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Gewalt Nach Regeln schlagen

Mit Verve und unkonventionellen Ideen versucht eine Berlinerin, ein Haus zur Besserung von Männern einzurichten, die ihre Frauen prügeln.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Elvira Buchwald, 50, macht ihr Job »unheimlich viel Spaß«. Nur der Lärm vom Alexanderplatz, der in ihr Büro vordringt, stört die schlanke Gleichstellungsbeauftragte vom Bezirksamt Mitte zuweilen. Dann macht sie einfach die Fenster zu.

Nicht nur in der Hauptstadt ist die eingeborene Berlinerin mittlerweile wohlbekannt. Selbst japanische und spanische TV-Teams suchen Elvira Buchwald heim. Denn seit drei Jahren kämpft sie, zusammen mit dem Diplompsychologen Gerhard Hafner vom Verein »Mannsarde - gegen Männergewalt«, für die Einrichtung eines ersten deutschen »Männerhauses«.

»Bisher ist es ja so, daß die mißhandelte Frau ins Frauenhaus flieht und der Mann in der Wohnung bleibt«, begründet die gelernte Sozialpädagogin ihr Modellprojekt. Dann lerne der Mann gewöhnlich eine neue Partnerin kennen »und schlägt irgendwann aufs neue zu«.

Um diesen Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen, solle der schlagende Mann durch »sanften Druck« von offiziellen Stellen oder seiner Partnerin, durch Auflagen und Empfehlungen dazu bewegt werden, sich »wenigstens ein halbes Jahr« ins Männerhaus zu begeben und sich dort therapieren zu lassen.

Ein ambulantes Anti-Gewalt-Training, wie es »Mannsarde« bereits in Berlin anbietet, hält auch Elvira Buchwald für sinnvoll. Erfahrungsgemäß jedoch müsse der Mann erst seine gewohnte Umgebung verlassen, um sich mit seinen Taten wirkungsvoll auseinandersetzen zu können.

Mit 17 Wohneinheiten in einem bereits gefundenen Haus, dessen Finanzierung allerdings noch ungeklärt ist, wird der Berliner Bedarf kaum zu decken sein. »Doch irgendwie muß man ja anfangen«, sagt Buchwald und verweist auf enorme Dunkelziffern.

Während moderate Schätzungen davon ausgehen, daß es in jeder siebten Partnerschaft zu Gewalttätigkeiten kommt, rechnen manche Kriminologen damit, daß für jedes dritte Paar Gewalt zum Alltag gehört.

Elvira Buchwald ärgert sich darüber, daß in den Kriminalstatistiken kein Unterschied zwischen Gewalt in der Ehe und Gewalt in der U-Bahn gemacht wird. Unumstritten ist deshalb lediglich, daß in jedem Jahr in Deutschland rund 40 000 Frauen vor prügelnden Männern in die überfüllten Frauenhäuser fliehen.

Doch bis sich malträtierte Frauen dazu durchringen, dauert es gewöhnlich sehr lange: Einer britischen Studie zufolge vergehen von der ersten Mißhandlung bis zu dem Zeitpunkt, an dem Frauen Hilfe von außen in Anspruch nehmen, durchschnittlich sieben Jahre.

»Wenn es keine Aussicht auf Besserung gibt«, empfiehlt eine Broschüre des Bundesministeriums für Familie rührig, »dann hilft nur noch eines: Sie müssen fliehen.« Dem eigentlichen Problem, den schlagenden Männern, wird hingegen - solange die Frau keine Anzeige erstattet - kaum Aufmerksamkeit gewidmet.

Buchwald will nun das Verursacherprinzip anwenden. Ihr Projekt, das auf eine Idee der Ex-Frauen-Senatorin Anne Klein zurückgeht und für das es weltweit nur im australischen Melbourne ein Vorbild gibt, traf anfangs nicht nur auf Wohlwollen. Feministinnen etwa mokierten sich darüber, daß »ausgerechnet eine Frau« ein Männerhaus fordere, und warfen ihr vor, den Tätern eine »Lobby« verschaffen zu wollen.

»Der Mann soll in unserem Haus ja nicht in Watte gepackt werden«, entgegnet Buchwald. Mit der Zeit hat sich das Konzept allerdings verändert. Vom reinen Männerhaus haben sie und ihre Mitstreiter inzwischen Abstand genommen.

Jetzt soll der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV) einen Teil des in Aussicht stehenden denkmalgeschützten Altbaus nutzen. Damit ließe sich einerseits eine Stigmatisierung durch die Nachbarschaft vermeiden, andererseits könnte der DPWV als Träger Lottogelder beantragen.

Das mediale Echo auf die Buchwald-Pläne war bislang derart heftig, daß sich schon die ersten Männer um Aufnahme bewarben. »Einer kam aus Hamburg«, erzählt Buchwald, »der hat sich seine beiden Gören in Torschlußpanik geschnappt, sich in die Bahn gesetzt und rief dann vom Zoo an.« Sie mußte den Therapiewilligen wieder nach Hause schicken.

Auch Politiker signalisierten Wohlwollen, doch mehr als moralische Unterstützung hat die parteilose Aktivistin bislang nicht bekommen. Die Bonner Frauenministerin Claudia Nolte lehnte eine Förderung ab. Der Berliner Senat, von dem sie sich die Deckung der Personalkosten erhofft, hat bislang keine Gelder zugesagt.

Folgerichtig sucht die kämpferische Gleichstellungsbeauftragte, die über 40-Stunden-Wochen »nur lachen« kann, jetzt private Sponsoren. Sie marschierte »im feinsten Zwirn« zum »Potsdam/ Berlin-Abend«, auf dem Lokalgrößen aus Politik und Wirtschaft unter sich waren. Bei einem Mitglied des Lions Club konnte die Sozialpädagogin zwar Interesse wecken, doch als sie dem Mann offenbarte, daß sie nicht nur ein paar tausend Mark, sondern eher eine halbe Million brauche, winkte er ab.

Unlängst verfiel sie auf die Idee, es bei Henry Maske zu probieren. Unter dem Motto »Finger weg von den Frauen. Schlagt nach Regeln« sollte der Boxstar aus Frankfurt (Oder) Werbung für das Projekt machen. »Wenn er mitgemacht hätte«, räsoniert Buchwald, »hätte man das Haus ja 'Maske-Haus' nennen können.«

Zwar bekam sie eine bestimmte, wenn auch höfliche Absage, doch Buchwald läßt sich nicht entmutigen. Jetzt will sie Deutschrocker Herbert Grönemeyer ("Männer") angehen.

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