Moussaoui-Prozess "Er war der kleine Liebling"

Ein netter Jugendlicher, ein paranoider Erwachsener: Experten und Verwandte schildern vor Gericht die Persönlichkeit des mutmaßlichen Terroristen Zacarias Moussaoui. Die Verteidigung hofft auf mildernde Umstände für den Angeklagten, dem die Todesstrafe droht.


Alexandria - Im Prozess um die Anschläge vom 11. September 2001 hat ein Psychologe den angeklagten Franzosen Zacarias Moussaoui gestern als "Schizophrenen mit paranoiden Tendenzen" bezeichnet. Der von der Verteidigung geladene Experte Xavier Amador diagnostizierte bei dem 37-Jährigen entsprechende Symptome wie Wahnvorstellungen und geistige Verwirrtheit.

Angeklagter Moussaoui: Früher mal voller Lebensfreude
AP/ Carver County Sheriff's Department

Angeklagter Moussaoui: Früher mal voller Lebensfreude

Vor dem US-Bezirksgericht in Alexandria wurde eine in Frankreich aufgezeichnete Videoaussage der beiden Schwestern des Angeklagten, Djamilla und Nadia Moussaoui, gezeigt. Beide sollen ebenfalls an Schizophrenie erkrankt sein. Sie berichteten,  der marokkanische Vater sei Alkoholiker gewesen, der regelmäßig seine Frau und seine vier Kinder misshandelt habe. Die Frau habe sich schließlich von dem Mann getrennt.

Zacarias soll einem Sozialarbeiter zufolge einen Großteil seiner ersten sechs Lebensjahre in verschiedenen Kinderheimen verbracht haben. Die Mutter war laut seiner Aussage mit den Kindern und der Trennung von ihrem Mann überfordert.

Trotz aller Probleme beschreiben die Schwestern ihren Bruder als "den kleinen Liebling" der Familie. Auch ein früherer Freund jüdischen Glaubens berichtete Positives über den Angeklagten Zacarias Moussaoui. Der Zeuge hatte Moussaoui drei Monate lang bei sich aufgenommen, als dieser 18 Jahre alt war. Er berichtete von dessen "Lebensfreude". Beide seien damals "die besten Freunde der Welt" gewesen und hätten sich die Feindschaft zwischen Palästinensern und Israelis umso weniger erklären können. Vergangene Woche hatte Moussaoui noch ausgesagt, er wünsche sich, dass die Moslems Amerika zerstören und alle Juden umbringen.

Probleme mit dem Türsteher

Eine Sozialarbeiterin, die in Frankreich Verwandte und Bekannte von Moussaoui sowie Lehrer, Behördenvertreter und Ärzte befragt hatte, berichtete unter anderem, dass der Angeklagte seit seinem 16. Lebensjahr sechs Jahre lang mit einer Französin befreundet war. Doch deren Vater habe nichts von dem "dreckigen Araber" wissen wollen. Auch der Zutritt zu Diskotheken sei Moussaoui aus rassistischen Gründen verwehrt worden, berichteten Zeugen.

Ähnliches schildert die Mutter Aicha Al-Wafi in einem heute erschienenen Interview in der französischen Zeitung "Le Parisien". Während seiner Kindheit sei ihr Sohn "täglich Opfer von Rassismus" geworden, erzählte sie. In seiner Heimatstadt, dem südfranzösischen Narbonne, habe man ihn immer wieder als "Neger" bezeichnet. In der Schule hätten die Lehrer ihn nicht den Abschluss machen lassen, den er wollte. "Ich habe gesehen, wie seine Wut wuchs", sagte Al-Wafi.

Den geladenen Zeugen zufolge veränderte sich Moussaouis Persönlichkeit grundlegend, nachdem er 1992 nach London gezogen war und mit Islamisten in Berührung kam. Dort ging er regelmäßig in die Moschee, ließ sich einen Bart wachsen und rasierte sich den Kopf.

Die Verteidigung will nun mithilfe dieser Zeugenaussagen auf mildernde Umstände für den 37-Jährigen plädieren, dem die Todesstrafe droht. Der Franzose war einen Monat vor den Anschlägen vom 11. September festgenommen worden, da er an einer Pilotenschule im US-Bundesstaat Minnesota als verdächtig aufgefallen war. In seinem ersten Auftritt als Zeuge vor zwei Wochen erklärte er, von al-Qaida als Attentäter eingeplant gewesen zu sein. Er habe eine fünfte Maschine in das Weiße Haus steuern sollen.

str/AP/AFP



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