Mohrs Herzschlag Nur Mut, ihr chronisch Kranken!

Eine Reise in die USA kann genauso gefährlich sein wie ein Ausflug in die Tiefsee - jedenfalls für Menschen mit chronischen Krankheiten. Herzpatient Joachim Mohr wagte den Schritt ins Ungewisse spät, doch bereut hat er ihn nie. Er rät Leidensgenossen: Seid vorsichtig, aber mutig!


Es war ein berauschender Augenblick, als ich das erste Mal amerikanischen Boden betrat. Ich schritt aus der Halle des McCarran Airports in Las Vegas und fühlte mich stark, unabhängig, so frei wie noch nie in meinem Leben. Der Himmel öffnete sich milchig-blau, die Sonne glitzerte, die Luft flirrte trocken und heiß. Die Welthauptstadt des Glückspiels und Entertainments lockte mich: Casinos, Bars, Live-Musik. Es schien mir unglaublich - ich war in den Vereinigten Staaten von Amerika!

Blick auf Las Vegas: Berauschender Augenblick
DPA

Blick auf Las Vegas: Berauschender Augenblick

Doch meine Begeisterung galt in diesem Moment weniger dem irren Disneyland für Erwachsene, nein, mein Enthusiasmus war ein anderer: Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich Europa verlassen, war 9000 Kilometer geflogen, über den ganzen Atlantischen Ozean und den halben nordamerikanischen Kontinent. Und das trotz meiner schweren Herzkrankheit! Vor mir lagen drei Wochen auf dem Highway, jede Nacht in einem anderen Motel, am Steuer eines Mietwagens durch den Westen der USA. Unfassbar, mein lebensgefährlich krankes Herz konnte mich nicht stoppen!

Lange Jahre hatte ich Rücksicht genommen auf die störanfällige Pumpe in meinem Brustkorb mit ihren katastrophalen Herzrhythmusstörungen und auf weite Reisen verzichtet. Der Globus außerhalb Europas war tabu, selbst in Europa waren viele Länder für mich Terra incognita - teils aus berechtigter Sorge, teils aus purer Angst. Jetzt endlich hatte ich es gewagt, meine Grenzen dramatisch erweitert. Ich hatte mir eine neue Welt, die neue Welt erobert!

Vom Glück, sich stark zu fühlen

Seit meinem damaligen Trip in die Vereinigten Staaten vor über zehn Jahren ist mein nettes krankes Herz leider noch kränker geworden. Oft musste ich in Kliniken, viele Untersuchungen und einige Eingriffe über mich ergehen lassen. Oft halfen nur Elektroschocks, um mein Herz wieder normal schlagen zu lassen. Trotzdem bin ich weiter gereist, war ich wiederholt in den USA und sogar in Japan. Einmal erwischte mich ein Anfall böse in Palm Desert im US-Bundesstaat Arizona, ich musste schnell in ein Krankenhaus, mein Herz lief massiv aus dem Ruder, Vorhofflimmern! Meine Erkenntnis nach dem Chaos: Intensivmedizin inklusive Elektroschocks, das können die Herren Doktoren im Land der Cowboys und Indianer auch.

Neben dem Reisen habe ich nach langen Jahren auch wieder angefangen, Sport zu treiben. Ich jogge regelmäßig, erlaube mir sogar ab und zu ein wenig Krafttraining. Außerdem fahre ich jeden Tag mit dem Fahrrad in die SPIEGEL-Redaktion, morgens und abends jeweils 35 Minuten.

Langsam, immer überlegt, immer in Absprache mit meinem Kardiologen, habe ich die mir durch meine Krankheit gesetzten Grenzen verschoben - hin zu mehr Freiheit, hin zu mehr Unabhängigkeit. Der Gewinn dabei ist nicht nur die Chance, ferne Länder kennenzulernen, sondern das Glück, sich stark zu fühlen, ein Stück weniger von meiner mir manchmal übermächtig erscheinenden Krankheit abhängig zu sein.

Mutig in die Todeszone - aber mit Vorsicht

Ich kann allen dauerhaft Kranken nur raten: Seid vorsichtig, aber mutig! Der Volksmund weiß es nicht umsonst: Wer nichts riskiert, gewinnt nichts. Sicher, der Grat zwischen Mut und Dummheit ist schmal, gerade für chronisch Kranke, deshalb keine überstürzten Aktionen. So sind Länder ohne exzellente medizinische Versorgung für mich weiter verboten, logisch. Und eine Fahrt in einer Achterbahn käme in meinem Fall einem Selbstmordversuch gleich - also bleibt dieser Spaß für mich gestrichen.

Vor einigen Wochen habe ich in Wien den besten Freitaucher der Welt getroffen. Der Österreicher Herbert Nitsch ist schon zu Lebzeiten eine Legende unter den sogenannten Apnoe-Tauchern. Mit nur einmal Luft holen ist er in 214 Meter Wassertiefe vorgedrungen.

