Moskauer Modewoche Prada statt Prawda
Ein Model mit Mozart-Perücke betritt mit federndem Gang den Laufsteg, stöckelt stolz an den Gästen vorbei und posiert vor der Pressetribüne. Hände auf die Hüften, die Bewegung friert ein, kurzer Flirt mit der Kamera. Eine musikalische Melange aus Opernarien und Heavy Metal, Schlagzeug und Streichern schallt durch den Saal. Elegante Drehung im Blitzlichtgewitter. Abschied mit Augenaufschlag. Bühne frei für die nächste Dame, ein Model zwischen Amazone und Jeanne d"Arc.
"Reflexion" nennt die ukrainische Designerin Natascha Glaskowa ihre neue Kollektion Prêt-à-porter de luxe. Sie sieht, so liest man auf ihrer Webseite, die Frau als "impulsive Kraft der Evolution." Ein Gedanke, den Glaskowa in natürliches Gewebe aus Tweedwolle und Seide übersetzt.
Es ist ein nebliger Nachmittag in der russischen Hauptstadt. Einen Steinwurf vom Roten Platz entfernt gibt man ein Spektakel, in dem edle Stoffe die Hauptrolle spielen: die Moskauer Modewoche. Im Gostinyj Dwor, einer architektonischen Perle aus dem 18. Jahrhundert, laufen die Shows im Stundentakt.
Durchschnittlich dreißig Sekunden haben die Models, um aus einem Stück Stoff eine kleine Sensation zu machen. Für einen Atemzug oder, noch besser, für eine ganze Saison.
In der Haupthalle wandeln derweil betuchte Gäste durch die Showrooms russischer Mode-Labels und befühlen bunte Stoffe. Mit Pradakleid und Pfennigabsätzen stiehlt manche Besucherin professionellen Models die Show. Eine Dame trägt auf ihrem schwarzen Top zitronengelbe Federn.
"Unglaublich, was sich in den letzten fünfzehn Jahren in der russischen Modewelt getan hat", sagt Nadja Gerasimowa, die auf der Pressetribüne den Beginn einer neuen Show erwartet. Die Modejournalistin mit dem rötlichen Pagenkopf arbeitet beim weißrussischen Staatsfernsehen. Zum ersten Mal berichtet sie dieses Jahr von der Moskauer Modewoche. "Bei uns in Belarus gibt es für Designer nur wenige Möglichkeiten", erzählt sie. "Talentierte Leute zieht es meist nach Moskau. Ganz im Gegensatz zu meiner Heimat ist Mode in Russland inzwischen ein Business."
Tatsächlich hat die russische Hauptstadt den Weg von "Prawda zu Prada", wie es die gefürchtete britische Modekritikerin Suzy Mendes einmal formulierte, mit Siebenmeilenstiefeln zurückgelegt.
Russischer Stil: Pelz und Wolle vs. "urban und europäisch"
Über 50 Modehäuser präsentieren diese Woche ihre Kollektionen, ein bunter Fächer an Boutiquen lockt auf den Straßen der Hauptstadt Kunden aus der High Society.
Zwar kann sich Moskau nicht mit den Modemetropolen Paris, New York, Mailand oder London messen. Längst sind russische Designer aber auch im Ausland ein Begriff. Allen voran Valentin Judaschkin.
Der klein gewachsene Modezar mit dem halblangen schwarzen Haar entwirft Kleider für Swetlana Medwedewa, Russlands künftige First Lady. Dank Judaschkin tritt auch das russische Militär modebewusster auf. Für die Siegesparade zum 9. Mai verpasste der Stardesigner den Soldaten neue Uniformen.
Zu den russischen Topdesignern gehört auch Igor Tschapurin. Mehrfach entwarf er Kostüme für Ballettaufführungen im Bolschoi Theater. Seit 2005 stolzieren Models in seinen Kreationen über Laufstege in Paris. Für seine neue Herbst-Winter-Kollektion "Anna Karenina" hat sich Tschapurin bei Leo Tolstoj Inspiration geholt. Pelz und Seide prägen seine Kreationen.
Auf die Frage nach Tendenzen in der einheimischen Haute Couture gibt es so viele Antworten wie Modemacher im Gostinyj Dwor. "Ein russischer Stil formiert sich gerade erst", meint Nadja Gerasimowa. "Auf jeden Fall sind natürliche Materialien wie Pelz oder Wolle typisch russisch."
Die bekannte Designerin Izeta Gadschiewa, deren neue Kollektion von exklusiv verarbeiteten Tierfellen lebt, sieht das anders: "Meine Mode ist urban und europäisch. Es hat mich nie interessiert, einen russischen Stil zu entwickeln. In der Modewelt gibt es eher gemeinsame als nationale Tendenzen."
Anastasia Sergejewa wiederum, die als eine von drei Designerinnen die Mode von "Marmalade" entwirft, meint: "Russland sucht sich selbst. Wir sind erst am Anfang". Ihre perfekt gestylten rostroten Haare glänzen im Kunstlicht. "Langsam, aber sicher etablieren wir uns aber auf dem Weltmarkt", überlegt sie. "Einerseits ist es sehr schwierig, in dieser Zeit zu arbeiten, andererseits aber auch sehr spannend." In ihren eigenen Kreationen mischt sie aktuelle Trends mit Stilelementen aus dem 19. Jahrhundert. Kitschigen Folklorestil oder platte Matrjoschka-Ästhetik lehnt sie ab. "Das ist kein Design, das ist Jahrmarkt."
Silber. Schwarz. Weiß. Mal glänzend, mal glitzernd
Schon nach den ersten Tagen der Moskauer Modewoche weiß man: Den russischen Stil gibt es nicht. Vielleicht noch nicht. Vielleicht nie.
Freilich sieht man mondäne Mode, die an ein zaristisches Wintermärchen denken lässt. Schweren Pelz, flauschigen Muff. Junge russische Designer wagen aber auch Experimente, manche Modemacher verweigern sich konventioneller Showästhetik. Entwerfen Wintermode jenseits von Schneekönigin- und Doktor Schiwago-Stil.
Originell ist es schließlich nicht, wenn Klischees zu Kleidern werden.
Überraschend unkonventionell verläuft die Show des noch wenig bekannten Labels 13:20. Benannt nach einem Zeitcode der Maya. Die Models bewegen sich im Halbdunkel fast gelangweilt über den Laufsteg.
Auf einer Filmleinwand im Hintergrund marschieren ihre computeranimierten Alter Egos mit sphärisch strahlenden Stiefeln. Nur wenige Scheinwerfer bestrahlen die androgyne Unisexmode in kühlen Farben. Silber. Schwarz. Weiß. Mal glänzend, mal glitzernd. Ein Hauch von Star Trek zu bedrohlich dröhnender elektronischer Musik.
Der Wagemut der Designerinnen Elena Kudina und Olga Reinisch kulminiert in ihrer Herbst-Winter-Kollektion in einem zartrosa Kleid für den modemutigen Herrn.
Kurz vor Mitternacht endet im Gostinyj Dwor die letzte Show des Abends. Die Besucher strömen hinaus aus dem Modetempel, hinein in die Moskauer Nacht, wo die Chauffeure schon warten.
Ein junges Mädchen im weißen Kunstpelz, an deren Arm ein goldenes Täschchen baumelt, spielt am Ausgang noch eine Minute Model. Für die Kamera der Freundin öffnet sie kurz ihren Mantel mit keckem Blick.