Mona Stein Die Hexe vom Prenzelberg

Eine Ostberliner Hellseherin behauptet unwidersprochen, sie habe Gregor Gysi schon vor der Wende eine große Zukunft vorhergesagt. Jetzt freut sie sich, dass ihre Prophezeiung wahr wurde.

Von Henryk M. Broder


Es gibt Bräuche, die überleben jede Revolution. Höflich aber kompromisslos bittet Mona Stein jeden Besucher, die Schuhe vor der Tür ihrer Wohnung auszuziehen. So war das früher in der DDR üblich, und so soll es bleiben. Ein wenig wegen der Tradition, vor allem aber wegen der Sauberkeit. Obwohl der Besucher nur ein Zimmer ihrer Altbau-Wohnung am Gethsemane-Platz betreten darf. Der Raum ist lang und schmal und so eingerichtet, dass man sofort weiß: Hier wohnt eine Künstlerseele.

Die Unordnung ist sorgfältig arrangiert, die Tapeten leuchten farbig, überall liegen Bücher und bunte Tücher, an den Wänden kleben Fotos, Briefe und Zeitungsausschnitte: "Die Hexe vom Prenzlauer Berg" ist klein und kugelig, geht barfuß und trägt einen wallenden Umhang, der ihre Figur mehr betont als verhüllt. Wäre Russ Meyer dem "Orakel von Pankow" jemals begegnet, er hätte Mona Stein sofort für einen Film verpflichtet; die Oberweite von 130 Zentimetern, die von Doppel-D-Cups diszipliniert wird, hätte es auch ihm angetan.

Im Berliner Branchentelefonbuch kann man Mona Stein unter der Rubrik "Wahrsager" finden: "1. anerk. DDR-Wahrsagerin/Hellseherin - bekannt aus Presse, Funk und Fernsehen". Auf ihrer Visitenkarte steht, sie sei "Schauspielerin, Moderatorin, Wahrsagerin", spezialisiert auf "Parapsychologie, Psychotherapie, Lebensberatung, Heil-Hypnose, Fotoanalyse, Partner-Rückführung", kurzum: "Problemlösungen" aller Art. Sowohl als die "Hexe vom Prenzlauer Berg" wie auch als das "Orakel von Pankow" verfügt Mona Stein über eine Gabe, die nur wenigen Menschen eigen ist. Sie kann, so sagt sie, in die Zukunft blicken, vorhersagen, was demnächst geschehen wird. Sogar Gregor Gysi habe sie eine "glänzende Karriere" vorausgesagt, als kaum jemand seinen Namen kannte. Dafür liegen Schleier über der Vergangenheit, ihr Alter ist ein Geheimnis, das sie mit niemand teilen will, eher würde sie verraten, wie viel sie wiegt.

Ihre "erste Vision" hatte sie, als sie gerade fünf Jahre alt war. "Ich sah, dass mein Vater beim Weihnachtsbaumschmücken, also kurz vor dem Fest, vom Tisch fällt, aber wieder aufsteht, unverletzt. Und vier Wochen später ist es dann passiert. Er fiel vom Tisch und stand gleich wieder auf, genau wie ich es gesehen hatte."

Von der Haarschneiderin zur Kartenlegerin

In der Schule wusste sie, wann eine Lehrerin krankheitshalber ausfallen und welcher Mitschüler "in vier Wochen auf Krücken gehen" würde. "Mir war das unheimlich, und die anderen haben mich als Hexe verschrien." Schon früh war ihr bewusst: "Wenn du mit dieser Gabe erwachsen wirst, wird alles noch viel schlimmer."

Der Großvater Otto Marco Juliano Steinetti, ein "Italiener, Jude, Zigeuner und Wahrsager", der um 1900 nach Berlin gekommen war, erkannte ihr Talent und brachte ihr das Kartenlegen und Lesen bei. Doch die Eltern wollten, dass sie "was Solides" lernt. So begann das frühreife Mädchen in einem volkseigenen Friseursalon. "Da hab ich dann gedreht, frisiert und geschnitten und von einem anderen Leben geträumt." Und als sich die Chance bot, ergriff sie sie.

Mona besuchte drei Jahre lang die Schauspielschule von Sabine Schade bei Potsdam und lernte vier Jahre Gesang bei Margarete von zur Mühlen in Berlin. Ihre Abschlussprüfung machte sie als Carmen. Dann wurde sie "entdeckt" und nahm "jede Rolle an, die mir angeboten wurde". In ihrem ersten Film "Das Meer und die Sehnsucht", 1968, spielte sie eine Wirtin. "Mit dem Busen haben sie mich ganz oft als Wirtin genommen." Es waren Musik und Unterhaltungsfilme wie "Zille und ick - ein Filmmusical in Farbe und auf Breitwand", und zuletzt, 1988, die Kriminalkomödie "Der Bruch" von Frank Beyer mit Götz George in der Hauptrolle. Auf diesen Film ist Mona Stein besonders stolz. "Da war ich die Geliebte von Götz George, leider nur im Film."

Nach mehr als 50 Rollen in Defa und Fernsehproduktionen hatte sie sich einen Ruf als solide Kleindarstellerin erarbeitet. "Ich bin im Osten, in der DDR, bekannter als drüben." Sie sagt noch immer DDR, und wenn sie "drüben" sagt, dann meint sie die alte Bundesrepublik. Und es war nicht alles schlecht in der alten DDR. "Man war beschützt und konnte gut leben." Zwar bekam sie nur zwischen 150 und 300 Mark pro Drehtag, aber sie musste auch nur 32 Mark Miete für ihre "Einzimmerwohnung, kleine Küche, kein Bad" bezahlen. "Ich war ein bescheidener DDR-Bürger."

Der Durchbruch kam Ende 1987. Das Kulturhaus Erich Weinert in Pankow plante eine Silvestershow, und der Kulturhausleiter rief im Besetzungsbüro des DDR-Fernsehens an. "Ich brauche eine Schauspielerin, die eine Wahrsagerin spielen soll." Der Mann im Besetzungsbüro sagte: "Nehmen Sie die Stein, die sieht so aus." Und Mona Stein wusste: "Das war vom lieben Gott geschickt, das ist jetzt keine Rolle, das mach ich wirklich."

Silvester 1987 trat sie zum ersten Mal öffentlich auf und sagte den Ballgästen im Erich Weinert Haus die Zukunft voraus. "Die standen bei mir Schlange, länger als am kalten Büfett."

Es war eine mittlere Sensation: eine Wahrsagerin im Land der Planwirtschaft, der Sieg des Okkulten über den Marxismus-Leninismus. Es folgten Auftritte in Kulturhäusern, bei Betriebsfeiern und auf Poolpartys - alle vermittelt von der staatlichen "Konzert- und Gastspieldirektion", weswegen Mona Stein mit einer gewissen Berechtigung heute behaupten kann, sie sei die erste "anerkannte DDR-Wahrsagerin" gewesen.



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