Mzoudi-Prozess "Der Schuss ist nach hinten losgegangen"

Im Terror-Prozess gegen den Abdelghani Mzoudi hatte sich die Anklage viel von einem angeblichen iranischen Doppelagenten versprochen. Doch der Auftritt des dubiosen Mannes hinterließ mehr Fragen als Antworten.


Mzoudi: Urteil am Donnerstag?
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Mzoudi: Urteil am Donnerstag?

Hamburg - Das war wohl nichts. Mit einem ominösen iranischen Zeugen hatte die Bundesanwaltschaft im Hamburger Terrorprozess den allseits erwarteten Freispruch für den Marokkaner Abdelghani Mzoudi in letzter Minute hinausgezögert. Offensichtlich ohne Erfolg: Der Wert eines angeblichen Ex-Spions, den Geheimdienste für unglaubwürdig halten und der sich bei seiner Vernehmung vor Gericht in weitschweifigen Verschwörungstheorien verliert, hält sich für die Anklageseite höchstwahrscheinlich in engen Grenzen.

Hamid Reza Zakeri ist der Deckname des Mannes, der am Freitag mit Spannung vor dem Oberlandesgericht erwartet wurde. Schon nach den ersten Sätzen wurde klar, was der Vorsitzende Richter Klaus Rühle von dem Überraschungszeugen hielt: "Ich weiß nicht, ob Sie sich bewusst so undeutlich ausdrücken. Ich verstehe Sie einfach nicht", fuhr Rühle den Mann an. Der Zeuge, der angeblich aus Angst vor Racheakten keine Angaben zu seinen Personalien machen wollte und mit Bart und Brille auftrat, war lediglich gefragt worden, was er Belastendes über Mzoudi zu sagen hatte.

Erst nach hartnäckigen Nachfragen gab der Iraner preis, er habe über eine iranische Quelle von Mzoudi gehört. Demnach sei Mzoudi, den er persönlich nie gesehen habe, in die Vorbereitungen der Anschläge eingebunden gewesen und habe sich 1997 in einem terroristischen Ausbildungslager in Iran aufgehalten. Außerdem will Zakeri von seiner "sehr sicheren" Quelle erfahren haben, dass al-Qaida Mzoudi mit einer Briefbombe umbringen wolle.

Zakeri wusste außerdem nach eigenen Angaben schon vor dem 11. September von den geplanten Terroranschlägen. Er habe die Amerikaner vergeblich gewarnt. In den letzten Jahren hatte der Iraner mit zahlreichen westlichen Geheimdiensten Kontakt, darunter mit dem Bundesnachrichtendienst (BND). Weil ihm dort Geld für seine Hilfe angeboten worden sei, habe er den Kontakt beleidigt abgebrochen: "Ich habe von Anfang an gesagt, ich will nur den Weg für Demokratie in meinem Heimatland frei machen", betonte Zakeri.

Die Verteidigung lästerte über den "Märchenerzähler"

Das Urteil des BND über den Zeugen klingt dagegen vernichtend: Demnach scheint Zakeri zu "jedem wichtigen Thema Informationen anzubieten, wenn er sich davon einen Vorteil verspricht", wie es in einem am Freitag verlesenen Schreiben des BND heißt. Zakeris Informationen seien jedoch "nicht verifizierbar und spekulativ". Auch der Verfassungsschutz äußerte "deutliche Zweifel" an der Glaubwürdigkeit des Zeugen.

Während die Verteidigung am Freitag mit Häme nicht sparte, Zakeri als "großen Märchenerzähler" bezeichnete und lästerte: "Dieser Schuss ist voll nach hinten losgegangen", blieb der Bundesanwaltschaft nur noch Schadensbegrenzung. Bundesanwalt Walter Hemberger versuchte in seinem ergänzenden Schlussplädoyer gar nicht erst, die Angaben Zakeris im Sinne der Anklage zu verwerten. "Wenn man von der Schuld des Angeklagten nicht überzeugt ist, ist die Aussage des Zakeri sicher nicht geeignet, zu einer anderen Annahme zu kommen", gab er zu.

Stattdessen rechtfertigte Hemberger, den Zeugen überhaupt in das Verfahren eingebracht zu haben. Der Bundesanwaltschaft sei nach dem Auftauchen der Aussagen gar nichts anderes übrig geblieben. "Es war eine verdammt vertrackte Situation", erklärte Hemberger, betonte aber, die Aussage auch vorgelegt zu haben, wenn sie entlastend gewesen wäre. Kritisch sei bei dem Zeugen aber nicht nur die Frage nach der Glaubwürdigkeit: "Das ist ein Zeuge vom Hörensagen. Das ist die ganze Problematik dieser Aussage", räumte der Bundesanwalt ein.

Trotzdem blieb Hemberger bei seiner Forderung nach 15 Jahren Gefängnis für Mzoudi, der seit August wegen des Vorwurfs der Beihilfe zum Mord in über 3.000 Fällen und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor Gericht steht. Nach Ansicht der Anklage war er als Mitglied der Hamburger Terrorzelle um den Todespiloten Mohammed Atta in die Anschlagsvorbereitungen eingebunden. Daran änderte auch der Auftritt Zakeris nichts.

Ernsthaft kann die Bundesanwaltschaft aber nicht auf einen Schuldspruch hoffen: Das Gericht hatte im Dezember überraschend den Haftbefehl gegen Mzoudi aufgehoben, weil es eine durch das Bundeskriminalamt übermittelte anonyme Zeugenaussage als entlastend wertete. Seitdem gehen die meisten Prozessbeteiligten, auch die Bundesanwaltschaft, von einem Freispruch aus.

Dazu hat das Gericht am nächsten Donnerstag Gelegenheit: Nach dem Plan Rühles soll dann endgültig das Urteil fallen - wenn bis dahin nichts mehr dazwischenkommt.

Lisa Arns, AP



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