Nazi-Gräuel Aufzeichnungen eines jüdischen Mädchens entdeckt

Im Archiv der niederländischen Stadt Tilburg sind Notizen einer jungen Jüdin aufgetaucht, die dem weltberühmten Tagebuch der Anne Frank ähneln. In einem Schulheft beschreibt Helga Deen die Schrecken eines Arbeitslagers für Juden. Das Mädchen, das nur 18 Jahre alt wurde, starb im Konzentrationslager Sobibor.


Holocaust-Opfer Helga Deen: Nach 21 Tagebuchseiten holten sie die Nazis
Regionaal Archief Tilburg

Holocaust-Opfer Helga Deen: Nach 21 Tagebuchseiten holten sie die Nazis

Den Haag - Nur 21 Seiten konnte Helga Deen beschreiben - dann holten die Nazi-Schergen sie aus dem Lager Vught im besetzten Holland und verfrachteten sie mit ihrer Familie in das Nazi-Todeslager im damals besetzten polnischen Sobibor. Auf den wenigen Seiten des Heftes hält Deen jedoch in eindringlichen Schilderungen den Terror ihres Lagerlebens im Juni 1943 fest.

Anfang des Jahres waren die Experten des Tilburger Regionalarchivs in den Besitz der Aufzeichnungen gelangt. Angehörige eines Mannes, der damals mit dem Opfer befreundet gewesen war, hatten ihnen das Dokument übergeben. Gerrit Kobes vom Tilburger Archiv bezeichnet die historische Hinterlassenschaft als einzigartig. Am Samstag kommender Woche soll Helga Deens Schicksalsbericht der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Aufzeichnungen eines jungen Mädchens kurz vor seinem Tod: "Diesmal sind wir dabei"
Regionaal Archief Tilburg

Aufzeichnungen eines jungen Mädchens kurz vor seinem Tod: "Diesmal sind wir dabei"

Die junge Frau, die den Adressaten ihrer Notizen mit "Liebster" anspricht, vertraut dem Freund ihre Gedanken und Erlebnisse an. Zusammen mit Briefen, einem Federhalter und einer Haarlocke konnten die Aufzeichnungen in einer Damenhandtasche aus dem Lager geschmuggelt werden, berichtet die Zeitung "de Volkskrant" in ihrer heutigen Ausgabe.

Helga Deen schildert unter anderem die Schrecken einer Entlausungsaktion oder ihre Erschütterung über den Abtransport von Kindern. In dem Text zeigt sie deutlich ihren Überlebenswillen: "Wenn mein Wille stirbt, sterbe ich auch", trägt sie in ihr Tagebuch ein. Einen Monat verbringt sie im Lager Vught. Sie hofft, durch die Anforderung zu einer Arbeit bei der Glühlampenfabrik Philips vom Abtransport verschont zu werden. Doch dann kommt ihr letzter Eintrag: "Packen, heute morgen ein sterbendes Kind erlebt, was mich völlig durcheinander gebracht hat. Aber alles ist nichts, verglichen mit dem Letzten. Wieder geht ein Transport ab und diesmal sind wir dabei."

Anne Franks Tagebuch ähnelt den Notizen Deens
AP

Anne Franks Tagebuch ähnelt den Notizen Deens

Die Eintragungen erinnern stark an die Tagebücher des jüdischen Mädchens Anne Frank. Deren Familie flüchtete 1933 vor dem Terror der Nationalsozialisten in die Niederlande. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen versteckten sich Anne Frank und ihre Familie in einem Amsterdamer Hinterhaus. Dort schrieb das Mädchen ihr weltberühmtes Tagebuch. Ein Jahr nach Helga Deens Tod wurden die Franks verraten und ebenfalls in ein Lager abtransportiert. Anne Frank starb in Bergen-Belsen. Ihr Vater überlebte und veröffentlichte nach dem Krieg ihr Tagebuch.

Berichtigung: Die ursprüngliche SPIEGEL ONLINE-Meldung enthielt im ersten Absatz die unglückliche Formulierung "...dann holten die Nazi-Schergen sie aus dem holländischen Lager Vught und verfrachteten sie mit ihrer Familie in das polnische Todeslager Sobibor". Daraus wurde nicht eindeutig klar, dass es sich um deutsche Vernichtungslager in den von Nazis besetzten Ländern Holland und Polen handelte. Wir bedauern diese sprachliche Ungenauigkeit.



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