Mohrs Herzschlag Meine verlorene Zeit

In 46 Lebensjahren lag ich, chronisch herzkrank, 25-mal stationär im Krankenhaus. 80-mal war ich bei ambulanten Untersuchungen, 300 Mal habe ich einen Kardiologen aufgesucht. Die Krankheit stiehlt mir das Wertvollste: Lebenszeit.

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Die Verluste kann ich nur grob beziffern: In meinem bisherigen Leben, 46 Jahre immerhin, habe ich mindestens 25-mal stationär in einem Krankenhaus gelegen, jeweils zwischen einer Nacht und mehreren Wochen - in Tübingen und Stuttgart genauso wie in Hamburg, unterschiedlichen kleinen deutschen Städten, aber auch mal in Palm Desert im US-Bundesstaat Arizona.

"Ich habe so unendlich viel wertvolle Lebenszeit verloren, es könnte mir die Tränen in die Augen treiben"
Corbis

"Ich habe so unendlich viel wertvolle Lebenszeit verloren, es könnte mir die Tränen in die Augen treiben"

Zu ambulanten Untersuchungen oder Behandlungen war ich locker in über 80 Fällen in irgendwelchen Kliniken. Verschiedene niedergelassene Kardiologen habe ich geschätzt zwischen 200-und 300-mal aufgesucht. Alles natürlich nicht freiwillig, sondern meiner chronischen Herzkrankheit geschuldet.

Seit über einem Vierteljahrhundert darf ich an keinem Tag vergessen, zwei- oder dreimal meinen Tablettencocktail, die chemischen Helferlein meines Herzens, zu schlucken. Immer muss ich für den Notfall, sollten meine multiplen Herzrhythmusstörungen mich plötzlich attackieren, medizinische Papiere bei mir führen. Vor jeder größeren Reise muss ich mir überlegen, in welches Krankenhaus ich mich bei einem Anfall retten könnte.

Die Krankheit entreißt mir Minuten, Stunden, Tage, Wochen

Zu all diesem Aufwand kommen dann auch bei mir noch die medizinischen Späße, die jeden Menschen plagen: Stippvisiten beim Hausarzt wegen Husten, Schnupfen, Heiserkeit, Kurztrips zu Hautärzten, Orthopäden oder anderen Medizinmännern - je nach Zipperlein oder ernsterer Krankheit.

Jeder dieser medizinisch notwendigen Zwänge kostet mich neben allem anderen eines: Zeit, Zeit, Zeit!

Eine dauerhafte Krankheit, in meinem Fall mein schwer malades Herz, entreißt einem Minuten, Stunden, Tage und Wochen, gefühlt fehlen mir Jahre. Ich habe so unendlich viel wertvolle Lebenszeit verloren, es könnte mir die Tränen in die Augen treiben.

Manchmal möchte ich mein Herz, meine Herzkrankheit vor ein imaginäres Gericht zerren: angeklagt des Zeitdiebstahls in einem fortgesetzten, besonders schweren Fall, ein Intensivtäter ohne Aussicht auf Besserung. Jede Sekunde möchte ich zurückhaben und zehn Jahre extra für die erlittenen Qualen.

Die Krankheit wird zur übermächtigen Größe

Dabei raubt einem die Krankheit ja nicht nur Zeit, sondern Kraft, Kreativität, Lebensfreude, sie nimmt einem jede Menge Chancen. Mein chronisches Leiden plündert Tag für Tag meine Lebensreserven, wie ein Parasit frisst es sich satt an meinem Leben.

Schwerkranke Menschen leben parallel in zwei Welten, im realen Hier und Jetzt mit den anderen Menschen und in einem Universum der Sorgen, Ängste und Phantasien, die alle um die Krankheit kreisen. Wann peinigt mich mein Herz mit den nächsten Herzrhythmusstörungen? Wann wartet der nächste operative Eingriff im Krankenhaus auf mich? In katastrophalen Phasen wird die Krankheit zur übermächtigen Größe, die fast alle Aspekte des Lebens zu dominieren droht.

Oft denke ich, was ich alles in der Zeit unternehmen könnte, in der mich meine Krankheit belagert: mehr mit meiner kleinen Tochter spielen, mehr für meine Frau da sein, häufiger mit Freunden ausgehen, joggen, den Nachthimmel beobachten. Zeit ist mit das Wichtigste, das man hat. Und eines Tages hat man plötzlich nicht mehr genug.

Sich erholen, entspannen. Nichts tun, ohne Furcht und Grübeleien, ohne einen Gedanken an meine Herzkrankheit zu verschwenden. Einfach nur da sein, um da zu sein. Die Gedanken richtungslos treiben lassen, der Phantasie Raum lassen, von einem Luftschloss zum nächsten hüpfen. Das ist einer meiner Träume vom Gesundsein.

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