Nach TV-Zweiteiler Grünenthal-Chef zu Treffen mit Contergan-Opfern bereit

Der Fernsehzweiteiler über den Contergan-Skandal bewegte ein Millionenpublikum. Nun will die Leitung des Pharmakonzerns Grünenthal offenbar auf die Opfer des Schlafmittels zugehen. Überlegungen zu neuen finanziellen Hilfen gebe es aber derzeit nicht.


Aachen - Der Geschäftsführende Gesellschafter von Grünenthal, Sebastian Wirtz, ist grundsätzlich zu einem Treffen mit Contergan-Geschädigten bereit. Der Rahmen müsse aber "angemessen" sein, also ohne Medien, sagte der 37 Jahre alte Enkel des Grünenthal-Gründers der "Aachener Zeitung" und den "Aachener Nachrichten".

Bewegte ein Millionenpublikum: Szene aus dem TV-Zweiteiler "Contergan"
WDR

Bewegte ein Millionenpublikum: Szene aus dem TV-Zweiteiler "Contergan"

Wirtz betonte, Überlegungen zu einer weiteren finanziellen Unterstützung für die Contergan-Opfer gebe es "derzeit" nicht. Er habe "Riesenrespekt" vor den Menschen, die durch das von Grünenthal auf den Markt gebrachte Schlafmittel geschädigt wurden. "Es tut mir furchtbar leid, was ihnen passiert ist", sagte er. Die Zeit sei reif, bei diesem sensiblen Thema das auszudrücken, was man empfinde.

Grünenthal hatte das Schlafmittel Contergan mit dem Wirkstoff Thalidomid am 1. Oktober 1957 auf den Markt gebracht. Es versprach auch werdenden Müttern eine ruhige Nacht. Das lange Zeit rezeptfrei erhältliche Mittel löste einen der größten Medizinskandale aus. Weltweit kamen 10.000 Kinder mit zum Teil schweren Fehlbildungen zur Welt. Von bundesweit geschätzten 5000 Betroffenen leben noch etwa 2700. Grünenthal hatte sich verpflichtet, 100 Millionen Mark (heute 51,13 Millionen Euro) plus Zinsen von mehr als 10 Millionen Mark für die Opfer in eine 1971 gegründete Stiftung einzuzahlen. In diese brachte der Bund 100 Millionen Mark ein.

Bei der Gründung der Stiftung habe man nicht erkennen können, dass das Geld nicht ausreichen werde, sagte Wirtz den Zeitungen. Dies sei aber heute überdeutlich. Deshalb könne er die Klagen der Contergan-Geschädigten in diesem Punkt "sehr gut verstehen". Seine Familie und die Firma trügen keine moralische Schuld an der Tragödie, aber eine moralische Verantwortung. Grünenthal mit seinen heute rund 4800 Beschäftigten sei aber für die von Betroffenenverbänden geforderten höheren Rentenzahlungen nicht zuständig, hatte Wirtz zuvor der "Bild"-Zeitung gesagt.

In der durch die WDR-Produktion ausgelösten Debatte über eine Entschädigung für Contergan-Opfer hatte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) Gespräche zwischen Grünenthal und Betroffenen angeregt. "Viele Spätschäden weit über die Behinderung hinaus waren bei Abschluss des Vergleichs noch nicht absehbar", sagte die Ministerin Schmidt den "Ruhr Nachrichten". Zur Frage, ob die monatlich maximal 545 Euro betragende Entschädigung nicht erhöht werden müsse,
räumte sie ein: "Es besteht das Problem, dass mit dem Vergleich und der Stiftung damals die Frage der Entschädigung rechtlich
abschließend geregelt worden ist."

Der juristisch lange umkämpfte Spielfilm über den
Contergan-Skandal ist in der ARD auf großes Zuschauerinteresse
gestoßen. 6,85 Millionen Zuschauer verfolgten nach Angaben des Senders am Donnerstag den zweiten Teil mit dem Titel "Der Prozess". Damit erreichte der Fernsehsender einen Marktanteil von 21,2 Prozent. Den ersten Teil am Mittwoch "Eine einzige Tablette" hatten 7,27 Millionen am Bildschirm gesehen. Die folgende Reportage "Contergan" (21.45 Uhr) über den Skandal schalteten der ARD zufolge 5,76 Millionen Zuschauer an. Der Marktanteil lag bei 19,5 Prozent.

kai/dpa/ddp



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