Mordprozess Horrorszenen auf dem Bauernhof

Erschlagen, zerstückelt, an die Hunde verfüttert: Das Schicksal des Landwirts Rudolf R. könnte grausiger kaum sein. Seine eigene Familie soll den herrschsüchtigen Hoftyrannen umgebracht haben. Schilderungen der Tat klingen wie Szenen aus einem Horrorfilm. Drei Jahre später stehen nun die Angehörigen vor Gericht.


Angeklagte Hermine R.: Den Ehemann an die Hofhunde verfüttert?
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Angeklagte Hermine R.: Den Ehemann an die Hofhunde verfüttert?

Ingolstadt - Rudolf R. galt als Tyrann, der seine Familie demütigte, wann immer es ging. Er war rechthaberisch, herrschsüchtig, ein Trinker außerdem. Seit Oktober 2001 fehlt von dem Bauern aus dem Städtchen Neuburg an der Donau jede Spur. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft ist seine Familie für das Verschwinden des 52-Jährigen verantwortlich. Angeklagt sind die Ehefrau, 49, die beiden Töchter im Alter von 18 und 19 Jahren sowie der 21-jährige Verlobte der älteren Tochter.

Der Hof, auf dem die vierköpfige Familie und der junge Mann lebten, war heruntergewirtschaftet, die Familie hoch verschuldet. Das letzte Geld soll Rudolf R. in Kneipen versoffen haben, die Arbeit auf dem Bauernhof blieb liegen. Kurz vor seinem Verschwinden jagte R. seinen Schwiegersohn in spe, Matthias E., vom Hof. Daraufhin soll die Familie nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft Ingolstadt den Plan geschmiedet haben, R. zu ermorden.

Geständnis mit grausigen Details

Eine Schilderung des Geschehens stammt von Matthias E. Bei einer Vernehmung gestand er das grausige Verbrechen. In der Nacht auf den 13. Oktober 2001 kam Rudolf R. - wie so oft - betrunken nach Hause. Matthias E. und die drei Frauen lauerten dem Hausherrn bereits auf, heißt es in der Anklageschrift. Der 21-Jährige erschlug das Opfer mit einer Holzlatte. Seine Verlobte Michaela, deren Schwester Andrea und Mutter Hermine hätten ihn angefeuert, während er R. den Schädel einschlug. Am Tag darauf hätten die vier die Leiche mit Messer, Axt und Säge zerstückelt, die Teile zerkocht und den sieben Hofhunden zum Fraß vorgeworfen.

Von der Leiche haben die Fahnder bislang nichts gefunden. Der Anklageschrift zufolge hat Matthias E. den Schädel des Opfers zerkocht, zerschlagen und unter den Stallmist gemischt. Ein ahnungsloser Bauer vom Nachbarhof soll die Überreste auf seinen Äckern verteilt haben. Die Polizei hat zwar 150 Knochenteile gefunden, doch die stammen eindeutig von Tieren, nicht von Rudolf R.

"Ein Urteil kriegen wir auch ohne Leiche"

In den vergangenen Jahren beschäftigten sich die Ermittler mit immer neuen Versionen des Geschehens. Die Ehefrau meldete ihren Mann am 14. Oktober 2001 als vermisst. Nach einem Kneipenbesuch sei er nicht nach Hause gekommen, sein Auto sei verschwunden, sagte sie aus. Vor seinem Geständnis hatte Matthias E. in einer früheren Vernehmung behauptet, R. sei betrunken die Kellertreppe hinuntergefallen. Es sei zu einem Streit gekommen, und seine Frau habe ihn dann erschlagen. Der Tote sei mit seinem Auto in einem Weiher versenkt worden, hatte E. gesagt. Doch trotz intensiver Suche haben die Ermittler bislang nicht einmal eine DNS-Spur des Opfers entdeckt. Oberstaatsanwalt Helmut Walter meint aber, "ein Urteil kriegen wir auch ohne Leiche".

Inzwischen hat E. sein Geständnis widerrufen und schweigt - wie auch die anderen Angeklagten. "Er bestreitet, die Tat begangen zu haben", sagt E.s Verteidiger Rainer Korbel. Die Richter stellen sich auf einen mühsamen Indizienprozess ein. Schon kurz nach Beginn des Prozesses wurde die Verhandlung für mehrere Tage unterbrochen. Erst kurz vor dem Prozess hatten die Rechtsanwälte Zugang zu psychologischen Gutachten über die Schuldfähigkeit aller Angeklagten erhalten. In Befragungen durch einen Gerichtsarzt sollen die Beschuldigten teils neue Angaben gemacht haben. Die Anwälte wollen sich in der Sitzungspause gründlich in die Gutachten einlesen, um dann mit den Angeklagten zu beraten, ob sie zu Geständnissen bereit sind.

Friederike Freiburg



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