Mordermittler Josef Wilfling Bayerns Columbo

Josef Wilfling verhörte Menschen, die ihre Mutter, ihre Ehefrau, ihren Komplizen getötet haben. 22 Jahre lang war er Ermittler bei der Münchner Mordkommission. Jeder Mensch kann zum Mörder werden, sagt er. In seinem neuen Buch erklärt er warum.

Von , München


Josef Wilfling graut es vor dem Montagabend. Bei der Eröffnung des Münchner Krimifestivals im Literaturhaus am Salvatorplatz wird er vor knapp 400 Zuschauern lesen. Die große Bühne ist nicht sein Ding. Schon das Aufsehen, als er, der legendäre Mordermittler, im Januar 2009 seine Dienstmarke, seine Dienstwaffe, eine Heckler & Koch P7, und den Ausweis mit der Nr. 02/0916 im Polizeipräsidium München abgab, war ihm zu viel. Martinshorn und Blaulicht blieben stumm, wenn er zum Tatort fuhr.

Wilfling sitzt im Ratskeller am Münchner Marienplatz, unter neugotischen Bögen, auf dem Tisch frische Narzissen. Er ist 65 Jahre alt, das fränkische "rrr" rollt ihm von der Zunge, die dunkelbraunen Augen sind von Horst Tappert-Tränensäcken unterlegt.

"Ich bin kein Schauspieler, kein Vorleser", sagt er. Er freut sich auf den Moment nach der Lesung, wenn die Zuhörer Fragen stellen dürfen und er wieder so sein kann, wie er ist und über das reden kann, womit er sich auskennt: Mord.

"Man ist mehr Pfarrer als Polizist"

42 Jahre lang war Josef Wilfling bei der Polizei, 22 davon bei der Münchner Mordkommission, die er von 2002 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2009 leitete. Noch heute lehrt er an der Fachhochschule Fürstenfeldbruck. Er ist davon überzeugt: Jeder kann zum Mörder werden. Täglich töten Menschen, denen das niemand zutraut - am allerwenigsten sie selbst. "Sogenannte anständige, unbescholtene Bürger bringen mehr Menschen um als alle Berufsverbrecher zusammen", sagt Wilfling.

Seine Königsdisziplin war das Kreuzverhör. Er war der Vernehmer im Kommissariat 11, mit einem ausgeprägten Einfühlungsvermögen. "Um das zu perfektionieren, muss man die Menschen mögen, sie respektieren und niemals verachten." Wilfling war nie Moralapostel. Selbst einem Kindermörder müsse man fair gegenübertreten, wer das nicht könne, habe bei der Mordkommission nichts verloren, sagt er.

Der, der verhört wird, bestimmt das Vernehmungsklima. Der, der verhört, muss wissen, dass er nur mit der subjektiven Wahrheit bedient wird. "Da wird beschönigt, verharmlost und gelogen", sagt Wilfling. Das müsse man akzeptieren. "Man ist mehr Pfarrer als Polizist."

Inklusive Dunkelziffer werden in Deutschland pro Jahr etwa 1500 Menschen getötet. Grundsätzlich sei die Wiederholungsgefahr bei Mördern gering, sagt Wilfling. "Auch für sie ist die Tat traumatisierend, viele empfinden danach tiefe Reue."

Entscheidend sei das Motiv der Tat. Jeder Mord habe seine Vorgeschichte, auch sogenannte Affekttaten. In seinem Buch skizziert Wilfling die Vorgeschichte solcher Fälle. Wie von dem, als ein Sohn von zu Hause aus bei der Polizei anrief und flüsterte, der Vater habe soeben seine Mutter getötet. Sie liege geköpft in der Küche, der Vater sitze vor dem Fernseher.

Wilfling schreibt auch über die schwangere Frau, die nach einer Oktoberfestsause einen Freund anstiftet, ihren Ehemann zu erschlagen, der gerade mit der Frau jenes Freundes anbandelt. Und er beschreibt den Fall der vermeintlich misshandelten Ehefrau, die ihren Geliebten zum Mord am Ehemann überredet, während die Kinder im Nebenzimmer spielen. Dieser erschießt den Mann und zerstückelt ihn, packt ihn in Tüten unters Sofa. Danach genehmigen sich Mörder und Anstifterin einen Sekt und Beischlaf auf dem Küchentisch. Später nächtigen sie auf der Couch, unter ihnen der zerteilte Leichnam. Alle Fälle hat Wilfling selbst erlebt und aufgeklärt.

Mord ist sein Hobby

Es ist kein Buch für feinsinnige Intellektuelle, sagt Wilfling selbst. In vielen Passagen blitzt sein schwarzer Humor auf, der ihm geblieben ist, auch wenn er immer Mitleid empfand, wenn er vor einer Leiche stand. Er sah es als Bringschuld gegenüber den Angehörigen, Gewaltverbrechen aufzuklären. "Die Opfer haben auch eine Menschenwürde." Noch immer hat er zu Angehörigen Kontakt, die den Tod ihrer Liebsten zwar tapfer ertragen, aber nicht verwunden haben.

Wilfling empfand seinen Beruf als Berufung, seine mehr als tausend Überstunden hat er nie abgefeiert. "Ich bin da geblieben, wo ich Erfüllung fand und gefordert war." Sich selbst nahm er nicht wichtig. "Ich weiß, ich bin nur ein Fliegenschiss in der Geschichte der Menschheit."

