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Unterhaltung Natürliche Inspiration

Neuer Nervenkitzel für Amerikas TV-Zuschauer: Bei Freistil-Prügeleien fließt echtes Blut.
aus DER SPIEGEL 2/1995

Der Ansager ist ein geschniegelter Schönling mit makellosen Jacketkronen, und er brüllt in Richtung Kamera: »Dies ist die brutalste, provokativste, martialischste Veranstaltung in der Geschichte des Sports.«

Hinter dem Mann ist ein Käfig aus Maschendraht aufgebaut. Drum herum johlen, brüllen und trampeln 7000 Menschen und freuen sich auf die Schlacht, die gleich beginnen soll.

Die Zuschauer im riesigen Expo Square Pavilion von Tulsa in Oklahoma warten auf die »Ultimate Fighting Championship« (UFC) - den härtesten Wettbewerb in Sachen Körperverletzung. Ein Kampf, bei dem außer Augenstechen und Schußwaffengebrauch so ziemlich alles erlaubt ist.

Im ersten Kampf prügelt sich Melton Bowen, ein Boxer aus Miami, mit dem Polizisten Steve Jennum, der »Ninjitsu« bevorzugt, eine Mischung verschiedener asiatischer Kampfsportarten - das Aufeinandertreffen der Stile macht für die UFC-Fans den großen Reiz aus.

Gekämpft wird bis zum Ende. Und das ist erst gekommen, wenn ein Kämpfer aufgibt oder sein Betreuer das Handtuch wirft; oder wenn der Schiedsrichter, der ansonsten kaum eine Funktion hat, das blutige Spektakel abbricht.

Für den Veranstalter, die Promotionagentur »WOW«, deren Chef Arthur Davie die UFC vor knapp zwei Jahren in den USA startete, ist die brutale Schlägerei ein gutes Geschäft. Er bedient erfolgreich eine Klientel, der Catchen zu kindisch, Boxen zu langweilig und Karate zu unblutig ist.

Die Halle in Tulsa ist ausverkauft, die zweistündige Klopperei läuft landesweit als Pay-per-view-Übertragung zum Dinner. An diesem Abend schalten etwa 200 000 Haushalte mit circa 1,4 Millionen Zuschauern ein - und bezahlen dafür je 19,95 Dollar.

Seit er vor 25 Jahren irgendwo in Asien einen Kampf zwischen einem Sumo-Ringer und einem Thai-Boxer gesehen habe, »träume ich von diesem Sport, dieser natürlichen Inspiration«, sagt Davie. Trotz heftiger Proteste erhielt er eine Konzession. »Wer das nicht sehen möchte«, so Davie, »kann ja Blumen kaufen gehen.«

Demnächst will er mit kleineren Shows auf USA-Tournee gehen und viermal im Jahr »große Abende« organisieren, am liebsten im Madison Square Garden in New York. Die Fernsehanstalten laufen ihm angeblich schon jetzt nach, auch aus Südamerika und Europa seien lukrative Angebote eingetroffen.

Um Personal braucht sich Davie nicht zu sorgen. Für die Show in Tulsa bewarben sich über 350 Männer: professionelle Kampfsportler ebenso wie Hobbyschläger - nach ausgiebigen Tests wurden 8 Gladiatoren ausgewählt.

»Ich fürchte den Tod nicht«, sagt Joe Son, ein massiger Kalifornier, »ich bin schon tot.« Zwar ist bisher noch niemand ums Leben gekommen, doch für die 64 000 Dollar Siegprämie kalkuliert mancher UFC-Kandidat schon ein paar Knochenbrüche ein.

»Hey Mann, mein Körper ist eh kaputt«, sagt Kevin Rosier, der so aussieht, als trainiere er seinen Kung-Fu-Sport als Geldeintreiber, »ich habe mir zweimal den Schädel gebrochen und bin ein paarmal angeschossen worden.« Seine Taktik beschreibt Boxer Bowen so: »Schlag ihn einfach.«

Solch rabiate Schlichtheit findet vor allem Anklang beim traditionsgemäß gelangweilten amerikanischen Mittelstandspublikum. Die UFC-Abende werden als gesellschaftliche Ereignisse in festlicher Garderobe gefeiert, daran ändern ein paar Schlägereien auf den Zuschauerrängen nichts.

Ebenso wie bei den Kämpfen im Maschendrahtring sind auch auf den Tribünen kaum nennenswerte Verletzungen zu beklagen, »nur ein paar Prellungen und kurzzeitige Bewußtseinstrübungen«, wie der Ringarzt bilanziert.

Als Gewinn des Abends bleibt den Zuschauern immerhin eine nützliche Erkenntnis. Als der 28jährige Hoyce Gracie ("Die brasilianische Anakonda") gegen alle Boxer- und Karate-Konkurrenten gewinnt, steht fest: Bei Prügeleien haben Nahkämpfer die besseren Chancen. Y

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