Trauer um 25-Jährigen in Münster Er starb bei einer Parade, die die Liebe feiern soll

Malte C. verteidigte Frauen gegen homophobe Angriffe beim Christopher Street Day in Münster – und erlag nach einer brutalen Attacke seinen schweren Verletzungen. Am Freitagabend trauerten Tausende auf dem Prinzipalmarkt.
Aus Münster berichtet Tobias Großekemper
Mehrere Tausend Menschen demonstrierten am Freitagabend gegen Gewalt gegenüber queeren Menschen

Mehrere Tausend Menschen demonstrierten am Freitagabend gegen Gewalt gegenüber queeren Menschen

Foto: Friso Gentsch / dpa

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Den letzten Instagram-Post hatte Malte C. am 17. Juli abgesetzt. Ein Meerschweinkäfig ist auf den Fotos zu sehen, vermutlich aus Sperrholz zusammengezimmert, darunter steht: »Der neue Käfig für meine drei Süßen ist fertig.« Der Käfig stand in Marl, in der neuen Wohnung von C., es war die erste Wohnung des 25-Jährigen. Es war auch die letzte Wohnung des jungen Mannes, der mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kam und der am Freitag in einem Krankenhaus in Münster gestorben ist.

Malte C., so viel ist bekannt, wurde am Sonntag am Rande des CSD niedergeschlagen, als er sich einmischte. Mehrere Frauen wurden, so steht es in einer Polizeimitteilung, von einem jungen Mann mit Anglerhut als »lesbische Huren« beleidigt, die sich »verpissen sollten«. C. schritt ein und soll den Mann aufgefordert haben, das zu unterlassen. Dann erhielt er einen Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht. C. taumelte, da traf ihn ein Faustschlag ins Gesicht. Er stürzte mit dem Hinterkopf auf den Asphalt, erlitt ein Schädelhirntrauma und kam ins Krankenhaus. »Der Verletzte war nicht mehr ansprechbar« steht in der Polizeimitteilung. Er wurde in ein künstliches Koma gelegt. Am Freitagmorgen meldete die Polizei Münster den Tod des jungen Mannes.

Dass diese Tat in Münster geschah, kann man überraschend finden: Eine hübsche Stadt, immer ein bisschen die heile Welt Westfalens. Alt durch die Architektur, jung durch die Studenten, wohlhabend, gutbürgerlich und grün, die AfD bekommt hier traditionell kein Bein auf die Erde. Münster ist stolz darauf, weltoffen zu sein, hier fand 1972 die erste Homosexuellen-Demonstration Deutschlands statt. Dass die Tat hier geschah, belegt auch, dass solche Gewalt jederzeit und überall geschehen kann. Auch hier kann ein Mensch wegen einer sexuellen Orientierung sterben – bei einer Parade, die die Liebe feiern soll.

Malte C. lebte lange in Münster, sagt Felix Adrian Schäper am Rand der Trauerveranstaltung. Der 59-Jährige ist Vorstand des Vereins TransInter-Münster, seit 2007 berät Schäper Transmenschen. Malte C. habe er auf seinem Weg seit ungefähr fünf Jahren eng begleitet. C. habe bis 2019 bei einer Pflegefamilie in Münster gewohnt, sei dann in eine Wohngruppe in Dorsten umgezogen und habe vor mehreren Monaten eine eigene Wohnung in Marl bezogen.

Stolz sei er gewesen, auf dem CSD am Sonntag die Fahne des Vereins tragen zu dürfen, sagt Schäper. Auch davon gibt es ein Bild, man sieht einen jungen Mann mit freiem Oberkörper, Kinnbart, Brille, er lächelt. Das Bild entstand wenige Stunden vor der tödlichen Attacke auf ihn.

Wenige Minuten bevor die Trauerfeier am Freitagabend beginnt, meldet die Polizei, dass ein 20-jähriger Tatverdächtiger, wohnhaft in Münster, verhaftet worden ist. Nach der Tat waren Videos und Bilder ausgewertet worden, eine Ermittlerin der eingesetzten Mordkommission hätte den Verdächtigen am Nachmittag am Bahnhof erkannt, daraufhin sei er festgenommen worden. Der Mann soll sich am Freitag nicht zu der Tat geäußert haben.

