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SPIELSUCHT Moment des Leidens

Um ihr Image zu verbessern, wollen Casinos süchtigen Zockern helfen. Vorher aber müssen erst mal die Croupiers zum Psychologen.
aus DER SPIEGEL 50/1999

Der Mediziner aus dem nordrheinwestfälischen Remscheid konnte es nicht lassen. Immer wieder trieb es ihn in die Dortmunder Spielbank Hohensyburg. Um wenigstens noch einen Teil des Familienvermögens zu retten, zog seine Ehefrau schließlich die Notbremse und ließ ihren Mann auf die Sperrliste setzen.

Doch nach sieben Jahren, im Sommer vergangenen Jahres, lief die Sperrzeit aus. Bevor die erneut beantragte Sperrung im Dezember wirksam wurde, hatte der Mediziner schon wieder 90 000 Mark verzockt. Die Familie verklagte die Spielbank: Das Unternehmen habe die »krankhafte Spielleidenschaft« ihres Ehemanns ausgenutzt, argumentierte die Frau.

Zwar verlor die Familie den Prozess, trotzdem haben die Casinos mit ihren süchtigen Kunden ein Imageproblem. Anfang der neunziger Jahre stufte die Weltgesundheitsorganisation Spielsucht als Krankheit ein - mit klassischen Begleiterscheinungen wie Abstinenzunfähigkeit und Beschaffungskriminalität.

Seither geraten staatlich konzessionierte Spielcasinos in Deutschland noch stärker unter Druck als bislang. Als erster deutscher Spielbankbetreiber hat die Firma WestSpiel aus Münster deshalb jetzt damit begonnen, das Personal für den Umgang mit pathologischen Zockern zu sensibilisieren. In Seminaren sollen Croupiers lernen, mit Spielsüchtigen umzugehen.

Das Thema ist sensibel, denn es ist viel Geld im Spiel. Allein das Unternehmen WestSpiel nahm im vergangenen Jahr in seinen sechs Casinos - in Aachen, Bad Oeynhausen, Hohensyburg, Bremen, Kassel und Berlin - 351 Millionen Mark ein. Und auch staatliche Instanzen haben kein großes Interesse daran, Spieler von ihrer oft ruinösen Sucht zu kurieren. 80 Prozent der Gewinne, so Bernd Hochhauser von WestSpiel, »kassiert der Staat«. Es sei kaum anzunehmen, dass die Finanzminister darauf verzichten wollen.

7,5 Milliarden Mark nahmen die Länder im vergangenen Jahr durch lizenziertes Glücksspiel in Spielbanken, durch Lotto und Wetten ein - 10,3 Prozent mehr als im Vorjahr.

Auch das Casinopersonal, das Spieler nun auf den richtigen Weg bringen soll, profitiert von der Krankheit: Die Mannschaft lebt vor allem vom Tronc, so heißt jener Topf, in dem das Trinkgeld gesammelt wird, das jeder Gewinner am Tisch lässt. Bundesweit kommen da rund 350 Millionen Mark im Jahr zusammen. Und die wilden Zocker mit ihren hohen Umsätzen lassen weit mehr Geld im Tronc als moderate Freizeitspieler.

»Da liegt das Spannungsfeld«, sagt Privatdozent Gerhard Meyer von der Universität Bremen. Der Psychologe beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit krankhaften Glücksspielern und ist bei zahlreichen Prozessen, in denen Zocker als Betrüger oder Räuber vor dem Kadi standen, als Gutachter aufgetreten. »Zwar verlassen Hasardeure in der Regel die Spielbank mit Verlust, im Verlauf eines Besuchs aber haben sie im Extremfall zehntausende Mark in den Tronc eingezahlt.«

Meyer soll den WestSpiel-Croupiers nun beibringen, sanft auf Spielsüchtige einzuwirken. Zum einen, so WestSpiel-Mann Hochhauser, wolle seine Firma so »den Auftritt gegenüber den Gästen und der Öffentlichkeit verbessern«, zum anderen habe man nichts von »kurzfristigen, ruinösen« Spielern: »Wir wollen langfristig und dauerhaft Gewinne machen.« Deshalb lässt WestSpiel beispielsweise eine Broschüre erarbeiten, die vor ruinösem Roulette-Spiel warnen soll.

Eine Schulung soll den Mitarbeitern zudem helfen, die wildesten Zocker zu dämpfen. So lernt das Personal an den Spieltischen, wie es pathologische Spieler erkennen kann. Wer immer öfter komme, so Meyer, und immer mehr setze, wer »emotional stark am Spiel beteiligt ist und Verlusten hinterherjagt«, gilt als gefährdet.

Die Mitarbeiter lernen bei Meyer, Süchtige im richtigen Augenblick anzusprechen - nicht während des Spiels, sondern »im Moment des Leidensdrucks«. Dann sollen ausgerechnet die Casinobediensteten den Zockern empfehlen, sich bei Psychotherapeuten nach Hilfe umzusehen. »Die Schwierigkeit ist«, weiß Meyer, »die Abwehrmauer des Suchtkranken zu durchbrechen.« Es bestehe die Gefahr, dass Spieler, die auf ihr Verhalten angesprochen werden, »sich beobachtet fühlen und auf andere Plätze ausweichen«.

35 000 Zocker stehen auf den Sperrlisten der 46 deutschen Casinos. Doch Lokalverbote sind leicht zu umgehen. Zum einen locken Nachbarländer mit üppig ausgestatteten Spielbanken. Zudem nehmen es die Casinos mit den vorgeschriebenen Ausweiskontrollen auch nicht allzu ernst. Ein wegen Betrugs angeklagter Glücksspiel-Junkie sagte vor dem Amtsgericht in Osterholz-Scharmbeck, er habe sich nach seiner Sperrung stets mit den Papieren eines Taxifahrers ausgewiesen, »obwohl der mir noch nicht einmal ähnlich sah«. ANDREAS ULRICH

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