Mystisches Sibirien Hausbesuch bei einer Schamanin

Seit gestern trage ich fünf Münzen in meiner Hosentasche. Fünf lästige Zehn-Kopeken-Stücke, für die man so gut wie nichts kaufen kann und die bei jeder Bewegung klimpern. Geld, das ich nicht verlieren darf. Denn es wurde von einer Schamanin geweiht. In einem Glas Wodka.
Von Merle Hilbk

In Ulan Ude, der Hauptstadt der autonomen russischen Republik Burjatien, wo ich in einem der bröseligen Vorstadt-Wohnblocks Quartier gefunden habe, hatten mir Nachbarn geraten, eine Schamanin zu besuchen. 35 Jahre, unverheiratet, Rückenschmerzen und eine kranke Mutter daheim - eine Frau wie ich könne ein paar weise Ratschläge gebrauchen.

Mehrere Hundert Schamanen praktizieren seit Perestroika-Zeiten wieder öffentlich in der Stadt und haben regen Zulauf, seitdem sich immer weniger Leute einen Arztbesuch und Medikamente leisten können.

Swetlana ist Russin und Buddhistin, hat acht Kinder, eine plüschige Drei-Zimmer-Wohnung mit Blick auf ein Industriegebiet und genießt den Ruf einer der besten Schamaninnen der Stadt. Fotografieren lassen will sie sich nicht - aus Angst, dass durch das Blitzlicht ihre Zauberkraft gemindert werden könnte. Swetlana liest nicht nur die Zukunft aus einem Glas Wodka, sondern heilt auch Krankheiten mit Hilfe von Kräutern und Pflanzen. Erfolgreich, wie man mir versichert. Jedenfalls täte man gut daran, ihre Ratschläge zu beherzigen. Sie selbst, sagt eine Kundin, sei gewarnt worden, eine Beziehung mit dem Mann einzugehen, der sie später einfach habe sitzen lassen, mit einem Kind und ohne Geld. "Wie kann diese Frau aus Wodka die Zukunft lesen?", frage ich sie. "Ihr Vater und ihre Mutter hatten diese Gabe auch schon. Das liegt in der Familie."

"Wieso sprechen Sie so gebrochen Russisch?", herrscht Swetlana mich zur Begrüßung an. "Ich lerne die Sprache noch nicht so lange", antworte ich, bereits ein bisschen eingeschüchtert. Ob sie mir trotzdem ein paar Dinge über meine Zukunft erzählen könne? "Ich habe schon vielen Leuten geholfen", brummt Swetlana neben dem Tisch mit den halbleeren Wodkaflaschen, die von regem Kundenverkehr und vielen menschlichen Schicksalen künden. "Dawei, dewuschka", treibt sie mich an: "Los, Mädchen". Name! Geburtsdatum! Familienstand!

Als ich sage, dass ich weder Mann noch Kinder habe, runzelt sie die Augenbrauen. Dann gießt sie Wodka aus der Flasche, die sie mir mitzubringen aufgetragen hatte, in ein Glas, wirft die Münzen, die ich aus meiner Geldbörse fischen muss, hinein, murmelt ein paar unverständliche Sätze, die wie Beschwörungsformeln klingen. Und sieht mich an. "Sie sind das einzige Kind Ihrer Eltern. Ihre Mutter hatte in letzter Zeit zwei Operationen, und Ihre Verwandten glauben, Ihre Eltern seien reich, obwohl sie ernste finanzielle Probleme haben. Richtig?"

