Mohrs Herzschlag Vielen Dank, ihr weißen Biester!

Mediziner reizt die Wirkungsweise von Medikamenten zum Fachdisput, doch Patienten kann das Thema mächtig Angst einjagen. Was vor Jahren als Nonplusultra galt, ist heute Teufelszeug und morgen womöglich wieder angesagt. Zum Verrücktwerden, findet Joachim Mohr - und sagt danke.


"Die beiden Medikamente dürfen Sie aber auf keinen Fall zusammen einnehmen - das kann lebensgefährlich sein!" Der Apotheker gestern Nachmittag war wieder einer von der aufmerksamen Art. Als er mein Rezept sah, blickte er mir gleich sorgenvoll in die Augen.

Mohrs tägliche Tablettenration: Lebensverlängernd oder tödlich?
Joachim Mohr

Mohrs tägliche Tablettenration: Lebensverlängernd oder tödlich?

Ja, es stimmt, vor der gleichzeitigen Einnahme meiner beiden wichtigsten Medikamente wird gewarnt. Werden sie zur selben Zeit geschluckt, können sie lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen auslösen. Aber der Chef-Kardiologe in meiner Hamburger Klinik hat sie mir verschrieben, um bei mir - ja, genau - lebensbedrohlich Herzrhythmusstörungen zu verhindern.

Was widersprüchlich klingt, ist es auch. Die beiden Wunderdrogen haben die Aufgabe, meinen Puls im Zaum zu halten: Nicht zu schnell, nicht zu unregelmäßig soll er schlagen, im sogenannten Sinusrhythmus muss er bleiben. Ohne die Chemie-Keulen der Pharma-Industrie würde mein Herz wohl noch öfter tun, wozu es leider neigt: stolpern, springen, rasen, jagen. Wenn ich einmal das große finale Pech habe, wird es erst sehr schnell schlagen und dann plötzlich stehen bleiben - für immer.

Ein angeborenes Loch in der Herzscheidewand, schwere Herzrhythmusstörungen, mehrere operative Eingriffe - seit meiner Kindheit ist mein Herz kein wartungsfrei surrender Motor wie bei den meisten Menschen, sondern ein ziemlich anfälliger Schrotthaufen, von dem niemand weiß, wie lange er noch läuft. Mein Herz ist die größte Gefahr in meinem Leben.

Ob die beiden Arzneimittel nun auf keinen Fall zusammen eingenommen werden dürfen, weil sie gemeinsam bedrohlichste Nebenwirkungen verursachen können, oder ob die zwei als Team besonders heilbringend sind - das ist unter Ärzten umstritten. Was Mediziner vielleicht zum Fachdisput reizt, kann einen als Patienten natürlich wahnsinnig machen. Hilft die verordnete Therapie oder schadet sie mir? Verlängert sie mein Leben - oder bringt sie mich gar um?

Zwischen Wissen, Erfahrung und Ansichtssache

In den vergangenen drei Jahrzehnten haben die Medizinmänner dieser Welt ein ganzes Arsenal verschiedener Wirkstoffe an mir und meinem Herzen getestet: Verapamil, Chinidin, Amiodaron, Flecainid, Sotalol, dazu Digitoxin, Acetylsalicylsäure, zeitweise Phenprocoumon und noch das eine oder andere Zeug mehr, das ich vergessen habe.

Einige der Stoffe haben gut gewirkt, aber nur eine Zeit lang, andere zu wenig, wieder andere nicht genau in der gewünschten Weise. Und Nebenwirkungen, logisch, gab es auch. So rief etwa eines der pharmazeutischen Heilmittel bei mir eine Schilddrüsenüberfunktion hervor. Davon abgesehen, dass ich völlig hektisch wurde, und mein Schlafbedürfnis auf wenige Stunden sank, magerte ich ab: 58 Kilo Gewicht bei 184 Zentimetern Größe, das macht eine schlanke Silhouette!

Welche Medizin in welchem Fall hilft, und ob die Risiken der Einnahme zu vertreten sind - da sind ärztliches Wissen und Erfahrung gefragt, oft ist es aber auch nur Ansichtssache. Und Medikamente unterliegen sogar wechselnden Moden, jawohl Moden! Zu Beginn meiner Karriere als Herzkranker war der Stoff Chinidin sehr angesagt. Nachdem ich meinen Körper mehrere Jahre damit vollgepumpt hatte, kam das Mittel schwer in Verruf und wurde als supergefährlich verteufelt. Seit einiger Zeit erlebt der Wirkstoff nun wieder eine Renaissance. Auf ein Neues!

Auch kann das Geschäft mit den Medikamenten drastische Auswirkungen haben. Vor Jahren wurde ein für mich sehr wirksames Präparat vom Markt genommen, die Herstellung kurzerhand beendet - ohne Angabe von Gründen, zumindest für mich als Patient. Ich versuchte sogar noch beim Hersteller und im Ausland Restbestände zu ergattern. Die Umstellung auf andere Wirkstoffe war für mich dann leider mit mehreren Anfällen von Herzrhythmusstörungen und Krankenhausaufenthalten verbunden.

Kann ich als Patient überhaupt beurteilen, welches Medikament für mich sinnvoll ist und welches nicht? Oder gar, welche Dosis für meine Genesung genau die richtige ist? Nur sehr schwer. Klar, bei jeder Verschreibung muss ein Patient bei seinem Arzt nachhaken: Was soll mit den Pillen erreicht werden? Wie wirksam sind die Substanzen? Welche Nebenwirkungen können die Mittel haben? Gibt es Alternativen? Vor allem sollte man seinen Mediziner fragen: Würden Sie die Dinger schlucken?

Ich selbst könnte ohne die Wunderdrogen aus dem Chemiebaukasten der Pharmazie wohl nicht überleben. Deshalb sage ich trotz aller Risiken und Nebenwirkungen: Vielen Dank, ihr kleinen weißen Biester.

In der Medizin gilt wie so oft im Leben: kein Risiko, keine Wirkung, "no risk, no fun".



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.