Mohrs Herzschlag Stromausfall vor meiner Herz-OP

Es ist soweit: SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist Joachim Mohr ist im Krankenhaus, in wenigen Stunden wird eine lebensgefährliche Herz-OP bei ihm durchgeführt. Das geht im Vorfeld nicht ohne kleine Pannen ab - die Aufregung steigt.


Um sechs Uhr am Morgen wache ich das erste Mal auf, bis acht Uhr döse ich weiter. Zügig aufzustehen macht keinen Sinn, Brötchen und Tee sind an diesem Tag tabu, da ich nüchtern bleiben muss.

Klar, alle meine Gedanken sind jetzt auf die in wenigen Stunden bevorstehende Operation gerichtet. Um zehn Uhr soll es heißen: Los, ab in den OP, viel Spaß!

Mit mehreren Kathetern wollen die Ärzte hier in der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg in mein Herz vordringen, in meinen Herzkammern mit Hilfe von Hochfrequenzstrom und Hitze Gewebe zerstören und so meine Herzrhythmusstörungen beseitigen. Extrasystolen, eine atriale Tachykardie und Vorhofflimmern, so die hübschen Namen meiner verschiedenen Rhythmusstörungen, sie alle sollen nach Möglichkeit bei diesem Eingriff langfristig beseitigt werden.

Die drei großen Risiken

Natürlich mache ich mir Sorgen. Die Liste der möglichen Komplikationen bei solch einem Eingriff ist lang und beruhigt nicht gerade die Nerven. Neben eher kleineren Ärgernissen wie Blutungen oder Infektionen an den Stellen, wo die Katheter in beiden Leisten und dem linken oberen Brustbereich eingeführt werden, gibt es vor allem drei Risiken:

• Es kann zu einem Schlaganfall kommen, da sich während und nach der Operation Blutgerinnsel bilden können, die aus dem Herz ins Gehirn ausgeschwemmt werden.

• Wird das Vorhofflimmern abladiert, können sich in den Wochen oder Monaten nach dem Eingriff die Lungenvenen zusammenziehen oder gar verschließen. Solch eine Verengung muss dann mit Hilfe eines Ballons wieder gedehnt werden, oder es wird sogar ein Stent eingesetzt, ein Implantat, das die Gefäßwand auf Dauer stützt.

• In sehr seltenen Fällen kann sich bei der Ablation des Vorhofflimmerns auch ein Gang zwischen einem Vorhof des Herzens und der Speiseröhre bilden. Das ist immer tödlich.

Nicht umsonst betont ein Ärzteteam des Universitären Herzzentrums Hamburg in einem Aufsatz in der Fachzeitschrift "Herz" vor kurzem, dass es sich bei der Katheterablation "um einen Eingriff mit potentiell lebensbedrohlichen Kompliakationen handelt", und eine solche deshalb nur in "erfahrenen Zentren" durchgeführt werden sollte. Vielleicht sollte ich besser keine Fachpublikationen zu meiner Krankheit lesen.

Ich zwinge mich, nicht nur an die Gefahren zu denken, sondern auch an die Chancen, die der Eingriff für mich bietet. Mein Leben lang kämpfe ich schon mit meinen bedrohlichen Herzrhythmusstörungen, seit fast drei Jahrzehnten schlucke ich alle möglichen Medikamente aus dem medizinischen Chemiekasten, rund 25-mal musste ich schon elektrokardiovertiert werden, das heißt mein Herzschlag mit Elektroschocks wieder normalisiert werden. "Grillen" oder "stromen" nennen das Ärzte und Pfleger in den Notaufnahmen gern.

In einem der Operationsräume ist der Strom ausgefallen

Läuft alles optimal, könnte das alles in wenigen Stunden Geschichte sein. Habe ich die richtige Portion Glück, verschwinden meine Rhythmusstörungen für immer. Welch eine grandiose Perspektive! Welch ein neues Leben wäre das!

Ich schaue aus dem Fenster meines Zimmers direkt auf ein neues Bürogebäude, weiß, futuristisch gestaltet, mit riesigen runden Fenstern. Es gefällt mir, es erscheint mir wie ein Versprechen für eine neue Zukunft.

Da die Katheter an den Leisten eingeführt werden, müssen zwischen den Beinen alle Haare weichen. Ich rasiere mich selbst – toll, ein neuer Look!

Um 10.30 Uhr braust Professor Karl-Heinz Kuck, der Leiter der Kardiologie, in mein Zimmer und bittet um Entschuldigung: In einem der Operationsräume sei der Strom ausgefallen, Techniker seien unterwegs, wahrscheinlich komme ich gegen 13.00 Uhr an die Reihe. Ich muss schmunzeln: Vielleicht liegt es ja nur an einer Sicherung, wie zu Hause.

Gegen 14.00 Uhr werde ich ins Elektrophysiologische Labor geschoben, wo die Kathetereingriffe vorgenommen werden. Alle lebenden Wesen dort sind schon in schicke grüne OP-Klamotten gehüllt, ich trage nur noch ein hinten offenes Hemdchen. Auf den OP-Tisch muss ich mich selber legen, ein Tritt mit zwei Stufen hilft beim Aufstieg.

Auf Gedeih und Verderb den Medizinern ausgeliefert

Meine Leisten und die linke obere Brusthälfte werden mit großen Mengen antiseptischer Flüssigkeit desinfiziert, über meine Hoden darf ich mir einen lustigen Bleischutz gegen die Röntgenstrahlen schieben. Die Röntgenanlage wird justiert, ein Arzt nimmt noch einmal Blut ab, ich werde mit jeder Menge Tüchern abgedeckt und an den OP-Tisch geschnallt - die Beine, der Rumpf, die Arme.

Jetzt bin ich den Medizinern ausgeliefert, "auf Gedeih und Verderb" heißt es doch so wahr und schön.

Ein Arzt, den ich wegen seines Akzentes für einen Holländer gehalten habe, erklärt mir, dass er Niederländer sei, und Holland nur ein Teil der Niederlande. Ich muss schmunzeln und denke, was man auf einem OP-Tisch alles lernen kann.

Dann tritt Professor Kuck, verpackt in schwere Bleischutzwesten, an den OP-Tisch. "Sie sind ja ganz entspannt", meint er.

"Gleich werden Sie schlafen", sagt der Anästhesist und lächelt. Ich kenne das: Kurz spüre ich noch, wie eine warme Welle in meinen Kopf vordringt, es ist angenehm, ich leiste keinen Widerstand - Dunkelheit.

Den nächsten Teil lesen Sie am Freitag auf SPIEGEL ONLINE

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