Mohrs Herzschlag Nix wie weg!

Antarktis, Kilimandscharo, Sahara: Auch ein Herzkranker wie ich will verreisen - und das nicht nur in den Schwarzwald, an die Nordsee oder in den Harz. Ich träume von fernen Ländern. Dank guter Vorbereitung bleibt's nicht nur beim Träumen.

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Hamburg - Am vergangenen Wochenende waren Freunde aus den USA bei uns zu Besuch. Sie berichteten, dass sie wohl von Cape Cod bei Boston, wo sie derzeit leben, ins Silicon Valley nach Kalifornien umziehen, von der amerikanischen Ostküste an die Westküste also. Schnell war beim Grillen im Hamburger Garten die Idee geboren, meine Frau, ich und unsere kleine Tochter könnten sie noch schnell diesen Sommer oder im Frühherbst auf der traumhaften Halbinsel Cape Cod besuchen.

Seychelleninsel Mahe: Wie hoch ist das Niveau der dortigen Krankenhäuser? Zahlt meine Krankenversicherung, wenn mir im Ausland etwas passiert?
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Seychelleninsel Mahe: Wie hoch ist das Niveau der dortigen Krankenhäuser? Zahlt meine Krankenversicherung, wenn mir im Ausland etwas passiert?

Eigentlich klar: Ein uramerikanisches Haus im Grünen, drei Minuten zum Meer, kilometerlanger Sandstrand, nur gut eine Stunde entfernt die Metropole Boston, das alles mit Freunden - nix wie hin! Doch augenblicklich gingen bei mir die Alarmlampen an: Kann ich meinem maladen Herzen derzeit solch eine Fernreise zumuten?

Dieses Frühjahr hat meine eigenwillige Lebenspumpe mich mit ihren Rhythmusstörungen schon zweimal ins Krankenhaus gezwungen, meine Medikamente mussten mehrmals neu justiert werden, mein chaotischer Herzschlag hielt mich manche Nacht wach.

Also doch besser deutsche Ostsee statt amerikanischer Ostküste? Nur 120 Minuten mit dem Auto fahren statt zwölf Stunden Flugreise plus sechs Stunden Zeitverschiebung? Kein Hummer und kein T-Bone-Steak, dafür heimische Sprotte und Hering? Meine Herzkrankheit stellt wieder einmal eine ihrer fiesen Fragen: Verzicht üben, um keine unnötigen Risiken einzugehen - auch was das Reisen betrifft?

Auch kranke Jungs und Mädels wollen die Welt sehen, logisch!

Jedes Jahr stehen Millionen chronisch kranker Menschen vor einem Dilemma: Kann ich überhaupt in den Urlaub fahren? Wenn ja, wohin? An welchem Urlaubsort warten gute Ärzte auf mich? Wie hoch ist das Niveau der dortigen Krankenhäuser? Zahlt meine Krankenversicherung, wenn mir im Ausland etwas passiert? Dabei ist eines sicher: Auch kranke Jungs und Mädels wollen die Welt sehen, logisch!

Wie immer im Leben gilt auch beim Reisen: Der Grad zwischen Mut und Dummheit ist schmal, gerade mit körperlichen Leiden im Gepäck. Doch wer sinnvoll plant, kommt meist weiter, als er denkt. Kein Land, kein Berg, keine Wüste, kein Meer sollte zu früh verloren gegeben werden.

Zuerst muss jeder die für ihn unumstößlichen Grenzen akzeptieren. Für mich bedeutet das: Feuchttropisches Klima gefällt meinem Herz und meinem Kreislauf überhaupt nicht, also wird der Amazonas mich nie sehen. Rauf auf die hohen Berge, jenseits der 3000 Meter, keine Chance, der Montblanc, der Kilimandscharo und der K2 müssen auch die nächsten Million Jahre ohne mich auskommen. Verwunschene Orte in der Antarktis, der nördlichen Mongolei oder tief im australischen Outback, die sich auf keiner Landkarte finden, ich werde sie niemals erkunden.