»Fassungslos und traurig«

Bei der Trauerfeier, die als Demonstration gegen Queerfeindlichkeit angemeldet worden war, stehen laut Polizeiangaben rund 5000 Menschen auf dem Prinzipalmarkt in Münster. 800 bis 1000 waren erwartet worden. Im Tagesverlauf hatte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) auf Twitter geschrieben, dass »solcher Hassgewalt« mit aller Härte entgegengetreten werden müsse. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst meldete sich zu Wort, der Mann hätte Zivilcourage und Mut gezeigt, indem er sich im Alltag für andere einsetzte. Dass er dabei sein Leben verloren habe, so Wüst weiter, »macht mich fassungslos und traurig«. NRW-Familienministerin Josefine Paul teilte mit, dass Diskriminierung, Hass, Hetze und Gewalt für viele queere Menschen eine leider alltägliche Erfahrung seien. »Das dürfen wir in einer offenen Gesellschaft niemals hinnehmen«.

Paul hat ihren Wahlkreis in Münster, am Abend steht sie neben dem Münsteraner Oberbürgermeister Markus Lewe vor einer kleinen Bühne vor dem historischen Friedenssaal, um sie herum drängen sich die Menschen. Ruhig stehen sie da, dicht an dicht auf dem Platz mit Kopfsteinpflaster. Regenbogenfahnen auf den Schultern, Regenbogenfahnen an Gebäuden, Plakate, auf denen steht: »Gemeint sind wir alle«. Oder »Hass beginnt mit Worten und endet mit Taten«.

Die Männer, Frauen, queere Personen, Transmenschen, sie teilen nicht das Schicksal von Malte C. Aber viele offenbar eine Erfahrung: Jens Brüggemann ist vom Vorstand des CSD Münster. Als er das Mikrofon in der Hand hat, will er wissen, wie viele der Anwesenden in der Vergangenheit queerfeindlich beleidigt worden seien, Hunderte Hände gehen nach oben. »Wie viele von euch sind schon einmal körperlich angegangen worden?«, fragt er dann. Es sind nicht mehr ganz so viele Hände, dreistellig wird ihre Zahl immer noch sein. »Jeden von euch hätte es treffen können«, sagt der 21-Jährige. Auch Malte C. sei nicht totgeschlagen, er sei geschlagen worden. Und daran dann verstorben.

Hass im Netz

Nicht alle nennen am Mikro ihren vollen Namen, nicht alle zeigen ihr ganzes Gesicht. Aber sie reden öffentlich über ihre Erfahrungen und werden gehört. Für Mali »fühlt es sich so absurd an, dass an dem Tag, an dem wir unser Leben feiern, einem von uns das Leben genommen wird«. Tausende seien heute hier, »aber einer fehlt«.

Einige sprechen von Angst, vom Verstecken. Von der Sorge vor Attacken oder Angst vor der eigenen Familie. Sagen, dass das, was Malte C. passiert sei, nur die Spitze des Eisbergs sei und sie im Netz mit Hass überschüttet würden. Wenn sie fragen würden, woher dieser Hass käme, hieße es, der entstünde durch die größere Sichtbarkeit. »Das ist falsch«, sagt eine Person, »queerfeindliche Taten entstehen, weil die Menschen randvoll sind mit queerfeindlichem Hass. Nicht wir sind das Problem.«

Malte C., sagt Schäper, sei schüchtern gewesen. Er habe lange gesucht, was er ist und wer er ist. Zuletzt sei es ihm gut gegangen, nach einer Operation »war er glücklich, normal leben zu können«. Er hätte Sport gemacht, Kickboxen, und das Leben geführt, das er habe führen wollen. Am Montag habe Schäper ihn im Krankenhaus besucht, fast friedlich habe er dort gelegen. Jetzt würde sich die queere Gemeinschaft um eine Beerdigung kümmern.

Veranstaltungsleiter Brüggemann beendet die Veranstaltung. »Bitte«, sagt er, »geht nicht allein nach Haus.«

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