Als Schutzpolizist musste Josef Wilfling im Februar 1970 nach einem Großbrand in einem jüdischen Altenheim einen Rabbiner zu den verkohlten Leichen führen, alle Opfer hatten den Holocaust überlebt. Bilder, an die er sich heute noch erinnert. "Ich habe das verkraftet, aber bis heute kann ich sie nicht vergessen", sagt er ernst.

Bei der Lesung wird auch seine Ehefrau Eva im Publikum sitzen, ohne deren Rückhalt er in seiner Arbeit wohl nie so aufgegangen wäre. Einer wie Wilfling braucht Harmonie zu Hause. Eva ist mehr als 40 Jahre an seiner Seite, sie hat nie gemault, wenn er in der Nacht oder am Wochenende im Einsatz war. Manchmal kratzte sie ihm morgens um 6 Uhr das Auto frei, wenn er noch im Bad stand. "Welche Frau tut das schon? Das ist keine Liebeserklärung, das ist Liebe."

Mit seinem ersten Buch "Abgründe" schaffte Wilfing es ins MTV-Studio. Er und Eva hätten da überhaupt nicht reingepasst, erzählt er, und erinnert sich gleichzeitig "an eine unglaublich nette Atmosphäre". Als "der deutsche Columbo" sei er begrüßt worden, noch heute muss er über seinen Auftritt dort schallend lachen. "Ich? Der deutsche Columbo!"

Wilfling lernte sein Handwerk, als die Vernehmungsprotokolle noch mit Durchschlagpapier und Radiergummi angefertigt wurden, in den Amtsstuben herrschte kein Rauchverbot. Da qualmten Tatverdächtiger, Schreibkraft und Ermittler im Verhör, bis man die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte.

Mehr als vier Jahrzehnte bei der Polizei haben aus Josef Wilfling einen Menschen gemacht, der oft eine unbequeme Meinung hat. Er gilt als Hardliner, wenn es um die Bestrafung von Tätern geht. Er sagt aber auch: "Besser zehn Schuldige auf freiem Fuß, als ein Unschuldiger in Haft. Laufen halt ein paar mehr Mörder frei herum."



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Pizza No.7 12.03.2012
1.
Zitat von sysopJosef Wilfling verhörte Menschen, die ihre Mutter, ihre Ehefrau, ihren Komplizen getötet haben. 22 Jahre lang war er Ermittler bei der Münchner Mordkommission. Jeder Mensch kann zum Mörder werden, sagt er. In seinem neuen Buch erklärt er warum. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,819967,00.html
Die Aussage stimmt. Ich habe ein paar Mordprozessen beigewohnt und war immer wieder erstaunt, welche völlig unauffälligen Gestalten in der Lage sind, einen anderen Menschen zu töten. Die sitzen da auf der Anklagebank und wissen es wohl selbst nicht. Trotzdem: Mitleid wäre hier nicht die richtige Reaktion. Strafe muss sein.
f.a.g. 12.03.2012
2. Schwer
Zitat von sysopJosef Wilfling verhörte Menschen, die ihre Mutter, ihre Ehefrau, ihren Komplizen getötet haben. 22 Jahre lang war er Ermittler bei der Münchner Mordkommission. Jeder Mensch kann zum Mörder werden, sagt er. In seinem neuen Buch erklärt er warum. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,819967,00.html
verdauliche Kost ,weil Realität ! Werde wohl in die Buchhandlung pilgern müssen um den (meinen) 2-ten Wilfling zu ordern . Dieser Mann hat meinen uneingeschränkten Respekt auf Grund seines unprätensiösen Stils und Nüchternheit und doch seiner Mitmenschlichkeit.
flieder2 12.03.2012
3. J.Wilfling
Seine Buecher sind vermutlich spannender als fiktive Krimis. Ich bewundere solche Ermittler, die Tag fuer Tag mit menschlichen Abgruenden, Abscheulichkeiten zu tun haben und dabei Menschenfreunde bleiben ohne sich nach unten ziehen zu lassen. Respekt!
vorschau 12.03.2012
4. Die Bescheidenen
Zitat von sysopJosef Wilfling verhörte Menschen, die ihre Mutter, ihre Ehefrau, ihren Komplizen getötet haben. 22 Jahre lang war er Ermittler bei der Münchner Mordkommission. Jeder Mensch kann zum Mörder werden, sagt er. In seinem neuen Buch erklärt er warum. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,819967,00.html
Ja - es sind immer die Bescheidenen, Stillen und Zurückhaltenden, die es in den Vordergrund drängt - mit Büchern Lesungen und Pressekonferenzen. Wilflings erstes Buch ist schon grausam schlecht geschrieben und kaum lesbar. Nun dann ein Zweites. Respekt, Dank und Anerkennung für die Beamten bei Schutz- und Kriminalpolizei, die ihren Dienst ordentlich versehen. Auf die "deutschen Colombos" können wir getrost verzichten.
Methados 12.03.2012
5. .
Zitat von sysopJosef Wilfling verhörte Menschen, die ihre Mutter, ihre Ehefrau, ihren Komplizen getötet haben. 22 Jahre lang war er Ermittler bei der Münchner Mordkommission. Jeder Mensch kann zum Mörder werden, sagt er. In seinem neuen Buch erklärt er warum. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,819967,00.html
ich würde soooo gerne solch einen beruf erlernen, würde meine 10 jahre erfahrung in der schiffahrt sofort dafür eintauschen, aber ich traue mich nicht weil angst vor dem anfänglichem zwangsdient bei fussballspielen und anti-irgendwas demos habe.
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