Natascha-Entführer "Er war ein Einzelgänger"

Acht Jahre lang hat der 44-jährige Österreicher Wolfgang P. ein Mädchen in ein Verlies in seinem Haus eingesperrt. Menschen, die zu ihm Kontakt hatten, beschreiben ihn als unauffällig, die Ermittler als penibel.


Hamburg - Der ledige Mann wohnte in Strasshof bei Wien am Rande einer Kleingartensiedlung, in einem gelben Einfamilienhaus, das sein Vater gebaut hatte. Wie man auf Bildern sehen kann, sind die Hecken dort ordentlich geschnitten, der Rasen ist gepflegt. Das Haus vermittelt laut Beamten des Bundeskriminalamtes den Eindruck, dass er ein sehr penibler Mensch gewesen sei. Es sei alles überaus ordentlich.

Wolfgang P.: Finsteres Doppelleben
DPA

Wolfgang P.: Finsteres Doppelleben

"Er war ein Einzelgänger, wir haben überhaupt nichts mitgekriegt", zitiert der österreichische "Kurier" einen Nachbarn. Sogar zu seinem Onkel, der nur ein Haus weiter wohnte, habe er kaum Kontakt gehabt. Nur gelegentlich habe er Besuch von seiner Mutter bekommen. Vor einiger Zeit sei er mit einer jungen Frau im Auto gesehen worden, berichtete eine Nachbarin. "Da haben wir geglaubt, er hat eine Freundin - dabei muss das die Kampusch gewesen sein", sagte eine Nachbarin im Österreichischen Rundfunk (ORF).

Den Ermittlern zufolge hatte er nur zwei Freunde, berichtet die Nachrichtenagentur APA. Beide Männer reagierten demnach höchst überrascht, als sie vom Doppelleben des Wolfgang P. erfuhren. Einen Freund rief er nach Auskunft der Polizei gestern von einem Einkaufszentrum aus an, während er vor den Beamten auf der Flucht war. Ihm habe er gesagt, dass er vor der Polizei flüchte, weil er mit Alkohol am Steuer erwischt worden sei, sagte Erich Zwettler vom österreichischen Bundeskriminalamt.

Unklar ist, welchem Beruf der Nachrichtentechniker nachgegangen ist. Dem ORF zufolge hat er früher bei einer Alarmanlagenfirma gearbeitet, die ihm möglicherweise gehörte. APA berichtet, dass er mit einem der beiden Freunde eine Immobilienfirma betrieb.

Die Beweggründe von P., das zehnjährige Mädchen am 2. März 1998 in seinen Kastenwagen zu zerren, liegen laut Erich Zwettler vom österreichischen Bundeskriminalamt im Dunkeln. Der deutsche Kriminalpsychologe Rudolf Egg vermutet, dass Einsamkeit ihn zur Tat trieben. "Sein Hauptmotiv dürfte wohl gewesen sein, jemanden zu haben, der bei ihm bleibt und der ihn nicht verlässt."

Gestern Mittag konnte sich sein Opfer aus seiner Gewalt befreien. Der Entführer soll unvorsichtig geworden sein. Am Abend setzte der Kidnapper seinem Leben ein Ende: Er warf sich vor einen Vorortzug.

str/dpa



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