Mohrs Herzschlag Meine Krankheit, mein Risiko, mein Pech

In Notfällen werden Kassen- und Privatpatienten in Kliniken gleich behandelt, das ist jedenfalls meine Erfahrung. Trotzdem rate ich gesetzlich Versicherten von einem Blick in eine Privatstation ab - der könnte zu Depressionen führen.

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Das Erfreuliche zuerst: Wenn Sie in Deutschland bei einem akuten und schweren Leiden mit dem Notarztwagen in einer Klinik landen, ist es egal ob Sie Kassen- oder Privatpatient sind - Sie werden gleich gut verarztet. Das ist zumindest meine Erfahrung.

Notarzteinsatz in Berlin: "Gestromt" und "geschockt"
DDP

Notarzteinsatz in Berlin: "Gestromt" und "geschockt"

In den vergangenen zehn Jahren musste ich rund 25-mal rasant in ein Krankenhaus, weil ich massive Herzrhythmusstörungen hatte. Oft mitten in der Nacht, oft am Wochenende. Läuft meine Pumpe aus dem Ruder, ist damit nicht zu spaßen. Es besteht die Gefahr, dass sich im Herz Blutgerinsel bilden, und es zu einem Schlaganfall kommt. Außerdem kann ein Kammerflimmern ausgelöst werden, das fast immer tödlich endet.

Meine Rhythmusstörungen sind mit Medikamenten, auch intravenös verabreicht, nicht zu stoppen. Was ich dann brauche, ist eine so genannte Elektrokardioversion. Dabei werden mir Elektroschocks durch den Brustkorb gejagt, ähnlich wie es jeder Fernsehzuschauer aus Krankenhausserien kennt, wenn ein Patient wiederbelebt wird.

Meist erkennen die Ärzte in den Notaufnahmen das Chaos in meinem Herz schnell. Oft geht es dann auf die Intensivstation. Dort werde ich "gestromt", geschockt". Bisher hatte ich anschließend immer wieder einen normalen Herzschlag, einen sogenannten Sinus-Rhythmus. Glück gehabt.

Während all diesen brisanten Klinikabenteuer hatte ich immer den Eindruck, dass in Notfällen nur ein Kriterium über die Reihenfolge der Patienten entscheidet: das Risiko. Je schlechter es jemandem geht, desto schneller kommt er an die Reihe. Oder: Bei großer Gefahr sind die Mediziner besonders fix. So gehört es sich, so fordert es der hippokratische Eid.

Jetzt folgt die schlechte Nachricht: Sobald es sich nicht um einen brenzligen Notfall handelt, sondern um eine Standardkrankheit, irgendetwas zwischen Asthma, Bandscheibenvorfall und Nierenbeckenentzündung, dann sind Krankenkassenpatienten nur zweite Wahl. Als Mitglied einer gesetzlichen Kasse müssen Sie bei den meisten Ärzten länger auf einen Termin warten, länger im Wartezimmer sitzen, und dann hat der Arzt weniger Zeit für Sie. Das belegen nicht nur verschiedene Studien, das habe ich bei Hunderten Arztbesuchen zum Teil am eigenen Leib erfahren.

Als Kassenpatient im Krankenhaus

In Krankenhäusern drohen den gesetzlichen Kranken im Vergleich zu den Privatpatienten noch andere Nachteile. Es liegen mehr Patienten in einem Zimmer, es arbeiten weniger Schwestern und Pfleger auf der Station, es gibt schlechteres Essen, und den Chefarzt sieht man immer nur aus der Ferne. Ein Tipp: Sollten Sie als Kassenpatient einmal im Krankenhaus liegen, werfen Sie auf keinen Fall einen Blick auf die gegenüberliegende Privatstation. Es könnte sein, dass Sie sonst zusätzlich wegen einer schweren Depression behandelt werden müssen.