Wichtig bei der Weltumrundung: Die Vorbereitung

Die Grenzen meiner Abenteuerlust sind im Grunde einfach: Klima und lokale Lebenswelt dürfen nicht zu extrem sein - und innerhalb weniger Stunden muss ein Krankenhaus mit kardiologischer Abteilung zu erreichen sein. Trotzdem kann ich einen Großteil unseres Planeten erobern, entscheidend ist die Vorbereitung.

Wer pauschal reist, kann sich natürlich bei seinen Reiseveranstalter oder dem gebuchten Hotel über die medizinische Versorgung vor Ort informieren. Aber auch längere Individualreisen sind vor allem dank Internet weit weniger schwierig als früher. Viele Orte und Regionen überall auf der Welt präsentieren sich heute auf einer eigenen Homepage, auf der meist auch Hinweise auf Ärzte und Kliniken stehen.

Auf deren Seiten wiederum lässt sich häufig ziemlich genau recherchieren, welche medizinischen Leistungen angeboten werden. Ist etwas unklar, einfach eine E-Mail schicken. Und auch in fremden Ländern gibt es Patientenorganisationen, die via Word Wide Web ihre Hilfe anbieten.

So habe ich mir etwa bei Rundreisen durch die USA mit zehn oder fünfzehn verschiedenen Quartieren schon vorher in Deutschland für die grob geplanten Reiseroute via Netz Krankenhäuser ausgekundschaftet, die mir im Notfall helfen könnten. Sehr wichtig: Immer ein Attest in der jeweiligen Landessprache oder auf Englisch im Reisegepäck haben!

Immer griffbereit: Ein "24-Hour-Emergency-Room"-Guide

Und die Mühe war leider nicht immer umsonst, einmal ist das Ärgerliche tatsächlich passiert: Eines Abends sitze ich in Palm Desert im südlichen Kalifornien in meinem Motelzimmer vor dem Fernseher, ich hatte gerade noch im gegenüber gelegenen Albertson-Supermarket leckere Snacks eingekauft, da läuft mein Herz aus dem Ruder - ich spüre es sofort: Herzrhythmusstörungen, eindeutig rasendes Vorhofflimmern!

Als mich die Attacke nach einer halben Stunde immer noch quält, schlage ich in meiner "Reise-Herzmappe" das nächstgelegene Krankenhaus mit "24-Hour-Emergency-Room" nach. Die Klinik ist nicht weit, in Rancho Mirage, einem nur wenige Meilen entfernten Ort, es ist das Eisenhower Medical Center. Da ich zuhause schon eine Karte der Klinik, sie fand sich auf deren Homepage, ausgedruckt habe, weiß ich auch, wo genau ich die Notaufnahme finde, auf dem Bob Hope Drive.

Die Versorgung dort ist exzellent: Nach Aufnahme meiner Daten, einer ausführlicher Untersuchung und einem Gespräch starten ein Kardiologe und ein Anästhesist die notwendige Prozedur - eine Kurznarkose und Elektroschocks. Mein Herz wird gewaltsam wieder zu regelmäßigem Schlagen gezwungen, innerhalb von drei Stunden ist alles vorbei. In so kurzer Zeit klappt das in Deutschland nur selten.

Billig war die Rettung allerdings nicht. Noch während ich in der Notaufnahme lag, musste meine Frau per Kreditkarte 1000 Dollar Vorschuss leisten, insgesamt kostete der Spaß mich rund 4000 Dollar. Also Achtung: Gesund werden kann teuer sein, insbesondere im Ausland. Immer, immer eine Auslandskrankenversicherung abschließen.

Ich habe mich dann einige Tage länger als geplant in Palm Desert und im nahe gelegenen Joshua Tree National Park erholt. Wüste und Felsen pur - wunderbar. Trotz Herzrhythmusstörungen und Klinik, es war ein toller Urlaub!

Und wohin geht’s jetzt dieses Jahr? Am besten direkt von der deutschen Ostsee an die amerikanischen Ostküste.

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