Nach Erdbeben in Haiti "Wir müssen dem Land eine Perspektive bieten"

Die Katastrophe traf einen der ärmsten Staaten der Welt: Haiti ist übervölkert, leidet unter korrupten Machthabern und wird immer wieder von Naturgewalten heimgesucht. Jetzt muss das Land auf Dauer aus seiner Krise finden, fordert Ute Braun von der Welthungerhilfe im Interview - mit internationaler Hilfe.


SPIEGEL ONLINE: Frau Braun, warum trifft eine solche Katastrophe Haiti so besonders hart?

Ute Braun: Das Land ist seit Jahren sehr instabil, das betrifft vor allem die politischen Strukturen aber auch die Infrastruktur. Außerdem muss Haiti 50 Prozent seiner Nahrungsmittel einführen - obwohl es ein Agrarland ist. Dass Haiti so arm ist, hängt im Grunde damit zusammen, dass es sehr dicht bevölkert und mehr oder weniger abgeholzt ist. Das führt dazu, dass die Katastrophen, unter denen Haiti seit Jahren leidet - Überflutungen und Wirbelstürme - verheerende Wirkung haben.

SPIEGEL ONLINE: Gerade die Hauptstadt Port-au-Prince ist absolut übervölkert.

Braun: Ja, man spricht inzwischen sogar von drei Millionen Menschen, die in Port-au-Prince leben sollen. Viele sind in den vergangenen Jahren vom Land in die Stadt geflohen. Dabei ist die Stadt mit ihrer Infrastruktur für viel weniger Menschen ausgelegt. Es ist einfach zu voll. Das führt dazu, dass Menschen an Hängen und in Schluchten leben.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist wohl tatsächlich mit Tausenden Opfern zu rechnen?

Braun: Da überhaupt eine zuverlässige Opferzahl zu bekommen, wird total schwierig sein. So etwas wie ein Einwohnermeldeamt gibt es nicht oder nur ganz eingeschränkt. Schon vor dem Beben hatte niemand einen Überblick, wie viele Menschen in den Canyons leben, die die Stadt durchziehen. Und daher weiß man auch jetzt nicht, wer da vielleicht unter den Trümmern liegt.

SPIEGEL ONLINE: Die politische Situation in Haiti ist auch instabil. Könnte Chaos entstehen?

Braun: Das wird auch davon abhängen, wie schnell die internationale Gemeinschaft regieren und den Menschen helfen kann. Ich habe aber das Gefühl, das ist allen sehr klar, und darum wird auch im Moment so schnell reagiert.

SPIEGEL ONLINE: Womit wäre im schlimmsten Fall zu rechnen?

Braun: Es könnte sonst vielleicht dazu kommen, dass Port-au-Prince völlig unkontrollierbar wird. Plünderungen, gesetzlose Zustände - auch aus der Not heraus geboren - wären durchaus vorstellbar. Was verschärfend hinzukommt: Das Beben hat nicht nur die Ärmsten getroffen, sondern auch politische Institutionen und Kreise, die im Grunde zuständig sind, nun Wege aus dem Desaster zu finden. Ich denke, das ist auch ein großer Schock für die Haitianer.

SPIEGEL ONLINE: Was ist nun besonders wichtig bei der Hilfe in Haiti?

Braun: Es ist unbedingt notwendig, dass die Hilfe, die jetzt schon massiv einsetzt, auch nachhaltig fortgeführt wird. Sie darf nicht nach vier Wochen aufhören und auch nicht nach vier Monaten. Natürlich ist es das Wichtigste, jetzt mit dem Lebensnotwendigen zu beginnen und in einer nächsten Phase Aufbau zu betreiben. Aber es ist auch immens wichtig, dem haitianischen Volk eine Perspektive zu bieten. Die Lebensbedingungen müssen schrittweise verbessert werden, damit Katastrophen nicht mehr solch eine verheerende Auswirkung haben wie jetzt.

Das Interview führte Simone Utler



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