Nach schwerem Beben Tausende Spanier verbringen die Nacht im Freien

Die Erschütterungen hatten eine Stärke von 5,3: Mindestens acht Menschen starben beim schlimmsten Erdbeben in Spanien seit 55 Jahren, in der Stadt Lorca stürzten mehrere Gebäude ein. Tausende Menschen übernachteten im Freien, Soldaten richteten Zeltlager ein, brachten Decken und Lebensmittel.


Murcia - Aus Furcht vor Nachbeben haben in Südostspanien Tausende Menschen die Nacht im Freien verbracht. In der am stärksten betroffenen Stadt Lorca verteilte das Rote Kreuz Decken an die Bewohner. Am Mittwochnachmittag hatte ein Beben der Stärke 5,3 die Region Murcia erschüttert. Dabei kamen nach ersten Erkenntnissen der Behörden mindestens acht Menschen ums Leben, darunter ein Kind. 167 Menschen mussten in Krankenhäusern behandelt werden.

Bei Tagesanbruch kehrten viele Menschen der 92.000-Einwohner-Stadt in ihre Häuser zurück, um sich mit dem Nötigsten zu versorgen. Andere liefen durch die Straßen und machten Fotos von den Zerstörungen. Spanische TV-Sender zeigten Bilder von zerstörten Gebäuden und von Autos, die von herabstürzenden Trümmern zerquetscht worden waren. Laut "El País" waren 420 Soldaten im Einsatz, um nach weiteren Opfern zu suchen und Hilfe zu leisten.

Mitglieder der Notfalleinheit der Armee hatten bereits am Abend mit dem Bau von Notunterkünften begonnen, unter anderem auf dem Messegelände der Stadt, der Huerta de la Rueda. Der Zeitung zufolge mussten 10.000 Bewohner Lorcas ihre Häuser verlassen. Die Menschen, die auf öffentlichen Plätzen und in Straßen übernachteten, wurden mit Decken und Lebensmitteln versorgt.

Fotostrecke

10  Bilder
Südspanien: Zerstörung und Trauer in Lorca
Das Beben gilt als das verheerendste in Spanien seit mehr als fünf Jahrzehnten. Im April 1956 starben in der Gegend von Granada zwölf Menschen. Kurz vor den schweren Erschütterungen am Mittwoch hatte die Erde bereits mit einer Stärke von 4,5 gebebt. Dabei waren zunächst nur geringe Schäden entstanden. Nach ersten Angaben der weltweit registrierenden US-Erdbebenwarte USGS lag das Zentrum des Bebens in einer Tiefe von nur etwa einem Kilometer, rund 50 Kilometer südwestlich von Murcia.

In Lorca stürzten Häuser ein, ein Altenheim und ein Krankenhaus mussten geräumt werden. Dutzende Patienten wurden in andere Kliniken verlegt. "Es herrscht große Angst. Es gibt erhebliche Schäden", sagte ein Augenzeuge. "In meiner Wohnung sind alle Möbel umgestürzt", berichtete eine Bewohnerin von Lorca. Auch die historische Burg der Stadt wurde beschädigt.

Laut "El País"starben fünf Männer und drei Frauen, darunter eine 14-Jährige sowie zwei schwangere Frauen im Alter von 22 und 51. Von den insgesamt 120 Verletzten hätten drei Menschen sehr schwere Verletzungen erlitten, 45 seien schwer, die anderen leicht verletzt worden. Viele seien von abrutschendem Schutt getroffen worden, als sie über die Straßen gingen.

Die wichtigste Autobahn der Region wurde gesperrt, weil in einem Tunnel Steinbrocken von der Decke auf die Fahrbahn gestürzt waren. Auf den Straßen taten sich Risse auf. Die Erdstöße waren unter anderem auch in der Regionalhauptstadt Murcia sowie in den Städten Cartagena, Almería, Albacete und bis nach Madrid zu spüren.

Zapatero unterbricht Wahlkampf und reist nach Lorca

Im Laufe des Morgens kehrte langsam wieder Normalität ein: Die Pendlerzüge zwischen Lorca und Murcia nahmen der Bahngesellschaft Renfe zufolge um 6.45 Uhr wieder den Verkehr auf. Die Linie war seit 20.30 Uhr gesperrt gewesen.

Die Schulen blieben laut "El País" am Donnerstag geschlossen und werden erst wieder geöffnet, wenn klar ist, dass die Gebäude unbeschädigt sind. Die Stadtverwaltung von Lorca hat mehrere Architekten beauftragt, Untersuchungen von Gebäuden einzuleiten. Einige Brigaden arbeiteten bereits daran, Schäden in der Infrastruktur zu beurteilen, sagte Bürgermeister Francisco Jódar.

Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero unterbrach seinen Wahlkampf für die bevorstehenden Regional- und Kommunalwahlen, um die Rettungsarbeiten zu koordinieren. Gemeinsam mit weiteren Regierungsvertretern wurde er im Laufe des Tages in Lorca erwartet.

Luis Eugenio Suárez, Präsident des spanischen Geologen-Verbands, sagte, die Region Murcia hätte auf ein Beben dieser Art besser vorbereitet sein müssen. Die Erdstöße seien an sich nicht stark genug gewesen, um Gebäude zum Einsturz zu bringen. Die betroffenen Bauwerke hätten wahrscheinlich schon vorher Mängel oder Schäden aufgewiesen.

In Spanien sind schwere Erdbeben relativ selten. Im Süden des Landes werden zuweilen schwächere Erdstöße registriert, die in der Regel aber keine Schäden anrichten. Murcia ist die am stärksten erdbebengefährdete Region in Spanien.

hut/siu/dpa/dapd



© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.