Nataschas Schicksal Lebendig begraben in Nachbars Haus

Natascha Kampusch ist frei - nach acht Jahren, die sie in einem Verlies ihres Peinigers dahinvegetieren musste. Die Nachbarn in der kleinen österreichischen Ortschaft Strasshof sagen, sie hätten jahrelang nicht bemerkt, dass ein Mädchen ganz in ihrer Nähe Höllenqualen durchleiden musste.
Von Ralf Leonhard

Wien - Unauffällig ist das Wohnhaus des 44-jährigen Nachrichtentechnikers Wolfgang P. Das Gebäude mit der beigen Fassade in der Heinestraße 60 in Strasshof versteckt sich hinter einer ordentlich getrimmten Gartenhecke, es unterscheidet sich kaum von den anderen Häusern der Siedlung. Es sind keine Reihenhäuser, doch die schlichte Bauart und die kleinen Vorgärten sorgen für eine gewisse Uniformität. Jetzt kann man es nur aus der Entfernung sehen, denn der ganze Häuserblock ist abgesperrt.

Hier hat P. die heute 18-jährige Natascha Kampusch acht Jahre lang hinter einer 50 mal 50 Zentimeter großen Panzertür gefangen gehalten, in einem fensterlosen Gefängnis. Das Verlies hatte er in einer drei mal vier Meter großen Montagegrube unter der Garage eingerichtet, es gab eine Toilette, ein Klappbett, ein Regal für Bücher und Videokassetten. Die Bilder der Gefängnistür gehen jetzt um die Welt.

Von all der Aufregung merkt man vor Ort wenig. Die Schar von Neugierigen, die sich nach der Sensationsnachricht an der rot-weißen Absperrung sammelte, hat sich verlaufen. Kaum jemand ist zu sehen. Eine ältere Frau mit grauer Dauerwelle, die mit dem Fahrrad unterwegs ist, ärgert sich, dass sie den kürzesten Weg zum nahe gelegenen Friedhof nicht nehmen kann.

Strasshof ist eine lang gezogene Ortschaft wenige Kilometer östlich vom Nordrand Wiens, mitten im Marchfeld, Anbaugebiet von Spargeln und Schauplatz historischer Schlachten. 20 Kilometer weiter östlich liegt schon die slowakische Grenze. Die Gemeinde entstand als Eisenbahnersiedlung links und rechts der Bundesstraße, und noch heute sind viele der Einwohner bei der Bahn in Wien beschäftigt, ähnlich wie in der Rennbahnsiedlung in Wien Floridsdorf, wo Natascha bis zu ihrer Entführung lebte.

8000 Menschen wohnen in Strasshof, im Sommer an die 10.000, wenn sich die kleinen Schrebergartenhäuschen füllen. Im Ort ist man wegen der großen Entfernungen mit Auto oder Fahrrad unterwegs. Es gibt zwei Bahnhöfe, zwei Kirchen, einige Supermärkte, ein paar Kneipen. In der tristen zersiedelten Ortschaft gibt es wenig soziales Leben. Kein Wunder, dass der Nachbar, der den Anwohnern als freundlich und "immer korrekt gekleidet" in Erinnerung ist, niemandem auffiel. Höflich aber immer sehr reserviert sei er gewesen, erzählt eine Frau, die um die Ecke wohnt. Nur ein Nachbar grollte dem Eigenbrötler: "Ich habe ihn sogar angezeigt, weil er immer mit dem Gewehr auf die Vogerl schießt."

Die Polizeistation wurde geschlossen

Der Gendarmerieposten, so die Französischlehrerin Brigitte Schmid, sei vor wenigen Jahren eingespart worden. Sehr zum Ärger der Strasshofer und wohl auch zum Nachteil der Ermittlungen im Fall Kampusch. Denn die Gendarmen waren Leute aus dem Ort, die auch den lokalen Tratsch aufschnappten und dem Entführer vielleicht früher auf die Spur hätten kommen können. P., der sich Mittwochnacht auf der Flucht vor der Polizei vor einen fahrenden Zug der Nordbahn warf, war wenige Wochen nach dem Verschwinden von Natascha bereits verhört worden.

Er besaß einen von rund 700 weißen Kastenwagen, auf die sich die Ermittlungen konzentrierten. Eine Schulkameradin der am 2. März 1998 Verschleppten hatte ausgesagt, das Mädchen sei in eine Art Kleinbus gezerrt worden. Nikolaus Koch, der Leiter der Sonderermittlung der Kriminalpolizei, erklärte, der Mann habe damals ein handfestes Alibi gehabt und plausibel erklären können, dass er ein solches Fahrzeug zum Transport von Bauschutt benötige.

Gestern konnte Natascha in einem unbewachten Moment ihrem Entführer entkommen. Sie lief schreiend über die Straße und gab sich einer im Garten sitzenden Frau als Natascha Kampusch zu erkennen. Inzwischen hat die Polizei sie behutsam vernommen. Die österreichische Polizeiinspektorin Sabine Freudenberger erzählte in einem Interview mit der Zeitung "B.Z." über ihre erste Begegnung mit der jungen Frau: "Natascha hat die ganze Zeit stark gezittert. Ich gab ihr meine Jacke. Sie nahm meine Hand, ließ sie den ganzen Nachmittag nicht los. Sie war so froh, dass alles vorbei war und dass sie mit jemandem sprechen konnte." Ihren Peiniger habe sie nur Verbrecher genannt.

Natascha wurde anhand einer Narbe identifiziert und auch von ihren Angehörigen wiedererkannt. Ihr Vater, Ludwig Koch, sagte der Online-Ausgabe der Wiener Tageszeitung "Kurier" zufolge, seine Tochter sei sehr mitgenommen. "Natascha hat eine ganz, ganz weiße Haut und Flecken am ganzen Körper - ich darf gar nicht drüber nachdenken, woher die kommen", fügte er hinzu. Die Mutter, so erzählte eine Halbschwester des Opfers dem Fernsehsender ORF, habe bei der Nachricht von Nataschas Auftauschen einen Nervenzusammenbruch erlitten. Sie habe "nie abgeschlossen damit". Eines Tages, so war sie überzeugt, würde ihre Tochter zurückkehren.

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