Nachruf Revolutionär nach außen, Traditionalist nach innen

Ein Vierteljahrhundert stand Johannes Paul II. der Katholischen Kirche vor. Er war einer der Totengräber des Kommunismus, ein scharfer Kritiker des westlichen Materialismus. Er trat als Büßer für kirchliche Verbrechen auf, reiste wie ein Popstar durch die Welt - doch innerhalb der Kirche führte er ein reaktionäres Regiment.

Von Alexander Schwabe


Papst Johannes Paul II.
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Papst Johannes Paul II.

Wie er auf Reisen den Boden des Gastlandes küsste - als er es noch konnte. Wie er den Ostergruß aus Rom in die Welt sandte mit fester und später immer brüchigerer Stimme. Wie er den Segen erteilte in nomine patris et filii et spiritus sancti. Das Charisma Johannes Paul II. war mindestens so eindrucksvoll wie die rituelle Kraft seines Amtes.

Wenn er mit huldvoller Geste und zugekniffenen Augen die Gläubigen vom Balkon des Petersdoms oder aus dem Papamobil heraus grüßte, wenn er durch die Menschenmenge chauffiert wurde, schien es, als schwebe er über die Köpfe der Gläubigen hinweg. Oft an den Bedürfnissen und am Verständnis des Kirchenvolkes vorbei folgte der Oberhirte gradlinig und unerschütterlich seiner Bestimmung, die Kirche ins dritte Jahrtausend zu führen.

Dieser Mission kam der Papst unbeirrbar und unbeugsam nach. Bereits in seiner ersten von insgesamt 14 Enzykliken, "Redemptor Hominis" ("Erlöser der Menschen"), gab er der Kirche vor, ein Gegenmodell zu politischen Systemen bilden zu müssen, sobald sich diese von Moral und Gerechtigkeit entfernten.

Bis zuletzt geißelte das Oberhaupt von rund einer Milliarde Katholiken den puren Kapitalismus. Der durch die Parkinsonsche Krankheit immer gebrechlicher werdende Papst war innerlich stark genug, das von den Industrieländern "dominierte und manipulierte" Wirtschafts- und Finanzsystem zu brandmarken, die Ökonomisierung des gesamten Lebens zur Profitmaximierung, die Verabsolutierung des freien Marktes und die Globalisierung auf Kosten der Entwicklungsländer - ebenso wie die neoimperialistische Außenpolitik der USA.

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Papst Johannes Paul II.: Der Marathonmann Gottes
In der Kritik der Ideologien war die Kurie nicht immer konsequent. Mit der Reagan-Administration und der CIA bekämpfte Johannes Paul das "Reich des Bösen" im Osten, doch er kooperierte mit ihnen auch im Kampf gegen Befreiungsbewegungen in Lateinamerika. Dem chilenischen Diktator Augusto Pinochet begegnete der Papst 1987 überraschend verständnisvoll, für die "Mütter der Verschwundenen" fand er damals keine Zeit.

Ganz anders in Osteuropa. Hier war er bereits als Erzbischof von Krakau den Machthabern kompromisslos gegenübergestanden. Ein Jahr nachdem er dann als Papst triumphal in Polen eingezogen war, war die erste freie Gewerkschaft im Ostblock entstanden. Mit der ganzen Autorität der Amtskirche schützte er die Opposition. Durch Wojtylas Beziehungen flossen CIA-Millionen über den Vatikan an die "Solidarnosc".

Ausgerechnet der Atheist Michail Gorbatschow sah in seinem eigenen politischen Lebenswerk ein Erbe des Pontifex maximus: "Alles, was in den letzten Jahren in Osteuropa geschehen ist, wäre ohne diesen Papst nicht möglich gewesen", schrieb der mächtigste Mann des endenden Sowjetimperiums in seinen Memoiren.

"Wer mit Lüsternheit seine eigene Frau anschaut, begeht Ehebruch im Herzen"

Möglicherweise weil er eine Gefahr für den Kommunismus war, kam es am 13. Mai 1981 zu einem Anschlag auf den Papst. Als er an jenem Mittwoch im offenen Wagen stehend bei einer Generalaudienz über den Petersplatz fuhr, zog der 23-jährige Mehmet Ali Agca eine Neun-Millimeter-Browning. Aus nächster Nähe gab er mindestens zwei Schüsse auf den Papst ab, der schwer verletzt wurde.

Vakanz im Vatikan
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Vakanz im Vatikan

Hatte Johannes Paul seinen Einfluss in Osteuropa überreizt? Hinter dem Attentäter, Mitglied der türkischen rechtsextremistischen Gruppe "Graue Wölfe", wurde der bulgarische Geheimdienst oder der KGB vermutet. Agca wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Als der Heilige Vater den Täter im Gefängnis besuchte, vergab er ihm.