Privatversicherte sind die Deluxe-Patienten für die Mediziner. Sie bringen mehr Euros in die Kasse, deshalb werden sie besser behandelt. Das ist eigentlich nicht überraschend, sondern nur logisch. Seien Sie Privatpatient und gehörig krank - die Ärzte werden Sie lieben.

Chronisch Kranke trifft diese Aufteilung in eine Unter- und Oberschicht der Kranken in besonderer Weise, denn sie haben noch mit ganz andere Hemmnissen zu kämpfen. Ich als Herzkranker möchte mich privat krankenversichern. Keine Chance! Keine Kasse nimmt mich. Ich würde gern eine Krankenhaustagegeldversicherung abschließen. Keine Aussicht, da hagelt es Absagen. Noch schlimmer: Ich will eine Lebensversicherung unterzeichnen, um meine Familie für meinen Todesfall abzusichern. Keine Möglichkeit, keine Versicherung der Welt gewährt mir ihren Schutz - oder sie fordert eine absurd hohe Prämie.

All die wohlfeilen Ratschläge von Politikern, Verbandsvertretern und Wirtschaftsführern, heutzutage möge jeder selbst Vorsorge für sein Leben treffen, in einer modernen Gesellschaft müsse das Individuum sein Risiken eigenverantwortlich absichern - in den Ohren vieler chronisch Kranker klingen die Sprüche wie Hohn. Denn abgesehen von gesetzlichen Versicherungen nimmt sich einfach keine Assekuranz ihrer an.

Wer krank ist, muss draußen bleiben. Meine Krankheit, mein Risiko, mein Pech - so einfach ist die Geschichte oft. So wünsche ich heute allen Lesern, natürlich auch den Privatpatienten, aus ganzem Herzen: Bleiben Sie gesund!

