Mohrs Herzschlag Wie krieg' ich meinen Lebensmut zurück?

Kein Licht am Ende des Tunnels: Nach zwei Notarzt-Einsätzen ist der chronisch herzkranke Joachim Mohr auch psychisch in denkbar schlechter Verfassung. Zum Glück helfen schon Kleinigkeiten, aus der Depression zurück ins Leben zu finden.


Die vergangenen Wochen waren mühsam, aufreibend, belastend: Zweimal musste ich mitten in der Nacht mit dem Notarztwagen in ein Krankenhaus, einmal wegen eines Kreislaufkollapses durch einen Magen-Darm-Virus, einmal wegen eines zu langsamen Herzschlags. Jeweils durfte ich nach wenigen Tagen wieder nach Hause, doch die Sorge war und ist groß, dass die Vorfälle mein operiertes und labiles Herz aus der Bahn werfen.

Gute-Laune-Symbol Sonnenblume: Versuchen Sie, Ihr eigenes Anti-Depri-Programm zusammenstellen.
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Gute-Laune-Symbol Sonnenblume: Versuchen Sie, Ihr eigenes Anti-Depri-Programm zusammenstellen.

In solchen Zeiten drückt die nervliche Anspannung gewaltig auf den Lebensmut. Jede Sekunde pulsiert in meinem Kopf die Furcht, in meinem Brustkorb könnten sehr gefährliche Herzrhythmusstörungen starten - wie in meinem Leben leider oft schon geschehen. Mich quälen dann Ängste vor Herzattacken, Schlaganfällen, Operationen oder gar einem Herzstillstand. Ich fühle mich meiner verwünschten Krankheit völlig ausgeliefert, allein im Universum, kraftlos, mutlos, voller Trauer, aber auch angefüllt mit Wut und Hass.

Ich kämpfe, mich nicht in einen Strudel lähmenden Schreckens hinabziehen zu lassen. Jedem, den eine Krankheit in die Schwermut zu treiben droht, kann ich nur raten: Geben Sie sich auf keinen Fall der Passivität hin, nein, wehren Sie sich!

Hier ein paar persönliche Tipps, die zumindest mir schon geholfen haben, wenn schwarze Wolken die Seele zu verdunkeln drohten:

Lässt es Ihre Gesundheit zu, dann gehen Sie raus! Machen Sie einen Spaziergang, eine kleine Wanderung, einen Lauf. Ob es kalt oder warm ist, regnet oder die Sonne scheint, Sie allein sind oder zu zweit, all das spielt keine Rolle. Wenn Sie nachts nicht schlafen können, stehen Sie auf, ziehen Sie sich an und gehen Sie raus. Spüren Sie Ihre Knochen, erleben Sie Ihr Wohngebiet menschenleer in aller Frühe. Durchstreifen Sie den Park in Ihrer Nähe oder die Wiesen am Stadtrand. Körperliche Aktivität tut fast immer gut. Das Leben spielt sich draußen ab, nicht im Krankenzimmer!

"Highway to Hell" zum Frustabbau

Leiden Sie schon früh am Morgen an schwerer Weltverachtung - Musik kann helfen! Zum Frühstück am besten Walzer, Klassiker von Johann Strauß, "Wiener Blut" oder auch den "Kaiserwalzer". Hören Sie die Stücke laut, so als würden Sie nur wenige Meter vor einem großen Orchester sitzen. Welche Pracht, welche Leichtigkeit!

Der Tag ist vorangeschritten, die Wut auf Ihr Schicksal ist gewachsen - dann brauchen Sie Härteres, eine Dosis Hard Rock. Simple Riffs, monotoner Rhythmus, ein Refrain zum Mitgrölen - wunderbar! Auch hier empfehle ich den Griff zum Altbewährten: AC/DC mit Stücken wie "Thunderstruck" oder "Highway to Hell". Ihre Ohren müssen schmerzen! Auch Lärm ist Leben.

