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Neonazis in der Mongolei: Unterwegs in Sachen Umweltschutz

Foto: CARLOS BARRIA/ Reuters

Ressourcen-Nationalismus Die grünen Neonazis aus der Mongolei

Sie verehren Hitler, tragen Uniformen im SS-Stil - und treten als radikale Umweltschutzaktivisten auf: Reuters-Fotograf Carlos Barria hat die Mitglieder der mongolischen Neonazi-Gruppierung "Tsagaan Khass" begleitet. "Es war vollkommen surreal", sagt er.

Ulan Bator - Ihr Büro liegt hinter einem Dessous-Geschäft in der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator. Von dort aus planen die gut hundert Mitglieder der Neonazi-Organisation "Tsagaan Khass" ("Weißes Hakenkreuz") ihre bizarr anmutenden Operationen. Im Namen des Umweltschutzes wollen sie gegen die Ausbeutung von Bodenschätzen durch ausländische Unternehmen kämpfen.

Die Schädel kahlrasiert, die Füße in Springerstiefeln, gekleidet in schwarze Uniformen im SS-Stil, mit weißen Hakenkreuzen auf den Ärmeln und Nachbildungen von Eisernen Kreuzen: So treten sie auf, die grünen Neonazis aus der Mongolei, um Genehmigungen für Bergbauprojekte zu überprüfen oder den Boden in Abbaugebieten auf Kontaminierungen zu testen.

Reuters-Fotograf Carlos Barria, 34, hat die "Tsagaan Khass" in ihrem Hauptquartier besucht. Mehrere Vortreffen waren nötig, dann durfte er einen Tag mit den mongolischen Neonazis verbringen. "Wenige Wochen vor meiner Reise habe ich erfahren, dass sich der Anführer der Gruppe nicht länger auf Attacken gegen Prostituierte konzentriert, sondern den Fokus auf Umweltschutz legt", sagt der Argentinier SPIEGEL ONLINE.

Von China-Hassern zu radikalen Umweltaktivisten

Früher sei es seiner Gruppierung vor allem darum gegangen, Ausländer zu bekämpfen, erzählt Ariunbold Altankhuum, der Anführer der "Tsagaan Khass". Das habe sich aber nicht als effizient erwiesen, daher der Sinneswandel. "Wir kämpfen jetzt nicht mehr gegen die Ausländer auf der Straße, sondern gegen die Bergbauunternehmen." Ihr Hauptziel sei es jetzt, die Natur zu schützen.

Die "Tsagaan Khass", einst vor allem bekannt für ihre antichinesische Haltung, gibt es seit den neunziger Jahren. Als radikale Umweltaktivisten treten ihre Mitglieder jedoch erst seit kurzem in Erscheinung. Sie sind nicht die einzige Gruppierung in der Mongolei, die sich einem Ressourcen-Nationalismus verschrieben hat. Auch Organisationen wie "Dayar Mongol", "Gal Undesten" und "Khukh Mongol" verfolgen ähnliche Ansätze.

Die Mongolei gehört Schätzungen zufolge zu den rohstoffreichsten Länder der Erde, doch bislang wird lediglich ein kleiner Teil der vermuteten Vorkommen von Gold, Kupfer, Kohle und Eisenerz abgebaut. Das macht das asiatische Land attraktiv für ausländische Konzerne. Rohstoffe machten im vergangenen Jahr laut Internationalem Währungsfonds 92 Prozent der Exporte aus. Das größte Vorhaben ausländischer Investoren ist das sogenannte Oyu-Tolgoi-Projekt. Zwei Drittel der Anteile hält der multinationale Bergbaukonzern Rio Tinto, der Rest gehört dem mongolischen Staat.

Hitler-Kult in Ulan Bator

"Es war vollkommen surreal, diese Gruppe junger Leute in den schwarzen Uniformen durch diese wunderbare Landschaft laufen zu sehen", schildert Reuters-Fotograf Barria seine Eindrücke. Wenig überrascht habe ihn hingegen, dass viele der Mitglieder junge Menschen seien. Trotz des Bergbau-Booms fürchten viele Mongolen, dass ausländische Arbeitskräfte ihnen Jobs wegnehmen. Laut der Asia Development Bank leben beinahe 30 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. "Ich habe zwei Teenager gefragt, warum sie Teil dieser Neonazi-Gruppe sind", berichtet Barria. Ihre Antwort: "Weil wir den Menschen helfen wollen."

Was - abgesehen von den Uniformen - der Glaubwürdigkeit der "Tsagaan Khass" in Sachen Umweltschutz nicht helfen dürfte, ist ihre Verehrung für Adolf Hitler. Die Situation in der Mongolei sei vergleichbar mit 1939, sagt Altankhuum. "Und Hitlers Bewegung hat aus Deutschland ein mächtiges Land gemacht." Es sind Äußerungen wie diese, mit denen sich die Organisation selbst disqualifiziert.

Die größte Herausforderung, so Fotograf Barria, sei für ihn gewesen, so offen wie möglich an die Geschichte heranzugehen, um die Position der "Tsagaan Khass" nachvollziehen zu können. Es scheint fraglich, dass die Gruppierung ihren Ruf mit dem neuen, grünen Anstrich aufpolieren kann - auch wenn sie sich darum bemüht.

"Früher sind wir eher rabiat vorgegangen und haben Türen eingetreten", sagt Altankhuum. "Aber nun haben wir uns geändert und gehen anders vor, etwa mit Demonstrationen." An den Uniformen im SS-Stil und den weißen Hakenkreuzen hält er jedoch fest.

wit/gam/Reuters
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