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Republik Moldau: Land ohne Eltern

Foto: Andrea Diefenbach

Verlassene Kinder in Moldau "Ein Fernseher kann sie nicht entschädigen"

In der Republik Moldau leben Tausende Kinder ohne Eltern. Ihre Mütter und Väter sind ins Ausland gegangen, um Geld zu verdienen. Die Fotografin Andrea Diefenbach hat Familien vier Jahre lang begleitet. Im Interview erzählt sie vom Alltag der Kinder und vom Schmerz der Eltern.

SPIEGEL ONLINE: Frau Diefenbach, seit vier Jahren reisen sie immer wieder in die Republik Moldau, um dort Kinder zu besuchen, die ohne Eltern aufwachsen. Wie sind sie auf das Thema gestoßen?

Diefenbach: Ich war für eine Geschichte über Frauenhandel unterwegs. Eines Tages stand ich in einer Dorfschule im Südosten des Landes. Es war April und die Schüler der ersten Klasse trugen Schals und dicke Wollmützen, die Zimmer waren den ganzen Winter über kaum geheizt worden. Die Lehrerin fragte: "Wessen Eltern leben in Italien?" Fast zwei Drittel der Kinder hoben die Hand.

SPIEGEL ONLINE: Von vier Millionen Moldauern leben eine Million inzwischen in Russland, Italien, Frankreich, Spanien oder Griechenland. Wieso ist gerade das Land Moldau so von Migration betroffen?

Diefenbach: In ihrer Heimat finden die Leute einfach keine Arbeit, mit der sie genug verdienen könnten, um ihren Kindern eine Zukunft bieten zu können. Die Wirtschaft des Landes hat sich nach dem Zerfall der Sowjetunion nie wieder erholt. Der Durchschnittslohn liegt bei 150 Euro.

SPIEGEL ONLINE: Die Zahl der Kinder, deren Vater, Mutter oder Eltern im Ausland leben, soll laut Schätzungen von Nichtregierungsorganisationen bei rund 250.000 liegen. Warum nehmen die Eltern ihre Kinder nicht einfach mit?

Diefenbach: Die meisten Moldauer gehen illegal ins Ausland. Sie können sich nicht wie Rumänen oder Polen frei innerhalb der EU bewegen. Für ihre Ausreise bezahlen sie rund 4000 Euro an Schlepper, manche haben gefälschte Papiere, andere laufen zu Fuß über die Grenzen oder verstecken sich in Gepäckfächern von Bussen. Ihre Kinder mitzunehmen, können sie sich nicht leisten. Außerdem erscheint es ihnen sicherer, sie bei Großeltern, Nachbarn oder auch ganz allein zurückzulassen.

SPIEGEL ONLINE: Unter welchen Bedingungen leben diese zurückgelassenen Kinder in Moldau?

Diefenbach: Oft geht es ihnen finanziell besser als anderen Kindern. Aber ein Fernseher kann sie nicht dafür entschädigen, dass ihre Eltern Tausende Kilometer entfernt sind und sie sich selbst erziehen müssen. Ich habe viel Zeit mit drei Mädchen verbracht, die im Gebäude einer alten Kolchose wohnten. Die Verhältnisse waren sehr ärmlich, neben der Küche war der Gänsestall. Ihre Mutter ging nach Italien, als sie acht, zehn und zwölf Jahre alt waren. Die älteste Tochter übernahm eine Art Mutterrolle, kümmerte sich um die Wäsche der jüngeren Schwestern, einmal in der Woche machte sie Schafskäse. Viele Kinder versorgen auch Tiere, bestellen die Felder und schlagen Feuerholz.

SPIEGEL ONLINE: Wie ergeht es ihren Eltern im Ausland?

Diefenbach: Einmal bin ich mit einem Ehepaar in einem Minibus nach Italien gefahren. Sie ließen ihre Kinder zum ersten Mal allein. Je weiter wir Richtung Westen kamen, desto mehr zogen sie sich auf der Rückbank des Busses zurück. Sie waren todtraurig und wurden immer unsicherer. Die meisten Migranten leben ein paar Jahre illegal im Ausland. Das bedeutet, dass sie ihre Kinder nicht wiedersehen, nicht zu Besuch kommen können. Weil die Gefahr besteht, dass sie festgenommen werden, können sie die Grenze nicht überqueren. Aus dem gleichen Grund gehen sie abends nicht aus dem Haus. In ihrer neuen Umgebung bleiben sie oft Fremde. Viele Arbeiten für 750 bis 900 Euro im Monat als Altenpfleger, leben bei ihren Arbeitgebern, schlafen auf Klappliegen im Flur und sind rund um die Uhr für sie da, während zu Hause ihre eigenen Familien zerbrechen.

SPIEGEL ONLINE: Eltern und Kinder sehen sich oft jahrelang nicht wieder. Wie halten sie eine Beziehung zueinander aufrecht?

Diefenbach: Die meisten telefonieren jeden Abend, inzwischen ist auch Skype sehr beliebt. Eine wichtige Rolle spielen aber auch Pakete, die die Eltern den Kindern regelmäßig schicken. Darin befindet sich alles Mögliche: Spaghetti, Schokolade, Obst, aber auch Kleidung, Kuscheltiere und Shampoo. Die Pakete werden von Minibussen gebracht, die ständig zwischen Italien und den Dörfern in Moldau hin- und herpendeln. Die Kinder warten oft Stunden voller Vorfreude auf diese Busse.

SPIEGEL ONLINE: Die Migranten bringen viel Geld ins Land, ihre Rücküberweisungen entsprechen etwa einem Viertel des Bruttoinlandsprodukts. Hat die Migration also auch positive Auswirkungen?

Diefenbach: Das Geld wird nicht in die Wirtschaft investiert, sondern hauptsächlich in privaten Haushalten für Importgüter ausgegeben. Es trägt also nicht direkt zu einer nachhaltigen Entwicklung des Landes bei. Besonders hoch sind aber die sozialen Kosten der Migration: Viele Kinder sind depressiv. Andere glauben, sie müssten sich in der Schule nicht anstrengen. Sie sagen: "Wenn ich groß bin gehe ich nach Italien, da gibt es Geld für alle." Sie gehören zu einer Generation, die ohne echte Vorstellung vom Familienleben aufwächst. Was das für das Land bedeutet, ist kaum absehbar.

Das Interview führte Nicola Abé