Sie schauen sich lieber einen Film an? Leihen Sie sich "Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa" auf DVD aus. In der Tragikkomödie aus dem Jahr 1993 spielt Johnny Depp den jungen Erwachsenen Gilbert, dessen Vater Selbstmord verübt hat, dessen Bruder geistig und körperlich behindert und dessen Mutter schwerst übergewichtig ist. Er selbst hat nur einen Aushilfsjob und ein Verhältnis mit einer verheirateten, desillusionierten Enddreißigerin. Klingt elend? Ist es aber nicht. Denn eine Großmutter mit ihrer hübschen Enkelin strandet auf der Durchreise in dem kleinen Ort mitten im Nirgendwo. Und weil Gilbert nichts zu verlieren hat, kann er auf die Frage seines behinderten Bruders, wo sie beide hingegen können, antworten: "Überall hin. Wir können überall hingehen."

Für mich lindert oft ein Besuch im Kino den brennenden Weltschmerz - am besten am Nachmittag, gegen 16 oder 17 Uhr. Zu dieser Uhrzeit sitzen viele melancholische Alleinseher in den Vorführsälen, der einsame Sprung in eine verlockende Phantasiewelt kann Kraft geben und, je nach Film, über den Abend oder gar die Nacht retten.

"...damit das Denken die Richtung wechseln kann"

Natürlich vermag auch ein Buch den eigenen Grauschleier des Leidens zu lindern. Wer Mut hat, dem empfehle ich "Die Armee der Superhelden" des US-Amerikaners Stuart O’Nan. In den Kurzgeschichten kämpfen vom Leben gebeugte Verlierer um ihre Existenz, um ihre Würde und manchmal auch um die Liebe. Hier gibt es keine überraschenden Rettungen, keine Happy Ends, meist müssen die Helden des Alltags sich am Ende nur weiter durchschlagen in einer feindseligen Welt. Aber genau in diesem Weitermachen von Desaster zu Desaster liegen ihre Siege. Das eigene bedauernswerte Schicksal relativiert sich.

Am Gesicht eines jeden Kleinkindes kann es jeder erkennen: Essen und trinken macht glücklich. Auf was haben Sie Lust? Eine frische Ananas, Schokolade mit Ingwer oder ein japanisches Algen-Gericht? Machen Sie sich die Freude. Doch aufgepasst: Einfach nur viel von etwas, zwei Hamburger statt einem, eine ganze Packung Erdnüsse auf einmal oder gleich vier Stücke Himbeertorte, das hilft nicht, sondern frustriert zusätzlich. Es muss etwas Neues oder Besonderes sein. Wenn Sie Lust dazu haben, kochen Sie ein Gericht aus Ihrer Kindheit nach. Was Ihr Psychiater zum Rückfall in Mutters Schoß sagt? Vergessen Sie es.

Oder schreiben Sie Postkarten gegen die schwarzen Löcher in Ihrer Seele. Kaufen Sie sich einen Stapel hübscher, ausgefallener oder auch zynischer Karten, kleben Sie schöne Briefmarken drauf, nehmen Sie einen besonderen Stift und verfassen Sie kleine Notizen, flüchtige Randbemerkungen zu sich, Ihrem Wohnzimmer oder der Weltlage. Überlegen Sie nicht zuviel, schicken Sie die Karten an Ihre Freunde, alte Schulkameraden, Familienmitglieder, an Ihren Arzt oder Apotheker. Ob die sich freuen oder eher irritiert sind? Das kann Ihnen egal sein. Postkarten zu versenden ist eine wunderbare Art, mit Menschen in Kontakt zu treten.

Zum Schuss noch ein feiner Aphorismus von Francis Picabia, einem französischen Maler und Surrealisten (1879–1953): "Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann." Manchmal schützt mich allein dieser Gedanke vor zuviel Gram und Düsterheit.

Sie knurren nun, welch ein Mist, diese Vorschläge sind himmelschreiend blöd und helfen mir nicht einen Deut gegen meinen Schwermut, mein unsägliches Elend. Mag sein - vielleicht müssen Sie sich Ihr eigenen Anti-Depri-Programm zusammenstellen.

Nur: Tun Sie etwas! Auf Dauer ein Misantroph zu sein – Sie haben nichts davon!

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