Ich nicke, nun noch ein bisschen mehr eingeschüchtert. Denn Swetlana hat eine tiefe Kommandostimme, die keinen Widerspruch duldet. Es geht weiter. "Ich sehe zwei Männer in Ihrem Leben. Einer spricht Ihre Sprache, der andere nicht." "Was bedeutet das, bitte?", frage ich zaghaft. Statt zu antworten, sagt Swetlana: "Sie werden zwei Kinder bekommen. Aber Sie werden wenig Glück haben in ihrem Leben mit der Liebe." Doch das ist noch nicht alles: Meine Mutter benötige dringend eine weitere Operation und ich einen Gynäkologen. "Einen was?", frage ich. "Warum sprechen Sie so schlecht Russisch", murmelt Swetlana noch einmal - und findet endlich doch noch einen kleinen Lichtblick in meinem Leben. Mit der Arbeit, da werde bei mir alles gut laufen. "Karriere, alles bestens. Ihr Beruf ergänzt sich ideal mit Ihrer Persönlichkeit."

Der Rest - Swetlana hat Recht, ich sollte bald noch einen Sprachkurs buchen - rauscht unverstanden an mir vorbei. Endlich fischt sie die Münzen aus dem Wodkaglas, trägt mir auf, eine vor dem Haus ins Gebüsch zu werfen, die anderen den Rest meines Lebens mit mir zu tragen. Im Hinausgehen erzählt sie mir, dass sie Glück gehabt habe, im Leben: "Gute Kinder hab ich bekommen, die weder trinken noch rauchen." Ich sage nicht, dass ich ihren Sohn im Bierzelt kennen gelernt habe, wo er, eifrig paffend, gegen seinen Kater antrank.

Ich sage auch nicht, dass ich ein überaus rationaler Mensch bin, der eigentlich nicht an Wahrsagerei glaubt, und ich mich vor den nassen Münzen in meiner Hosentasche ekele. Denn seit diesem Vormittag bin ich verunsichert. Verunsichert von der seltsamen Wärme in meinem Körper, verwirrt von Swetlanas Wissen um meine Familienverhältnisse und von ihren Prognosen, die mir ziemlich glaubwürdig erscheinen. Denn erstens bin ich ein beziehungsscheuer Mensch, zweitens von einem lästigen Kinderwunsch geplagt.

Wahrscheinlich, sagte ich mir zur Beruhigung auf dem Nachhauseweg, fühle ich mich nur ein bisschen fremd dort, wo ich gerade lebe, inmitten dieser wilden Ansammlung verfallender Fabriken, greller Chinesenmärkte und maroder Plattenbauten. Wahrscheinlich sehne ich mich nur nach ein bisschen Spiritualität, nach einem Wesen, das über all diesem zu stehen scheint, all das zu verstehen scheint, was mir so fremd bleibt, in diesem rauen Flecken Sibiriens: Der seltsame Gegensatz zwischen herzlichster Gastfreundschaft und gleichgültigem, rüden Verhalten in der Öffentlichkeit; zwischen beinahe religiöser Verehrung der Natur und ihrem Missbrauch als riesiger Müllkippe beispielsweise. Die Wasserleitungen, Hausflure, Straßen, die nicht repariert werden, weil sich niemand über seinen unmittelbaren Verantwortungsbereich, seine eigenen vier Wände hinaus zuständig zu fühlen scheint. Das unkoordinierte, krakenhafte Wachstum der Städte, deren Außenbezirke sämtlich als Kulisse für den Film "Blade Runner" herhalten könnten.

In meiner Wohnung klingelt hernach das Telefon ohne Unterlass. "Was hat Sie über Dein Einkommen gesagt?", wollen die Männer wissen. "Zu welchem Mann hat sie Dir geraten?", fragen die Frauen. Ich sage, dass ich beeindruckt sei von Swetlana. Dass mir klar sei, dass sie besondere Fähigkeiten hat, dass ich aber nicht wolle, dass ihre Aussagen zu einer Self-Fulfilling-Prophecy werden. "Bleib cool", sagen die Anrufer, und dann folgt ein ziemlich russischer Satz: "Man muss im Leben sowieso alles so nehmen, wie es kommt."

Die fünf Glücksmünzen schenke ich am Abend einer Bettlerin, die am Straßenrand Petersilie verkauft. "So wenig?", sagt die Frau. "Das reicht noch nicht mal für ein Glas Wodka."

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