So groß das Verdienst Johannes Paul II. ist, die Herrscher im Kreml und deren Statthalter und zunehmend auch die Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Systems der Ideologiekritik unterzogen zu haben, so wenig gelang es ihm, das Schiff Kirche für die Zukunft flott zu machen: zu rückwärtsgewandt sein Kirchenbild, zu rigoros seine Disziplinierungsmaßnahmen, zu abgehoben von der Lebenserfahrung der Menschen seine Moral. Nach außen ein Fürsprecher der Unfreien und Benachteiligten, nach innen glich der Mann mit dem Hirtenstab einem Verstockten.

Die Verbohrtheit des Kirchenoberhaupts zeigte sich exemplarisch darin, dass er rund zwei Jahre nach seinem Amtsantritt verkündete, die kirchliche Doktrin müsse sich nicht dem realen Leben anpassen, sondern das Leben der Doktrin - ein Gedanke Hegels, wonach sich die Wirklichkeit an dem von ihm konstruierten absoluten System zu orientieren habe, sonst sehe es schlecht aus für die Wirklichkeit.

Dass Johannes Paul II. einer überkommenen Sexualmoral anhing ("Wer mit Lüsternheit seine eigene Frau anschaut, begeht Ehebruch im Herzen"), dass er nach außen Menschenrechte und Demokratie einforderte, diese jedoch innerkirchlich nicht einlöste, sorgte bei Theologen und Laien für Empörung und Resignation.

"Geistlicher Diktator"

Protestnoten wie die von 160 deutschen Theologen unterzeichnete "Kölner Erklärung" vom Januar 1989 gegen die "Entmündigung durch den römischen Zentralismus" verpufften. Auch die rund 2,3 Millionen Unterschriften deutscher und österreichischer Christen beim "Kirchenvolksbegehren" 1995 blieben ohne Wirkung. Dafür blieb es trotz Priestermangels beim Pflichtzölibat, bei der Weigerung Frauen zu Priesterinnen zu weihen und bei einer kompromisslosen Haltung zur Empfängnisverhütung und zum Schwangerschaftsabbruch trotz der weltweiten Bevölkerungsexplosion.

Der Papst bei einer Audienz in seinem Sommersitz Castel Gandolfo
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Der Papst bei einer Audienz in seinem Sommersitz Castel Gandolfo

Nach Erscheinen der Enzyklika "Evangelium vitae" ("Die frohe Botschaft des Lebens") im März 1995 stufte der Tübinger Theologe Hans Küng, selbst Opfer kirchenobrigkeitlicher Gewalt, Johannes Paul II. als "geistlichen Diktator" ein, der in den "intimsten Fragen des Lebens Gewissensfreiheit abschaffen und selbst demokratischen Parlamenten das Recht auf Gesetzgebung absprechen" wolle.

Mit schwarzer Pädagogik versuchte er Konformismus zu erzwingen. Unter der Etikette "Kongregation für die Glaubenslehre" wurde unter Leitung von Kardinal Joseph Ratzinger die Inquisition reanimiert. Über die Interessen vieler Domkapitel hinweg inthronisierte der Papst konservative Bischöfe und Kardinäle: Der römische Zentralismus duldete keine Opposition.

Johannes Paul II. führte den Index verbotener Bücher wieder ein. Er maßregelte Rom-kritische Theologen wie den Holländer Edward Schillebeeckx, den Brasilianer Leonardo Boff und den amerikanischen Moraltheologen Charles Curran.

Doch trotz des autoritären Stils faszinierte der Papst durch sein persönliches Auftreten. Für die Katholische Kirche leistete er unzählige Male Abbitte: Gegenüber den Juden, den Indianern, den Opfern der Sklaverei. 1992 rehabilitierte der Vatikan Galileo Galilei, ein Jahr später Nikolaus Kopernikus. Weitere drei Jahre später wurde auch die zunächst als tiefe Kränkung empfundene Evolutionstheorie Charles Darwins offiziell für akzeptabel erklärt - die Exkommunikation Martin Luthers ist allerdings bis heute nicht zurückgenommen.

Johannes Paul II. war der erste Papst, der eine Moschee betrat (am 6. Mai 2001 in Damaskus). Hunderte Menschen sprach er selig - mehr als alle seine Vorgänger zusammen. Auch diese Art Personalpolitik stieß auf Kritik. So wurde etwa der umstrittene Opus-Dei-Gründer Josémarie Escriva de Balaguer - von manchem als konservativer Geheimdienstchef des Vatikans gesehen - im Eilverfahren selig gesprochen, während der in El Salvador von einem regierungsnahen Killerkommando ermordete Erzbischof Oscar Romero bis zuletzt ignoriert wurde.

