Mordprozess gegen Schmökel Schwerverbrecher wurde von Anfängern bewacht

Im Prozess gegen den Frank Schmökel sind am Montag neue Ausmaße des Skandals um den Maßregelvollzug in Neuruppin deutlich geworden. Die Bewacher des Gewaltverbrechers waren Berufsanfänger und hatten kaum Erfahrung, wie sie vor Gericht erklärten.


Frank Schmökel vor Gericht: Am zweiten Prozesstag wie verwandelt
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Frank Schmökel vor Gericht: Am zweiten Prozesstag wie verwandelt

Neuruppin - Schmökel, der wegen Vergewaltigung von Kindern und versuchten Totschlags bereits zu 14 Jahren Haft verurteilt war, hatte während eines Besuchs bei seiner Mutter im Oktober 2000 eine Zigarettenpause seiner Betreuer zur Flucht genutzt. Dabei hatte er zwei Pfleger und seine Mutter niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Auf seiner 13-tägigen spektakulären Flucht durch Brandenburg und Sachsen erschlug Schmökel, so gestand er, einen Rentner, um dessen Auto als Fluchtwagen zu benutzten.

Ein Sozialpädagoge und zwei Pfleger hatten den psychisch kranken Straftäter im Ausgang begleitet. Einer von ihnen sagte am zweiten Prozesstag vor dem Landgericht in Neuruppin aus, er habe erst fünf Wochen vor Schmökels Flucht als Pfleger angefangen und keine Ausbildung für diesen Beruf gehabt. Schmökel sei der erste Patient gewesen, den er im Ausgang begleitet habe. Erst vier Wochen vor Schmökel sei ein anderer Insasse mit Hilfe eines Messers ausgebrochen, erklärte der 31-Jährige.

Für Schmökel galt "Lockerungsstufe vier"

Auch der Sozialpädagoge berichtete den Richtern, er habe erst drei Monate vor dem Ereignis in diesem Beruf begonnen. Auf Schmökels Station habe er erst seit wenigen Wochen gearbeitet, sagte der 36-Jährige. Die Krankenakte des Sexualverbrechers habe er nur lückenhaft gekannt. Ein Arzt habe ihm versichert, Schmökel sei nicht gewaltbereit - obwohl er zuvor bereits fünf Mal geflohen war.

Die drei Begleiter hatten nach eigener Aussage für den Notfall nur ein paar Handschellen und ein Handy dabei. Ärzte und Psychologen hätten bei Schmökel keine Fluchtgefahr gesehen, sonst wäre der Hausbesuch nicht genehmigt worden, erklärten sie. Für Schmökel habe Lockerungsstufe vier gegolten. "Da reicht ein Pfleger in geschlossenen Räumen", sagte ein Zeuge.

"Ich erkannte, dass er meinen Tod wollte"

Der während der Flucht schwer verletzte Pfleger schilderte das "ruhige und eiskalte Vorgehen" Schmökels während des Ausbruchs. Während seine Kollegen zum Rauchen vor die Tür gegangen seien, habe Schmökel ihm ein Messer in den Rücken gestoßen und gesagt: "Lass mich laufen." Dann habe er von vorne sechs Mal mit dem Messer in Richtung Herz gestoßen, sagte der 57-Jährige. "Ich erkannte, dass er meinen Tod wollte."

Der Pfleger erklärte, dies habe ihn sehr enttäuscht, denn er sei bereits seit fünf Jahren in der Klinik für Schmökel zuständig gewesen. "Ich habe ihn immer als Mensch gesehen, nicht als Verbrecher. Ich dachte, ich hätte einen guten Draht zu ihm." Schmökel erwiderte mit brüchiger Stimme: "Dass ich seinen Tod wollte, stimmt nicht. Ich habe einfach nur rot gesehen und kann nur sagen, dass es mir Leid tut."

Im Mittelpunkt des Prozesses steht nun die Frage, ob Schmökel schuldfähig ist. Er ist wegen Mordes und dreifachen versuchten Totschlags angeklagt. Die Staatsanwaltschaft vertritt die Auffassung, dass Schmökel bei seinen Taten im Herbst 2000 voll schuldfähig war. Sollte sich das bestätigen, drohen ihm lebenslange Haft und Sicherungsverwahrung.

Entgegen bisheriger Ankündigungen teilte Schmökels Anwalt Karsten Beckmann mit, sein Mandant werde vor Gericht umfassend zu den Vorwürfen gegen ihn Stellung nehmen. Auch Schmökels Mutter sollte ursprünglich am Montag als Zeugin vernommen werden. Sie erschien jedoch nicht, sondern verweigerte die Aussage.

Ministerium soll Schmökel-Tagebuch verbreitet haben

Möglicherweise müssen in der Verhandlung, die voraussichtlich bis zum 28. November dauern wird, auch zwei Journalisten und der Sprecher des Potsdamer Innenministeriums als Zeugen aussagen. Die Verteidigung beantragte dies, um die Veröffentlichung von Schmökels Fluchttagebüchern zu verhindern. Das Innenministerium habe die Aufzeichnungen der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" per Fax zugespielt. Diese habe sie dann noch der "Bild"-Zeitung verkauft, sagte Rechtsanwalt Beckmann. Die Weitergabe der Dokumente sei zur damaligen Zeit eine Straftat gewesen.

Schmökel, der am ersten Verhandlungstag vor einer Woche mit Sonnenbrille, Vollbart und Kapuzenjacke im Gericht erschienen war und nur wenig sagte, wirkte am zweiten Prozesstag wie verwandelt. Er war glatt rasiert, trug kurze Haare und blickte diesmal interessiert im Gerichtssaal herum. "Nach zwei Jahren in Isolation hatte er sich am ersten Prozesstag physisch und psychisch nicht in der Lage gesehen, vor Gericht zu sprechen", erläuterte Anwalt Beckmann den Umschwung.



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