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FRAUENHANDEL Nachschub für die Provinz

Die Prostitution auf dem flachen Land boomt. Um die Nachfrage zu befriedigen, werden immer mehr Frauen aus Osteuropa angeheuert und in Deutschland von Bar zu Bar verschickt - wie die Lettin Swetlana G., die durch eine Kleinanzeige in die Hände von Menschenhändlern geriet.
Von Carolin Emcke und Udo Ludwig
aus DER SPIEGEL 5/1999

Der Familie in Riga geht es vergleichsweise gut. Auf dem Weihnachtstisch von Swetlana und Ernst G. liegen frische Orangen, Bananen und Kekse für die Tochter. Mehrmals in der Woche finden sich die drei bei McDonald's ein.

Besonders die Mutter genießt den kleinen Luxus. Vorbei sind die Zeiten, als sie mit ihrer Tochter in einer heruntergekommenen Wohnung der Trabantenstadt Bolderaja im Nordwesten Rigas hauste.

Hinter Swetlana G. liegt eine Leidensgeschichte, wie sie Jahr für Jahr einigen hunderttausend Frauen in Europa widerfährt - als Sexware in den Händen skrupelloser Menschenhändler, die mit den billigen und oft auch willigen Importen aus dem ehemaligen Ostblock Milliarden umsetzen. Angelockt durch Versprechungen vom schnell verdienten Geld im reichen Westen, landen sie als Prostituierte in Clubs und Stundenzimmern, in schummrigen Bars oder schmierigen Love-Mobiles an der Landstraße.

Bisher versorgten die Frauendealer vornehmlich den Markt in den Großstädten. Neuerdings haben sie ihr Netzwerk auch über die Provinz gelegt: Das einträgliche Geschäft mit dem Sex verlagert sich immer mehr aufs platte Land.

Aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, aber auch aus Polen und Tschechien führt eine direkte Versorgungslinie nach Deutschland. Von den Prostituiertenzentren Berlin und Neustadt (Dosse) aus wird die Ware über die Republik verteilt und dann wie ein Wanderzirkus von Bordell zu Bordell über die Dörfer verschickt.

Das ausgeklügelte System der Rotation hat einen doppelten Effekt: Die Kunden bekommen die gewünschte Abwechslung, und die Polizei verliert den Überblick.

Die Armut hatte Swetlana im Frühjahr 1996 mürbe gemacht. Ihr damaliger Ehemann fand nur Gelegenheitsjobs, selten war genug Geld zum Leben da. Swetlana litt zudem darunter, daß sie als gebürtige Russin in Lettland als Mensch zweiter Klasse angesehen wurde.

Eines Tages kauft die junge Frau die »Reklama«, ein Anzeigenblatt, das in Riga die Funktion eines großen Basars hat: Gebrauchte Gabelstapler und angejahrte Mercedes-Benz werden darin zum Kauf angeboten, Kinderwagen und Aushilfskellner sind immer gesucht. Unter der Rubrik »Mädchen« umgarnen anonyme Auftraggeber junge Frauen zwischen 18 und 26 Jahren, die bereit sind, als billige Arbeitskräfte nach Deutschland auszuwandern.

Swetlana ahnt, worauf sie sich einläßt, als sie sich in einer Bar mit einem Mann namens Walera trifft. Der kommt gleich auf den Punkt: Er könne sie in deutsche Bars vermitteln. Was sie dort zu leisten hat, bleibt vage, die Verdienstmöglichkeiten, schwärmt Walera, seien phantastisch. Klar wird, sie müsse sich auch um Freier kümmern. Swetlana willigt ein.

Walera erklärt ihr, wie es weitergeht: Sie solle sich in der deutschen Botschaft ein Touristenvisum besorgen, ein Bus bringe sie dann nach Berlin, wo sie am Bahnhof Wannsee von zwei Russen, Igor und Dima, abgeholt werde.

Als sie in Berlin ankommt, fahren sie ihre neuen Arbeitgeber zunächst nach Neustadt an der Dosse. Die Bar in der Kleinstadt im Norden von Brandenburg ist ein polizeibekannter Umschlagplatz für Huren aus dem Baltikum. In einer Art Crashkurs bringen Igor und Dima ihrer neuen Angestellten die Grundregeln des Gewerbes bei: Swetlanas Schicht beginnt um 20 Uhr und endet gegen 4 Uhr morgens. Für eine Stunde Arbeit muß sie 200 Mark nehmen, 30 Minuten kosten 150 Mark, der Preis für einen Viertelstunden-Quicky beträgt 100 Mark. Jede Nacht kassieren Igor oder Dima ab.

