Mord im Jobcenter Neuss "Die Schreie habe ich immer noch im Ohr"

Mit mehreren Messerstichen ermordete ein Arbeitsloser im Herbst 2012 die jüngste Mitarbeiterin im Jobcenter Neuss. Ihre Kollegen haben bis heute mit den Folgen zu kämpfen. Wie kann man an einem solchen Tatort weiterarbeiten?
Von Christina Zühlke
Arbeiten im Jobcenter Neuss: "Im Ernstfall sicherer fühlen"

Arbeiten im Jobcenter Neuss: "Im Ernstfall sicherer fühlen"

Foto: WDR

"Die Möglichkeit, dass jemand mit einem Messer bewaffnet auf einen von uns losgehen könnte, die ist in unseren Köpfen gar nicht vorgekommen", sagt Egon P. Er steht in einer Art Mini-Turnhalle, mit Gymnastikbällen in der einen und Turnmatten in der anderen Ecke. An der Wand: Plakate mit Gymnastikübungen. Einen solchen Raum würde man nicht in einer Behörde erwarten. Aber mit seinen Hosenträgern zur Karohose gleicht P. auch eher einem britischen Golfspieler als einem Vermittler im Neusser Jobcenter.

"Wir sind spezialisiert auf ältere Arbeitslose, und denen wollen wir den Rücken stärken", sagt P. "Im wahrsten Sinne des Wortes." Wer im Bewerbungsgespräch mit geraden Schultern dasitze, der wirke doch gleich viel besser auf potentielle Arbeitgeber. Von abweisender Bürokratie, die vielleicht aggressiv machen könnte, ist hier nichts zu spüren.

Der Mord am 26. September 2012 kam deshalb vielleicht umso überraschender. Ein 52-jähriger Arbeitsloser, der kaum lesen und schreiben kann, hatte eine Datenschutzerklärung missverstanden. So lautete zumindest die Erklärung, die er später vor Gericht abgab. Obwohl ein Verwandter ihm Hilfe anbot, machte sich der Mann mit zwei versteckten Küchenmessern auf den Weg ins Jobcenter . Der eigentliche Sachbearbeiter war nicht da. Die Wut traf schließlich eine 32-jährige Mitarbeiterin, die Jüngste im Team. Der Täter verletzte sie mit mehreren Messerstichen tödlich.

"Da draußen ist ein Mann mit einem Messer"

Ortrun J. ist im Nebenzimmer, als sie die Schreie der Kollegin hört. Ihr ist sofort klar, dass das Schreie "in höchster Not" sind, wie sie später sagt. Sie will raus auf den Flur, helfen. Doch sie wird von einem anderen Kunden zurückgedrängt. "Da draußen ist ein Mann mit einem Messer", ruft er. "Wir müssen die Tür zuhalten! Der hat Ihre Kollegin erstochen, die wird tot sein!"

J. will das nicht glauben. Die kleine Frau mit den dunklen Knopfaugen und den kurzen braunen Haaren ruft die Polizei, ruft den Notarzt, hilft später, die Zeugen in einem Raum zu versammeln. Dann muss sie selbst zum Präsidium, zur Zeugenaussage. "Am Ende des Gesprächs hat mir der Polizist dann gesagt, dass meine Kollegin tot ist. Da dachte ich, ich kippe weg."

Zur gleichen Zeit erfahren Egon P. und die anderen Mitarbeiter vom Tod ihrer Kollegin - in einem Konferenzraum, in dem sie alle zusammengerufen wurden. Und obwohl P. innerlich vorbereitet ist, wird er diesen Moment nie vergessen: "Besonders einige Kolleginnen haben bei der Nachricht laut aufgeschrien, und diese Schreie, die habe ich heute noch im Ohr."

Lieber arbeiten, als zu Hause sitzen und nachdenken

Notfallseelsorger, Ärzte und ein Team von Psychologen kümmerten sich um die Mitarbeiter. Wer kann allein nach Hause fahren? Wer muss abgeholt werden? Was tun in den nächsten Tagen, bei Alpträumen, zittrigen Knien, Schwächeanfällen? Was bedeutet es für einen Menschen, wenn der Arbeitsplatz zum Schauplatz einer Tragödie wird?

Egon P. beschäftigt vor allem die Frage, ob er je wieder unbefangen mit seinen Kunden, den Arbeitslosen, wird umgehen können: "Oder würde ich sie mustern, ob sie etwas dabeihaben, das mich verletzen könnte?"

Seine Tochter, damals 17, sah abends die Tatwaffe im Fernsehen und konnte nicht fassen, dass ihr Vater an seinen Arbeitsplatz zurückkehren wollte. Doch P. tat genau das. Als einer der Ersten machte er sich gleich nach dem Wochenende wieder auf den Weg ins Büro. Er will lieber arbeiten, als zu Hause zu sitzen und ständig nachzudenken.

Insgesamt hat es nur etwa die Hälfte des Teams geschafft zurückzukehren. Fünf haben inzwischen einen neuen Job oder sind immer noch krankgeschrieben.

Holzlineal als Verteidigung

Egon P. und Ortrun J. haben seit der Tat oft gemeinsam im Büro gesessen und überlegt, was sich seit dem Überfall geändert hat. Die leeren Büros der Kollegen zeigen noch heute, wie schwer die Erschütterung war. Aber es gilt auch, die zu schützen, die weiterarbeiten. Und so wurden Schreibtische verrückt, um Fluchtwege zu schaffen. Kabel am Boden festgeklebt, um Stolperfallen zu vermeiden. Einige Kollegen haben lange Holzlineale auf dem Schreibtisch liegen, um notfalls zuschlagen zu können. Ortrun J. sagt: "Ich war erschrocken festzustellen, dass ich im Zweifelsfall zu lange im Raum bleiben würde. Dass ich immer denken würde, das muss man doch mit Worten regeln können."

Egon P. steht wieder im Raum mit den Gymnastikbällen. Diesmal ist er selbst Kursteilnehmer. Wing Tsun steht auf dem Programm, Selbstverteidigung. "Ich war noch nie in der Situation, mich verteidigen zu müssen", sagt er, "aber ich wollte es mal ausprobieren, um mich im Ernstfall sicherer zu fühlen."

Die eigenen Ängste überwinden, um zur Arbeit, an den Tatort zurückkehren zu können. Jeden Tag. "Wir haben gelernt, mehr aufeinander einzugehen, aufeinander aufzupassen. Die Frage 'Wie geht es dir?'", sagt Egon P., "die stellen wir heute ganz anders."



"Überfall am Arbeitsplatz - Leben mit der Angst danach"
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Donnerstag , 22.30 Uhr, WDR. (Oder hier im Internet )

Die Autorin Christina Zühlke hat auch die TV-Dokumentation in der Reihe "menschen hautnah" gedreht
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.