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Tornado von Oklahoma Hoffnung in Trümmern

Die Stadt Moore in Oklahoma gleicht einer Trümmerwüste, Dutzende Menschen sind beim verheerenden Tornado gestorben. Welche tröstenden Worte kann ein US-Präsident da finden? Barack Obama macht es wie nach Hurrikan "Sandy", wie in Boston: Er appelliert an die Macht der Gemeinschaft.

Schon wieder muss sich der Präsident wegen einer Katastrophe an die Nation wenden. Schon wieder hängen Amerikas Fahnen auf Halbmast. "Unsere Gebete sind mit den Menschen in Oklahoma", sagt also Barack Obama am Dienstag im Weißen Haus, über ihm das Porträt seines Vorbilds Abraham Lincoln, der das Land einst in größter Not führte.

Etwa 20 Stunden zuvor hatte ein mächtiger Tornado eine drei Kilometer breite Schneise der Verwüstung durch die Kleinstadt Moore im Süden von Oklahoma City gezogen. Um 14.40 Uhr am Montag ging die erste Warnung der Behörden raus, exakt 16 Minuten später traf der Wirbelsturm der höchsten Stärke (F5) auf dem Boden auf. Mit bis zu 320 km/h fraß er sich übers Land, 40 Minuten lang. Zwei Grundschulen werden zerstört, mehr als 300 Häuser liegen in Trümmern, die Behörden rechnen mit einem Gesamtschaden von mehr als drei Milliarden Dollar.

Vor allem aber: Mindestens 24 Menschen sind gestorben, darunter neun Kinder. Das ist der Stand am Dienstagabend. Es ist aber zu befürchten, dass die Todeszahlen in den kommenden Stunden noch steigen werden. Weitere Leichen könnten etwa direkt zu Bestattungsunternehmen gebracht worden sein, so Oklahomas Gouverneurin Mary Fallin: "Wir versuchen, eine verlässlichere Zählung zu erhalten."

Den ganzen Tag über suchen Rettungsteams die Trümmer ab, hoffen auf Überlebende. Jedes Grundstück wird mehrfach überprüft - für den Fall, dass zuvor Opfer übersehen wurden. Am Montagabend kommt es zu dramatischen Szenen, als Eltern ihre Kinder und gleichzeitig Kinder ihre Eltern auf dem Parkplatz der Briarwood Elementary School suchen, eine der beiden Grundschulen, die der Sturm zerstört hat. Man rennt durcheinander, ruft Namen und hofft auf das Kind, die Mutter, den Vater.

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Oklahoma: Riesenwirbelsturm über Moore

Foto: Ed Zurga/ dpa

Moore - erneut steht der Name einer amerikanischen Stadt für Leid und Zerstörung. Allein in den vergangenen zwölf Monaten musste Obama mehrfach solche Trauer-Ansprachen halten: Da waren der Supersturm "Sandy" an der Ostküste; die Amokläufe im Kino von Aurora, in der Grundschule von Newtown, im Sikh-Tempel von Oak Creek; das Attentat von Boston; die Explosion in der Düngemittelfabrik von West, Texas. Und jetzt der Tornado von Moore.

Natürlich, Naturkatastrophen und Anschläge sind nicht vergleichbar. Denn mit Terror und Waffengewalt darf man sich nicht arrangieren; mit klimatischen Besonderheiten muss man es wohl. Schließlich treffen rund 1200 Tornados pro Jahr die USA. Erdbeben, Stürme, Fluten - alles keine Seltenheit. Doch hinterlässt jede Katastrophe - egal ob vom Menschen oder der Natur gemacht - Trauer und Leid. "Da sind jetzt leere Plätze, wo zuvor Wohnzimmer waren und Schlafzimmer und Klassenzimmer", sagt Obama über Moore: "Wir müssen diese Plätze wieder füllen mit Liebe, Lachen und Gemeinschaft." Die Amerikaner stünden füreinander ein, versichert der Präsident, diesen Geist habe man auch schon nach Boston und all den anderen Katastrophen spüren können.

Das ist Obamas Appell an die Hoffnung, trotz der Trümmer von Moore.

Tatsächlich bricht sich im Unglück jener Gemeinschaftssinn Bahn, der auch schon in Boston zu beobachten war: Eine Stadt steht auf. Nachbarn helfen einander, zig Ersthelfer melden sich freiwillig, private Unterkünfte werden angeboten. Oklahomas Vize-Gouverneur sagt auf CNN: "Lasst uns mal für einen Moment auf die guten Nachrichten schauen, in der Nacht haben wir 101 Überlebende bergen können." Der Country-Sänger Toby Keith ("Made in America"), der aus Oklahoma stammt und dessen Schwester in Moore lebt, plant ein Benefizkonzert.

Er wolle das Unglück zwar nicht herunterspielen, sagt Keith, aber die Menschen in der Gegend seien unverwüstlich und würden sich erholen: "Es gibt womöglich niemanden, der besser auf Tornados vorbereitet ist als die Leute in Oklahoma, speziell in Moore und Umgebung." Nicht umsonst sei der Landstrich bekannt als "Tornado-Gasse". Auch Präsident Obama bemerkt, dass die "Menschen von Oklahoma besser auf diese Art Sturm vorbereitet sind als die meisten anderen".

Aber ist das wirklich so? Denn obwohl etwa die Plaza Towers Elementary School seit fünf Jahrzehnten mitten im Tornado-Gebiet stand, war sie weder stabil gebaut noch verfügte sie über Sturmschutzkeller. Nun hat sie der Tornado komplett zerstört - und sieben Schüler sind gestorben. Die meisten Häuser in Moore sind genau wie überall im Land aus Holz und in Leichtbauweise errichtet. Keller? Meistens Fehlanzeige, weil zu teuer. Auch die Stadt selbst verfügt nicht über Schutzräume.

Dabei wurde die Gegend nun schon zum dritten Mal innerhalb der vergangenen 15 Jahre von einem gefährlichen Tornado getroffen - nach 1999 und 2003. Es sei jetzt an der Zeit, sich darüber zu unterhalten, wie man in solchen Gefahrenzonen sicherer leben kann, kommentiert die "New York Times". Neben Konstruktionsmängeln der Häuser sei auch die dichte Besiedelung in Moore ein Problem: So wuchs die Stadt in den vergangenen vier Jahrzehnten von knapp 19.000 Einwohnern im Jahr 1970 auf heute 55.000.

Im Weißen Haus warnt derweil Obama, dass die kritischen Wetterbedingungen noch immer anhalten würden. Dann fügt er hinzu: "Und wir bereiten uns auf die Hurrikan-Saison vor, die kommende Woche beginnt."