Weil Swetlana »Angst hat« und sie immer noch nicht weiß, »wie das alles hier geht«, bringen ihr erfahrene Kolleginnen ein paar Feinheiten bei. Verlangt ein Kunde Geschlechtsverkehr ohne Kondom, wird dieser Wunsch erfüllt. Sex ohne Gummi kostet 50 Mark extra.

Als ihr Visum nach vier Wochen abläuft, macht sich Swetlana keine Sorgen. Igor hat ihr erzählt, Polizisten zählten zu den Stammkunden des Etablissements. Eines Tages trifft Dima aufgeregt in der Bar ein, verfrachtet alle Mädchen, die keine gültige Aufenthaltsgenehmigung haben, eilig ins Auto und fährt sie in ein weiter entferntes Hotel. Sie hätten gesteckt bekommen, daß eine Razzia vorgesehen sei, begründet der Chef den hastigen Aufbruch.

Laut dem 25. Nationalen Hurenkongreß koitieren rund 400 000 Gunstgewerblerinnen in Deutschland. Täglich nehmen etwa eine Million Männer ihre Dienste in Anspruch. Nach Schätzung von Ermittlern erwirtschaften sie einen jährlichen Umsatz von circa zehn Milliarden Mark.

Die Bandbreite des Milieus reicht vom »sauberen« Sex in einem Kölner Massenbordell, das als GmbH organisiert ist und jährlich zwölf Millionen Mark Gewerbesteuer zahlt, bis zu Schmuddelpuffs mit illegalen Prostituierten, die vielfach ohne ärztliche Aufsicht arbeiten. Bei dieser Art von Menschenhandel haben wir es mit »brutalster physischer und psychischer Gewalt zu tun«, sagt Bayerns Innenminister Günther Beckstein.

1997 registrierte das Bundeskriminalamt (BKA) 396 Ermittlungsverfahren, 1201 Opfer wurden bekannt. Mehr als 87 Prozent der Geschädigten kamen aus mittel- und osteuropäischen Staaten. Acht von zehn nach Deutschland verkauften Frauen, so das BKA, seien über den wahren Grund ihrer Anwerbung getäuscht worden.

Die Zuhälter haben die Illegalen fest in der Hand. Swetlana etwa mußte von ihrem Verdienst jeden Tag 250 Mark »Miete« abgeben. Der Obolus war auch dann fällig, wenn kein Freier ihre Dienste in Anspruch genommen hatte. Jeden Monat hatte sie zudem ihrem Anwerber in Riga 1000 Mark zu überweisen.

Weil sie wenigstens 200 bis 300 Mark für ihre Tochter nach Hause schicken will, steht Swetlana bald tief bei Igor und Dima in der Kreide. Als sie ankündigt, sie wolle aussteigen, erklären ihre Chefs, sie könne jederzeit gehen - vorher müsse sie aber ihre Schulden abtragen.

Eines Tages fährt Andrej, ein Bodyguard der beiden russischen Loddels, mit einem schwarzen BMW vor und drängt Swetlana, ihre Sachen zu packen. Sie ist ausgeguckt worden, künftig im niedersächsischen Repke bei Gifhorn anzuschaffen. Das Etablissement in der Celler Straße 10 liegt direkt neben dem »Stöberstübchen«, einem Laden für Kunstgewerbe und Geschenkartikel.

Die Miete für Swetlana beträgt hier zwar nur 50 Mark am Tag, dafür muß sie von jeder Arbeitsstunde 110 Mark abgeben. Wohlhabend werden bei dem Deal nur die Luden. Igor und Dima haben immer reichlich Bargeld in der Tasche.

In Deutschland hat kaum eine andere Berufsgruppe dermaßen vom Zerfall des Sowjetreichs profitiert wie die Zuhälter. »Ein attraktiver, ungesättigter Nachfragemarkt«, analysiert der Lüneburger Kriminaloberrat Robert Kruse, sei auf »einen riesigen Angebotsmarkt der ehemaligen Ostblockstaaten« getroffen.

Kamen in den achtziger Jahren junge Frauen vornehmlich aus Afrika und Asien, so wird in der Welt der leichten Damen inzwischen mehrheitlich russisch gesprochen.

Der Andrang aus dem Osten ist ungebrochen. Vor der deutschen Botschaft in Riga bildeten sich in den vergangenen Jahren oftmals Schlangen, 65 000 Touristenvisa wurden allein 1997 ausgegeben. Die diplomatischen Niederlassungen im ehemaligen Ostblock seien sich der Probleme durchaus bewußt, bekennt ein Sprecher des Bonner Außenministeriums, »aber wir können ja nicht allen hübschen jungen Frauen die Einreise verweigern«.

