Nach der Zerstörung 1943 Jüdischer Friedhof in Berlin wiedereröffnet

Staatsregime kamen und gingen, dieser Ort hat sie überdauert: Die jüdische Gemeinde in Berlin hat jetzt ihren ältesten Friedhof wiedereröffnet. Die Gedenkstätte birgt ein heikles Problem: Im Zweiten Weltkrieg wurden auch Wehrmachtssoldaten und SS-Mitglieder dort begraben.

Von


Berlin - Als der Redner von der "großen und langen Geschichte" des Friedhofs spricht, lächelt Isaac Sheffer. Die Sonne fällt auf sein Gesicht, auf seinem Kopf trägt er eine bestickte Kippa. Dann singt Sheffer ein jüdisches Totengebet. Mit seiner tiefen Stimme erinnert er an die Verstorbenen, auch an seine eigene Familie. "Jedes Mal, wenn ich das Gebet singe, tue ich das mit Kawana", Sheffer sucht nach Worten. "Kawana, das heißt von ganzem Herzen, mit allem, was in mir ist."

12.000 Juden wurden seit 1672 auf dem historischen Friedhof in Berlin-Mitte beigesetzt. Auch das Grab des Philosophen Moses Mendelssohn befindet sich hier. Nach zweijähriger Restaurierung ist die Begräbnisstätte an der Großen Hamburger Straße am Mittwoch wiedereröffnet worden.

Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz spricht von einem "bedeutenden Ort gemeinsamer jüdischer und Berliner Geschichte". Der Friedhof ist der älteste der Jüdischen Gemeinde in Berlin. Deren Vorsitzende, Lala Süsskind, empfindet die Wiedereröffnung als Bereicherung für das Gemeindeleben: "Ich finde es wunderbar, dass die jüdische Stätte würdig hergerichtet wurde."

1943 zerstörten die Nationalsozialisten den Friedhof. Um einen Splittergraben zu bauen, benutzten sie auch die alten Grabsteine. Das angrenzende Altersheim machte die Gestapo zu einem Sammellager, von dort deportierte sie 55.000 Juden in Vernichtungslager.

Eine Million Euro für die Restaurierung

In den letzten Kriegstagen 1945 wurden hier 2425 Tote in Sammelgräbern beigesetzt, darunter Wehrmachtssoldaten und SS-Mitglieder. Dies hatte in der jüdischen Gemeinde Diskussionen ausgelöst. "Für viele ist das bis heute schwierig", sagt Reinhard Führer, Präsident des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Doch wo Juden und Nicht-Juden genau liegen, kann heute keiner mehr sagen. Mit der Restaurierung wurden Gedenk- und Informationstafeln angebracht, die die Geschichte des Friedhofs erklären.

Mit einer Million Euro haben der Berliner Senat, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und die Jüdische Gemeinde die Instandsetzung nach jüdischen Religionsgesetzen finanziert. Neben dem Eingang hängt ein Wasserbecken zum rituellen Händewaschen, in einem Kasten aus Plexiglas liegen Kopfbedeckungen für männliche Besucher.

Ein Weg durchzieht den 5900 Quadratmeter großen Friedhof, auf dem die Besucher nach den Eröffnungsreden und einem Gebet des Rabbiner Yitzhak Ehrenberg spazieren. Große Bäume säumen den Weg. Die schon braunen Blätter einer Kastanie fallen auf das Efeu, das einen großen Teil der Fläche bedeckt, denn hier stehen nur noch wenige Grabsteine. Den Boden hat er mit fünf Zentimetern Erde aufgeschüttet, um Efeu zu pflanzen, erzählt der Architekt des Friedhofs, Joachim Jakobs: "So, wie es sich für diesen Ort gehört."

Zu DDR-Zeiten nur eine "banale Grünanlage"

Denn der jüdische Friedhof soll endlich wieder ein würdiger Ort sein. Zu DDR-Zeiten grillten die Menschen hier, sonnten sich oder führten ihre Hunde aus. Er war nur noch eine "banale Grünanlage", sagt Benno Bleiberg, Stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Berlin.

"Schön ist es jetzt geworden", findet Ruth Golan. Sie ist die Architektin der Synagoge in der Rykestraße und des angrenzenden jüdischen Gymnasiums. Der Friedhof solle auch für die Schüler geöffnet werden, sagt sie: "Die Jugendlichen sollen sich dieses geschichtlichen Ortes bewusst werden."

20 Grabsteine werden zurzeit restauriert. Sie sollen wieder auf den Friedhof in Berlin-Mitte gebracht werden. Auf die wenigen verbliebenen Grabmäler haben Besucher kleine Steinchen geschichtet. "Sie sind ein Symbol dafür, dass wir die Menschen nicht vergessen", sagt Kantor Sheffer. "Blumen welken nach ein paar Tagen. Aber Steine bleiben."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.