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
wilfried.schmoelz 23.04.2008
1. Realität ist grausam !
Dieser Zustandsbeschreibung ist absolut NICHTS hinzuzufügen !!! BESONDERS Bemerkenswert fand ich, .... daß der Autor diesen Politiker - Geschwätz Schwachsinn , man solle selbst für Lebensrisiken vorsorgen, in dürren Worten auch als solchen entlarvt: vorsorgen kann man nur, solange man v ö l l i g gesund ist, die Betonung liegt auf völlig: schon bei vergleichsweisen Bagetellerkrankungen- wie z.B etwas Übergewicht, erhöhtes Cholsterin - fällt es schwer einen Versicherer zu finden, der einen überhaupt versichert, und dann auch nur gegen erheblichen Risikozuschlag. Besonders tragisch ist dies bei privaten Berufsunfähigkeits versicherungen: die staatlichen Sicherungssysteme decken dieses Risiko im Grunde nicht mehr..... die privaten BU - Versicherer führen eine Selektion bei neuen Anträgen durch, die sich gewaschen hat..... vom Gesundheitszustand, bis zum ausgeübten Beruf !!
Snipy, 23.04.2008
2. Schweinerei
Guter Artikel. Dass Reiche sich bessere Leisutngen leisten können als Ärmere wir dimmer so bleiben. Dass aber Versicherungen nach chronischen Krankheiten ihre Kunden auswählen können ist eine Schweinerei und gehört verboten. Hier soll das Recht auf Gleichberechtigung/Privatsphäre gesetzlich durchgesetzt werden! Außerdem können vermeintlich Gesunde (Racuher z.b.) später genauso viel oder mehr Kosten verursachen als irgenein gesunder Allergiker oder Asthmatiker. Deuschland sollte sich für die vermeintliche Kranken-Gesunden Selektion der Privatversicherer schämen...
clarion2002 23.04.2008
3. Das ist ja sooo wahr
Hallo, es ist echt eine Schande. Ich bin fast taub. An Taubheit stirbt man nicht, außerdem sind die Folgekosten aufgrund der Hörbehinderung sehr übersichtlich. Mein Cochlea-Implantat auf dem rechten Ohr könnte zugebermaßen in zehn oder zwanzig Jahren oder überhaupt nicht kaputt gehen. Aber so furchtbar teuer sind CI-OPs auch nicht. Alle paar Jahre brauche ich auf der linken Seite ein Hörgerät. Ansonsten erfreue ich mich glücklicherweise einer ausgezeichneten Gesundheit. BU-VErsicherung für Taubis gibt es nicht, nicht mal wenn man den Beruf mit der Taubheit erlernt hat. Man nimmt mich aber gerne in die Lebensversicherung auf. Wenn man da da Kleingedruckte liest, steht da, Folgen der Taubheit werden ausgeschlossen. Sollte ich also aufgrund eines Unfalls das Zeitliche segnen, wird bestimmt behauptet, wäre ich hörend, wäre der Unfall nicht passiert. Dann kriegt meine Familie auch nix oder müsste sich in einem nervenaufreibende Streit drum schlagen. Sollte mein Ableben auf Krankheit beruhen, wird man bestimmt eine kreative Verbindung zwischen dem Gehör und der jeweiligen Krankheit finden. Die PKV wollte einen so hohen Risikozuschlag, dass ich obwohl verbeamtet und beihilfebrechtigt als (haha) freiwillig gesetzlich Versicherte besser fahre. Das ist echt eine Schande.
Pablo alto, 23.04.2008
4. Kein Risiko, keine Krankenkasse, kein Pech
Zitat von SnipyGuter Artikel. Dass Reiche sich bessere Leisutngen leisten können als Ärmere wir dimmer so bleiben. Dass aber Versicherungen nach chronischen Krankheiten ihre Kunden auswählen können ist eine Schweinerei und gehört verboten. Hier soll das Recht auf Gleichberechtigung/Privatsphäre gesetzlich durchgesetzt werden! Außerdem können vermeintlich Gesunde (Racuher z.b.) später genauso viel oder mehr Kosten verursachen als irgenein gesunder Allergiker oder Asthmatiker. Deuschland sollte sich für die vermeintliche Kranken-Gesunden Selektion der Privatversicherer schämen...
Das Ganze heißt nun mal PRIVATversicherung nicht Sozialismus. Also können sich Versichererer ihre Kunden (sogenannte "Risiken") auch aussuchen. Der Golfklub nimmt auch nicht jeden. Wir haben doch schon ein gesetzliches - wie Sie es fordern "gleichberechtigtes" - System, ein Milliardengrab, das aber seltsam, seltsam nicht so recht funktioniert. Ist doch ganz erhellend, dass der Autor des Artikels liebend gerne zu den Privaten wechseln würde. Warum wohl? Weil die so schlecht sind? Privatversicherte leben - im Durchschnitt! nicht jeder Einzelne - gesünder. Sie haben weniger Übergewicht, machen mehr Sport, rauchen kaum, trinken wenig und - oh, Wunder - leben auch länger. Und sie gehen seltener zum Arzt und verursachen weniger Kosten. Und dass man beim Arzt schneller drankommt - außer in Notfällen, wie der Artikel ja auch fairerweise belegt -, versteht sich von selbst. Wenn Sie bei Ihrem Bäcker für das (Bio-)Brötchen bereit sind, das 2,3 bis 2,7-fache zu bezahlen, müssen Sie auch nicht in der Schlange stehen.
limulus2 23.04.2008
5. leider zu wahr
tja private kv...haha. wie schon erwähnt. nur wenn max. 30 und mehr als kerngesund. ich habe behandelten und leichten bluthochdruck und hatte, betonung liegt auf hatte, probleme mit der wirbelsäule, weil ich früher in der landwirtschaft gearbeitet habe...sonst nix... entweder nimmt mich eine kv nicht, oder ich bezahle horrende beiträge... ich kann nur jedem raten, wenn privat, dann mit 20 als superverdiener und kerngesund.....
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