Ende 1996 begreift Swetlana, daß sie sich allein aus ihrer Misere nicht befreien kann. Die blondierte Frau pendelt von Puff zu Puff, doch nirgendwo langen die Einnahmen. Das Verhältnis zu ihren russischen Arbeitskolleginnen ist unterkühlt, die Damen rangeln um jeden Freier.

In Beetzendorf wird Swetlana in einen Berufsunfall verwickelt. Bei einem Arbeitseinsatz platzt das Kondom. Swetlana berichtet Igor, daß sie schwanger sei und deshalb zurück nach Lettland müsse. Für den Zuhälter scheint das Mißgeschick zum Geschäftsalltag zu gehören. Für solche Fälle, sagt er, gebe es einen Arzt in Perleberg.

Die Abtreibung ist eine Sache weniger Minuten und kostet 800 Mark in bar. Auf der Rückfahrt sagt Igor, daß Swetlana am nächsten Abend wieder ihre Arbeit aufnehmen müsse. Er dulde keine Ruhepause, schließlich sei sie in den roten Zahlen. Wenn sie nicht pariere, werde sie »in den Türkenpuff abgeschoben«. Das zieht: Bis zu 20 Freier müssen die Prostituierten dort pro Schicht ertragen, Swetlana kommt auf höchstens 6.

Eine soziale Absicherung kennt das liegende Gewerbe nicht. Ausländerinnen sind besonders übel dran. Obgleich häufig Opfer von Menschenhandel, gelten sie rechtlich als Straftäter, weil sie sich in der Regel illegal in Deutschland aufhalten. Rund die Hälfte der Frauen, die als Illegale festgenommen werden, müssen zurück in ihre Heimat.

Für Ermittler im Rotlicht war es jahrelang nahezu ausgeschlossen, aussagebereite Zeuginnen zu finden, um an die Hintermänner heranzukommen. Die Zuhälter machten ihre Klientel zusätzlich mit der Drohung gefügig, die Familien daheim über ihren Job aufzuklären.

Inzwischen bietet die Polizei Ostprostituierten Hilfe an, wenn sie aussagen. In Niedersachsen sind Ausländerbehörden angewiesen, Frauen eine Aufenthaltsduldung zu geben, damit sie vor Gericht als Zeugin auftreten können. Nordrhein-Westfalen stellt jährlich knapp eine halbe Million Mark bereit, um Prostituierte in spezielle Zeugenschutzprogramme aufzunehmen.

Gleichzeitig haben die Fahnder den Druck verstärkt: In Hamburg finden derzeit regelmäßig Razzien statt. Im Kreis Gifhorn ließ die Sonderkommission »Landhaus« einen Hurenring mit 100 Personen hochgehen. Die Drahtzieher wurden vor zwei Wochen in Hildesheim zu achteinhalb und zu fünfeinhalb Jahren verurteilt.

Doch noch immer sind die Ermittlungen schwierig, weil die Zuhälter ihren Opfern suggerieren, sie arbeiteten mit der Polizei zusammen. »Der kameradschaftliche Ton zwischen einigen Bordellbesitzern und Polizeibeamten, aber auch private Bordellbesuche von Polizisten nähren das Mißtrauen der Opfer in die Polizei«, weiß Kripomann Kruse.

Auch Swetlana sammelt im Dezember 1996 einschlägige Erfahrungen. Sie arbeitet zu der Zeit in Beetzendorf nahe der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Eines Tages kommt ein noch junger Mann mit Geheimratsecken ins Lokal, der sich als Maik vorstellt.

Maik wird Stammkunde. Das Verhältnis ist bald so ungezwungen, daß Swetlana mehrere Fotos von ihrem Beischläfer macht. Auf einem Foto schließt er gerade seine Hose, auf einem anderen notiert er sogar seine Telefonnummer. Swetlana erzählt ihm bei der Gelegenheit auch, daß sie sich illegal in Deutschland aufhält, weil ihr Visum wieder einmal abgelaufen ist.

