Müllkrise Neapel stinkt zum Himmel

Tausende Tonnen Müll stapeln sich in den Straßen Neapels, wütende Einwohner stecken die Berge in Brand. Die Misere ist teilweise selbst verschuldet, denn die Bürger wollen keine Deponien. Unternehmer und Mafiosi freut's - sie kassieren kräftig ab. Und Ministerpräsident Prodi hat ein Problem.

Von Michael Braun, Rom


"Eine Tragödie." Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano brauchte nicht viele Worte, um die Müllkrise zu kommentieren, die – wieder einmal – den Großraum Neapel ereilt hat. Seit fast drei Wochen wird in der Millionenstadt und im gesamten Umland der Müll nicht mehr abgefahren. Die Folge: Neapel erstickt an seinen Abfällen. Überall bietet sich das gleiche Bild: Mehr als mannshoch türmen sich an den Straßenrändern die endlos langen Haufen aus gelben, blauen schwarzen Plastiktüten, blockieren den Bürgersteig, ja oft genug auch einen Teil der Fahrbahn. Notgedrungen fahren die Autos Slalom um den Dreck von gestern, von vorgestern, von vor Weihnachten, vorbei an aufgeplatzten Tüten, an Konservendosen, fauligem Gemüse, Stofffetzen, Matratzen und aufgeweichten Kartons.

Das Desaster lässt sich auch in Zahlen fassen: Mehr als 150.000 Tonnen Abfall sollen sich mittlerweile im Ballungsraum Neapel und in der nördlich angrenzenden Provinz Caserta angesammelt haben, berichtet die neapolitanische Tageszeitung "Il Mattino"; jeden Tag, an dem die Müllabfuhr nicht kommt, landeten weitere 6000 Tonnen auf den stinkenden Haufen. Aufgebrachte Bürger versuchen auf ihre Weise, das Problem in den Griff zu kriegen – sie zünden sie an. Damit verschlimmern sie die Krise nur. Während die Müllmänner tatenlos in den Fahrzeugdepots herumsitzen, schieben die Feuerwehrleute Überstunden. Bis zu 100 Mal pro Nacht müssen sie raus, um brennende Müllhaufen zu löschen. Sie tragen alle Atemschutz, gegen den beißenden Gestank, vor allem aber gegen das freigesetzte Dioxin.

Seit 1994 herrscht immer wieder "Müll-Notstand"

Sonderschichten müssen auch Hunderte Polizisten schieben, im Vorort Pianura am westlichen Stadtrand. Seit Tagen protestieren dort Anwohner gegen die Öffnung einer Deponie, die der Stadt für einige Monate Luft verschaffen soll, nachdem die bisher genutzten Müllkippen geschlossen werden mussten, weil sie förmlich überliefen. Während die Bürger des Viertels auf friedliche Blockaden setzen, langten zwielichtige, vermummte Gestalten aus der Hooliganszene und – so die Polizei – aus dem kriminellen Milieu richtig hin, bombardierten die Einsatzhundertschaften mit Steinen und Schraubenmuttern, steckten Autobusse in Brand, griffen gar Rettungswagen an. Der Protest wirkt absurd, denn auch Pianuras Straßen sind übersät mit stinkenden Müllhaufen – von der Deponie aber wollen die Menschen nichts wissen.

Absurd erscheint auch die Regelmäßigkeit, mit der in Neapel, ja in der ganzen Region Kampanien das Stück "Müllkrise" zur Aufführung kommt. Erst im Mai vergangenen Jahres hatte wochenlang der Notstand geherrscht, bis wie durch ein Wunder die Müllwagen wieder rollten. Absurd ist schließlich auch, dass in Kampanien überreichlich Ressourcen für die Müllbeseitigung aufgewendet werden, das Problem aber schier unlösbar erscheint. Die Bürger Neapels zahlen höhere Abfallgebühren als sonst in Italien, ein Heer von etwa 20.000 Müllmännern kümmert sich um den Dreck. Dennoch herrscht seit 1994 immer wieder "Müll-Notstand".

