Muslime in London "Die Leute haben Angst vor mir"

Die Blicke werden wieder skeptisch. Nach der Vereitelung der Terroranschläge auf Flugzeuge in die USA wird mancher Muslim in London scheel angeschaut. Die kennen das seit dem 7. Juli 2005 bereits.


London - Viele Muslime in London fürchten, dass sich die Situation vom Juli 2005 wiederholt. Sie haben Angst vor Übergriffen und Diskriminierung. Denn bei den meisten Verdächtigen soll es sich um britische Muslime handeln, einige stammen angeblich aus Pakistan - drei der vier Selbstmordattentäter vom Juli 2005 waren ebenfalls Briten pakistanischer Abstammung.

Die Polizei habe eine Frau Mitte 20 festgenommen, Mutter eines sechs Monate altes Babys, sagte ein Sprecher der Waltham Forest Islamic Association, Imtiaz Qadir, empört. Einige der Festgenommenen kenne er persönlich, betonte er am Abend. "Das sind angesehene muslimische Männer", erklärt Qadir. "Ich bin total schockiert. Ich glaube nicht, dass sie irgendetwas getan haben, das das (den Polizeieinsatz) rechtfertigt."

Monirul Sardar, der im Osten Londons ein Reisebüro betreibt, erzählt, dass er nach jedem größeren Terroranschlag in den vergangenen Jahren angestarrt wurde: Er trägt einen buschigen schwarzen Bart. "Die Leute haben Angst vor mir", sagt der 33-Jährige, der aus Bangladesch stammt. "Ob es ein alter Mann ist oder eine Frau in einem Hijab (einer muslimischen Kopfbedeckung), sie hacken auf ihnen herum."

Die Muslim Association of Britain hat bereits Moscheen aufgefordert, rassistische Übergriffe zu melden. Sowohl nach den Anschlägen vom 11. September 2001 als auch nach den Londoner Anschlägen im vergangenen Jahr hätten die Muslime aber gezeigt, dass sie sich auch durch solchen Ärger nicht davon abhalten ließen, am Leben in Großbritannien teilzuhaben, sagt ein Sprecher, Harris Bokhari. Allerdings ist das Verhältnis zwischen der muslimischen Gemeinschaft und der Polizei schon seit einigen Monaten angespannt.

Einige Muslime zeigen sich denn auch betont skeptisch, ob an den angeblichen Anschlagsplänen überhaupt etwas dran sei und ob es dafür Beweise gebe. Die britische Polizei hatte gestern bekannt gegeben, eine Serie von Terroranschlägen auf Flugzeuge und damit einen "Massenmord von unvorstellbarem Ausmaß" vereitelt zu haben.

"Man macht sich so seine Gedanken"

Eine Anti-Terror-Razzia im Juni sei ergebnislos geblieben, erinnert sich der 27 Jahre alte Maj Ali. Er arbeitet in einem Restaurant ganz in der Nähe eines Hauses, das damals im Rahmen von Terrorermittlungen durchsucht wurde. Einer der Festgenommenen war bei dem Einsatz angeschossen worden, beide Männer haben nach Angaben ihres Anwalts eine Verbindung zu terroristischen Aktivitäten zurückgewiesen. Auch die tödlichen Schüsse auf einen Brasilianer im vergangenen Jahr, der für einen Terroristen gehalten worden war, haben bei vielen Muslimen Wut ausgelöst.

Bei einer Razzia in einer belebten Straße in Walthamstowe seien am Mittwochabend nicht gekennzeichnete Polizeiautos vorgefahren, berichten Anwohner. Rund 20 Einsatzkräfte hätten die Tür zu einem Haus aufgebrochen und im Schein von Taschenlampen die Wohnung im ersten Stock durchsucht. Einer Nachbarin zufolge bezahlten die Bewohner für London völlig unüblich in bar. Sie seien erst im Juli eingezogen, erzählt Wendy Phillips weiter. Vor dem Haus steht noch immer ein rot-weißes Schild mit der Aufschrift "Verkauft". "Man macht sich so seine Gedanken, mit wem man hier Tür an Tür wohnt", sagt Phillips.

Amar Singh unterhält sich gegenüber mit Freunden über die Berichte über die vereitelten Anschläge. Auch er sei geschockt, sagt der 17-Jährige. "Das ist eigentlich eine ruhige Gegend."

Beth Gardiner; AP



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