angebundenen Weißkittels verhalten? Einerseits müssen Sie Ihrem Medizinmann einen Vertrauensvorschuss gewähren, zumindest wenn Sie nicht selbst Mediziner sind. Er ist der Experte, er hat studiert, er hat schon Leichen aufgeschnitten, nicht Sie. Wenn Sie auf die Ratschläge Ihres Doktors keinen großen Wert legen, sollten Sie den Arzt wechseln.

Schlägt er eine Therapie vor, fragen Sie allerdings hartnäckig nach allem, was Sie interessiert, was Sie beunruhigt. Zeit spielt für Sie als Patient, im Gegensatz zum Arzt, keine Rolle! Erkundigen Sie sich vor allem, ob der Mediziner, wenn er die gleiche Krankheit hätte, die vorgeschlagene Behandlung an sich auch vornehmen würde. Oder ob er die Therapie auch seiner Tochter oder seinem Sohn zumuten würde.

Zu guter Letzt: Loben Sie ihren Arzt, unbedingt. Darüber freut er sich. Das macht ihn zutraulich. Er ist ja, wie gesagt, auch nur ein Mensch.

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Seite 1
matthias schwalbe, 22.11.2007
1.
Wenn man Privatpatient ist-ja !
n@menlos 22.11.2007
2.
Zitat von matthias schwalbeWenn man Privatpatient ist-ja !
Ich bin zwar nicht chronisch krank. Aber auch als Privatpatient fühle ich mich in den letzten Jahren schlecht behandelt. Kann mir gar nicht vorstellen, wie es da erst vielen Kassenpatienten geht...
nepomuk_23 22.11.2007
3.
kann ich nur bestätigen, bin auch privat versichert. Aber nicht nur Artzbesuche sondern auch Physiotherapie ist mehr Abfertigung als Therapie
matthias schwalbe, 22.11.2007
4.
Zitat von n@menlosIch bin zwar nicht chronisch krank. Aber auch als Privatpatient fühle ich mich in den letzten Jahren schlecht behandelt. Kann mir gar nicht vorstellen, wie es da erst vielen Kassenpatienten geht...
Das meinte ich eigentlich auch ,dass heute der Privatpatient oft mehr abgezockt wird ,als der Kassenpatient. Ich sehe dass auch an meinen Arzrechnungen. Da wird naemlich nur sinnlos die Zeit von mir verprasst. Und der liebe Doc macht Untersuchungen,welche nicht noetig sind ! Aber dafuer nimmt er sich ja auch mindestens den 2,3 fachen Satz. Kommisch nur,dass er/sie meisst bei den aufwendigen und teueren Positionen den erhoehten Satz berechnen. Ich peroenlich glaube nicht,dass heute noch ein sehr grosser Unterschied zwischen Kassen-und Privatpatient besteht. Dem Kassenpatienten seine Krankenkasse wird genau so beschissen wie ich auf meiner Rechnung-nur kann der Kassenpatient dies alles nicht schwarz auf weiss sehen. Es sei denn er geht zu seiner Kasse,aber dass macht ja kaum jemand.
Severine1985, 22.11.2007
5.
Zitat von sysopWer chronisch krank ist, sollte sich umfassend über sein Leiden und die Behandlungsmöglichkeiten informieren. Nimmt sich Ihr Arzt genug Zeit für Ihre Fragen?
Vorab: Ich bin Kassenpatientin. Mein Hausarzt würde sich diese Zeit gerne nehmen, aber er hat sie nicht: Ich lebe auf dem Land, und bei uns herrscht Ärztemangel. Immerhin verschreibt er mir alle meine Medikamente, auch wenn er damit riskiert, sein Budget zu überschreiten. Mit Fachärzten habe ich bisher nur wenige gute Erfahrungen gemacht, fühlte mich zumeist abgefertigt, wurde auch schon mehrfach Opfer von Kunstfehlern. Mein Vertrauen ist entsprechend gering. Ich habe mehrere chronische Erkrankungen. In einem Fall haben mir vor allem Bücher geholfen, in einem anderen ein Selbsthilfeforum, in einem weiteren die Recherche auf amerikanischen Websites. Hätte ich immer auf meine Ärzte gehört, wäre ich jetzt vermutlich nicht mehr am Leben (keine Übertreibung). Sev
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