In dieser Tiefe ist das Meer eines der lebensfeindlichsten Gebiete dieses Planeten, eine Todeszone. Kalt, dunkel, kaum Fische, kaum Pflanzen - dafür enormer Druck, mehr als 22 Bar. Tiefer als 160 Meter tauchten bis heute außer Nitsch nur vier Menschen. Zwei davon sind bei Rekordversuchen ums Leben gekommen, einer sitzt im Rollstuhl, nur eine Amerikanerin hat es unbeschadet überstanden.

Wagen wir uns an unsere Grenzen!

Nitsch plant seine Trips ins nasse Nichts der Wasserhölle akribisch über Monate. Seine Augen leuchten, wenn er sagt: "Es hat einen großen Reiz, an die eigenen Grenzen zu gehen." Der Extremtaucher betont, dass er "auf Logik und Objektivität gegen die Gefahr" setzt, Gefühle hält er für "schlechte Ratgeber". Dabei ist für ihn klar: "Jeder muss das Risiko für sich selbst einschätzen."

Nun will ich niemanden zum Tieftauchen überreden - für jeden Herzkranken ein wahrscheinlich tödliches Unterfangen. Ich persönlich tauche gar nicht, keine fünf Meter. Doch der Mumm von Grenzgängern wie Herbert Nitsch spornt mich an. Denn auch als chronisch Kranker braucht man oft einen stärkeren Willen und mehr Wagemut als der gesund-fidele Durchschnittsbürger.

Jeder Kranke hat seine eigenen Schranken: ein Gehbehinderter ganz andere als ein Mensch mit einer Phobie oder eben ein Herzleidender wie ich. Geben wir nicht zu früh auf - wagen wir uns an unsere Grenzen! Mag es sich auch nur darum drehen, wieder ein paar Meter zu gehen, sich wieder unter Menschen zu wagen, oder eben, wie für mich, über den Atlantik zu fliegen. God bless America!

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Seite 1
matthias schwalbe, 22.11.2007
1.
Wenn man Privatpatient ist-ja !
n@menlos 22.11.2007
2.
Zitat von matthias schwalbeWenn man Privatpatient ist-ja !
Ich bin zwar nicht chronisch krank. Aber auch als Privatpatient fühle ich mich in den letzten Jahren schlecht behandelt. Kann mir gar nicht vorstellen, wie es da erst vielen Kassenpatienten geht...
nepomuk_23 22.11.2007
3.
kann ich nur bestätigen, bin auch privat versichert. Aber nicht nur Artzbesuche sondern auch Physiotherapie ist mehr Abfertigung als Therapie
matthias schwalbe, 22.11.2007
4.
Zitat von n@menlosIch bin zwar nicht chronisch krank. Aber auch als Privatpatient fühle ich mich in den letzten Jahren schlecht behandelt. Kann mir gar nicht vorstellen, wie es da erst vielen Kassenpatienten geht...
Das meinte ich eigentlich auch ,dass heute der Privatpatient oft mehr abgezockt wird ,als der Kassenpatient. Ich sehe dass auch an meinen Arzrechnungen. Da wird naemlich nur sinnlos die Zeit von mir verprasst. Und der liebe Doc macht Untersuchungen,welche nicht noetig sind ! Aber dafuer nimmt er sich ja auch mindestens den 2,3 fachen Satz. Kommisch nur,dass er/sie meisst bei den aufwendigen und teueren Positionen den erhoehten Satz berechnen. Ich peroenlich glaube nicht,dass heute noch ein sehr grosser Unterschied zwischen Kassen-und Privatpatient besteht. Dem Kassenpatienten seine Krankenkasse wird genau so beschissen wie ich auf meiner Rechnung-nur kann der Kassenpatient dies alles nicht schwarz auf weiss sehen. Es sei denn er geht zu seiner Kasse,aber dass macht ja kaum jemand.
Severine1985, 22.11.2007
5.
Zitat von sysopWer chronisch krank ist, sollte sich umfassend über sein Leiden und die Behandlungsmöglichkeiten informieren. Nimmt sich Ihr Arzt genug Zeit für Ihre Fragen?
Vorab: Ich bin Kassenpatientin. Mein Hausarzt würde sich diese Zeit gerne nehmen, aber er hat sie nicht: Ich lebe auf dem Land, und bei uns herrscht Ärztemangel. Immerhin verschreibt er mir alle meine Medikamente, auch wenn er damit riskiert, sein Budget zu überschreiten. Mit Fachärzten habe ich bisher nur wenige gute Erfahrungen gemacht, fühlte mich zumeist abgefertigt, wurde auch schon mehrfach Opfer von Kunstfehlern. Mein Vertrauen ist entsprechend gering. Ich habe mehrere chronische Erkrankungen. In einem Fall haben mir vor allem Bücher geholfen, in einem anderen ein Selbsthilfeforum, in einem weiteren die Recherche auf amerikanischen Websites. Hätte ich immer auf meine Ärzte gehört, wäre ich jetzt vermutlich nicht mehr am Leben (keine Übertreibung). Sev
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