Einmal kommt Maik in die Bar und fragt, ob sie nicht bei ihm zu Hause übernachten könne. Sie willigt ein, denn für gewöhnlich sind das einträgliche Termine: Eine Nacht außer Haus bringt 1000 Mark. In Maiks Wohnung macht Swetlana eine Entdeckung, die sie alarmiert: Auf dem Tisch liegen eine Pistole und eine Dienstmarke der Polizei. Maik räumt ein, Polizist zu sein. Swetlana wagt fortan nicht mehr, den üblichen Tarif für ihre Dienstleistung einzufordern. Als sich jedoch wegen der Gratistermine bei Maik immer mehr Miese auf dem Zuhälterkonto anhäufen, traut sie sich irgendwann, dem Klienten in Uniform ihren Preis zu nennen. Maik antwortet lapidar, ob sie vergessen habe, daß er Polizist und sie eine illegale Prostituierte sei.

Etwa zur gleichen Zeit lernt Swetlana einen Freier kennen, der sich als selbstloser Kunde herausstellt. Ernst, ein ehemaliger Bundeswehrsoldat mit Einzelkämpfer-Ausbildung, kommt bald häufig vorbei - und es entwickelt sich trotz der ungewöhnlichen Umstände so etwas wie Freundschaft.

Doch eine intensivere Beziehung ist schwierig, weil Swetlana ständig auf Achse ist. Mal gastiert sie in Repke, mal in einem Appartement in Gladdenstedt, mal wird sie in einem Haus in der Innenstadt von Perleberg stationiert, dann wieder in Beetzendorf.

Die Provinzprostitution verteile sich »metastasenartig auf viele Standorte auf dem flachen Land«, sagt Kriminaloberrat Kruse. Im Bezirk Lüneburg, einem Landstrich in Norddeutschland, der bisher nur durch seine Herden von Heidschnucken einige Bekanntheit erlangt hat, registrierten die Ermittler rund 2800 Prostituierte in etwa 160 Objekten - der weitaus größte Teil der Huren waren Ausländerinnen.

Der »mit äußerster Brutalität geführte Verdrängungswettbewerb« (Kruse) in den Großstädten hat viele Kiezgrößen zur Stadtflucht bewogen. Zwar fehlt es hier an Massenkaufkraft, doch »wer genügend Pferdchen am Laufen hat«, so der Gifhorner Hauptkommissar Jürgen Schmidt, »für den lohnt sich das Geschäft auf dem Lande«.

Die Polizei ist vielerorts auf diese neue Entwicklung nicht vorbereitet. »Viele Wald- und Wiesenbeamte«, klagt Theda Kröger von der Beratungsstelle für Opfer von Frauenhandel, »Kobra«, wüßten noch gar nichts von den Schutzprogrammen für aussagewillige Ausländerinnen. Die ständige Fluktuation in den Bars, Appartements und Nachtclubs gewährleistet zudem nicht nur, wie es die Loddel Igor und Dima ihrer Swetlana erklärten, daß »ständig Frischfleisch in den Läden« angeboten wird. Das »länderübergreifende Rotationsprinzip«, so ein Kripobeamter aus dem sachsen-anhaltinischen Stendal, erschwert auch die Arbeit der Fahnder extrem.

Häufen sich Razzien, verkaufen die Zuhälter ihre Frauen einfach an Kollegen. Dabei geht es dann zu wie auf einem Pferdemarkt: Junge hübsche Mädchen erbringen Ablösesummen um die 20 000 Mark, weniger attraktive Damen lassen sich noch für 8000 Mark verhökern.

Im Februar 1997 mag Ernst »diesen Teufelskreis, in dem Swetlana steckt«, nicht mehr mit ansehen. Er verhandelt mit den Zuhältern über den Freikauf der Lettin.

Ernst zahlt schließlich die angehäuften Schulden; am 12. Februar geht der Deal über die Bühne. Sobald Ersatz für sie eingetroffen ist, darf Swetlana tatsächlich zurück in ihre Heimat. Ihr Befreier gibt seinen Job bei VW auf und kümmert sich in Riga um seine Freundin und deren Tochter.

Anschließend kehrt er nach Deutschland zurück. Er will Swetlanas Peiniger vor Gericht bringen. Ernst G. berichtet der Polizei alles, was er über den Prostituiertenring weiß. Schriftlich macht auch Swetlana ihre Aussage, sie gibt Handynummern der Zuhälter preis und enttarnt Maik, ihren Freier in Uniform.

Inzwischen ermitteln die Beamten in Stendal, im Dezember wurde der Freizeittreff in Repke hochgenommen.

Doch einige der verhafteten Prostituierten aus Lettland, glaubt die Kripo, werden schon bald wieder in Deutschland anschaffen. Nicht alle haben soviel Glück wie Swetlana: Sie ist inzwischen mit Ernst G. verheiratet. CAROLIN EMCKE, UDO LUDWIG

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