Der Papst im Mai 2003 in Madrid: Keiner seiner Vorgänger sprach mehr Menschen selig oder heilig
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Der Papst im Mai 2003 in Madrid: Keiner seiner Vorgänger sprach mehr Menschen selig oder heilig

Es gehört zu den Widersprüchen des am 18. Mai 1920 im polnischen Wadowice geborenen Karol Wojtyla, dass er sowohl ein Hardliner als auch ein großer Büßer war. Am 23. März 2000, während des Heiligen Jahres, sagte der Papst in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Waschem in Jerusalem: "Als Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus versichere ich dem jüdischen Volk, dass die katholische Kirche tiefste Trauer empfindet über den Hass, die Verfolgung und alle antisemitischen Akte, die jemals irgendwo gegen Juden von Christen verübt wurden."

"Du bist schöner als Jesus Christus"

Seine menschliche Wärme und seine Leidensfähigkeit taten es den Menschen an. Werte, die in einer schnelllebigen Welt des Erfolghungers nicht viel zählen, machten ihn zum Idol - vor allem auch bei jungen Gläubigen. Insofern kam er dem biblischen Anspruch an Petrus nahe, der Fels zu sein, auf dem die Kirche gründet. Es waren nicht nur enthusiastische Nonnen, die ins Schwärmen gerieten ("Du bist schöner als Jesus Christus") - das "Time Magazine" wählte den frommen Kosmopoliten zum "Mann des Jahres".

Er war ein Popstar. Das Konklave hatte bei der Wahl des Polen am 16. Oktober 1978 die Zeichen der Zeit erkannt. Noch zwei Jahre bevor ein Hollywood-Schauspieler ins Weiße Haus in Washington einzog (ausgerechnet jener Ronald Reagan, der auf seine Weise zum Fall des Kommunismus beigetragen hat ("Mr. Gorbatschow, tear down this wall!")), hatte der Holy Spirit das Augenmerk des Wahlgremiums auf den vitalen Kardinal gelenkt, der - seit Jugendtagen ebenfalls dem Schauspiel zugetan - eine gute PR-Nummer abgeben würde.

Mit einem Papst, der in den heimischen Beskiden Klettern und auf den Masurischen Seen Paddeln war, der in seiner weißen Soutane die Hänge der Marmolata in den Dolomiten hinunter wedeln konnte, hoffte man, der Kirche das Image einer weltoffenen, modernen Veranstaltung geben zu können. Es gab Etappensiege: Mick Jagger gefiel es, vom Papst gesegnet zu sein, die Humanitäts-Ikonen Prinzessin Diana und Mutter Theresa suchten seine Nähe, Claudia Cardinale las Gedichte des jungen Wojtyla und - don't think twice - selbst Bob Dylan spielte im Vatikan.

Dreimal zum Mond und zurück

US-Präsident George W. Bush beim Papst: Kritik an der Globalisierung auf Kosten der Entwicklungsländer
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US-Präsident George W. Bush beim Papst: Kritik an der Globalisierung auf Kosten der Entwicklungsländer

Ein Spektakel jagte das nächste. Massenaufläufe gab es nicht nur an Ostern zum Segen "urbi et orbi" auf dem Petersplatz in Rom, sondern in aller Welt. In der philippinischen Hauptstadt Manila strömten 1995 an einem einzigen Tag vier Millionen Menschen zu einem Papst-Event. Höhepunkt in Rom war 2000 das vom Vatikan ausgerufene Heilige Jahr, während dem rund 20 Millionen Gläubige nach Rom pilgerten.

Der 264. Papst - der erste nicht-italienische seit dem Holländer Hadrian VI, 1522 - war ein Papst der Superlative. Er gab weit mehr als 1000 Generalaudienzen, dabei empfing er 17 Millionen Menschen. Bei der Länge seiner Amtszeit liegt er unter den Top drei der Nachfolger Petri. Auf mehr als 100 Reisen in aller Welt besuchte er seine Herde - meist auf Kosten der Gastgeber (Johannes XXIII. brachte es gerade mal auf eine Auslandsreise, Paul VI. auf immerhin drei). Dabei legte Johannes Paul II. eine Strecke zurück, die dreimal so lang ist wie der Weg von der Erde zum Mond und zurück - unbeirrbar bis zuletzt.



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