Michele Bonomo, Vorsitzender der Umweltorganisation Legambiente in Kampanien, wundert sich nicht darüber. Kampanien sei die einzige Großregion in Westeuropa, die keinen geschlossenen Müllkreislauf hat, rechnet er vor: Nicht eine einzige Verbrennungsanlage ist in Betrieb, und Mülltrennung wird konsequent nur in einigen wenigen Kleinstädten praktiziert. Da bleiben nur immer neue Deponien, und die lösen jedes Mal wütende Bürgerproteste aus. Im Juni vergangenen Jahres hatten die Behörden die Öffnung von vier neuen Müllkippen beschlossen – drei davon aber wurden schließlich durch den Widerstand vor Ort verhindert.

Die Camorra-Clans entsorgen den Sondermüll - unter der Erde

Für Bonomo ist da durchaus das "Nimby"-Syndrom am Werke, "not in my back-yard", nicht in meinem Hinterhof, so würden auch viele kampanische Bürger denken. Dann aber sagt der Umweltaktivist gleich, dass er Verständnis für die Menschen hat; allzu oft seien sie belogen worden. Die Milliardensummen, die Italiens Regierung über die Jahre für die Müllentsorgung in Kampanien bereitstellte, ließen das Problem ungelöst – aber sie machten Unternehmer ebenso wie die Mafiosi von der Camorra reich. Wie die Geschäfte laufen, machte jetzt der junge Autor Roberto Saviano in der Tageszeitung "Repubblica" deutlich. Camorra-Bosse sind mit ihren Fuhrunternehmen dabei, wenn der Müll abgefahren werden muss, sie beteiligen sich an den Müllentsorgungskonsortien, sie kaufen billig Äcker, die dann für horrende Summen vom Staat übernommen werden, als Lagerflächen für den nicht endenden Müll. Den presst man in Kampanien in sogenannte "Öko-Ballen", enorm stinkende Pakete, die irgendwann einmal verbrannt werden sollen – wenn Kampanien endlich eine Verbrennungsanlage hat.

Vor allem aber bereicherten sich die Camorra-Clans mit einem zweiten Business, der mit der Hausmüllentsorgung nichts zu tun hat: mit hochgiftigem Industrie-Sondermüll, mit dioxin-, blei- oder quecksilberhaltigen Schlacken. Die entsorgen die Bosse zu Schnäppchenpreisen – indem sie sie einfach im Erdreich vergraben. Saviano weist darauf hin, dass die Bürger Kampaniens mittlerweile in einer großflächig verseuchten Region leben, dass die Rate bei Lungen- oder Leberkrebs ebenso wie bei Missbildungen nach der Geburt weit über Italiens Durchschnitt liegt.

Das auch erklärt das Misstrauen der Bürger gegen jedes Müllprojekt. Beispiel Terzigno, vor den Toren Neapels am Hang des Vesuvs. Hier sollte nach der Müllkrise im vergangenen Jahr eine neue Deponie aufmachen. Wütend gingen die Menschen auf die Straße, hielten den Politikern vor, dass auf dem Gebiet der Kleinstadt schon zahlreiche illegale Entsorgungsplätze waren, die entgegen allen politischen Versprechungen nie saniert worden waren. Der Bürgerprotest hatte Erfolg, ebenso wie in anderen Orten: Von den vier im vergangenen Sommer beschlossenen Deponien konnte nur eine geöffnet werden – damit war die schnelle Wiederholung der Krise programmiert.

Doch jetzt soll mit der ewigen Wiederholung der "Emergenza", des "Notstands", Schluss sein. Verteidigungsminister Arturo Parisi sagte am Sonntag laut der Nachrichtenagentur Ansa, die Armee würde den örtlichen Behörden Fahrzeuge für den Abtransport der Müllhaufen vor den Schulen zur Verfügung stellen. Zuvor hatte Ministerpräsident Romano Prodi die Anweisung gegeben, dass die Schulen in der Region Neapel wie geplant nach den Winterferien am Montag ihren Unterricht wieder aufnehmen sollten. Die Bürgermeister sprachen sich aus hygenischen Gründen dagegen aus. Prodi erklärte, er wolle das Müll-Problem "ein für alle Mal" aus der Welt schaffen. Wie er das anstellen will, sagte er nicht. Nur, dass es eine nationale Aufgabe sei und er nicht wolle, "dass Italien einen so negativen Eindruck vermittelt".



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