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05. November 2000, 14:09 Uhr

Neue Gutachten

Explosion führte zum Untergang der "Estonia"

Zwei neue Gutachten belegen, dass es vor dem Untergang der Ostsee-Fähre "Estonia" tatsächlich eine Explosion an Bord gegeben hat.

Ostsee-Fähre "Estonia" (Archivbild): Explosion als Unglücksursache
DPA

Ostsee-Fähre "Estonia" (Archivbild): Explosion als Unglücksursache

Berlin/Potsdam - Auf der 1994 in der Ostsee gesunkenen Fähre "Estonia" hat es vor der Katastrophe möglicherweise doch eine Explosion gegeben. Das wiesen zwei Gutachten renommierter deutscher Institute nach, sagte die Potsdamer Fernsehjournalistin Jutta Rabe. Die Gutachten waren von Rabe und dem US-Unternehmer Gregg Bemis in Auftrag gegeben worden. Der offiziellen Untersuchung zufolge führte eine Fehlkonstruktion an der Aufhängung des Bugvisiers zu dem Unglück im September 1994. Dabei waren 852 Menschen ums Leben gekommen.

Rabe und Bemis hatten im August eine Tauchexpedition zu dem Wrack der Fähre vor der finnischen Südküste in Auftrag gegeben. Dabei ließen sie von Tauchern zwei Metallteile von jeweils etwa 15 Zentimetern Länge aus dem so genannten Frontschott am Bug herausschneiden. Sie wollten beweisen, dass das Schiff mit fast 1000 Menschen an Bord durch eine Bombenexplosion sank.

Die Stücke wurden den Angaben zufolge von der Materialprüfungsanstalt Brandenburg und dem auf Metalle spezialisierten Institut für Materialprüfung und Werkstofftechnik im niedersächsischen Clausthal-Zellerfeld analysiert. Danach habe sich auf der Fähre zweifelsfrei eine Explosion ereignet. Die festgestellte Veränderung an der Struktur der Metallteile könne nur dadurch verursacht worden sein.

Rabe sagte, der britische Explosionsexperte Brian Braidwood aus Sussex habe die Gutachten ausgewertet und bestätigt. Sie wolle dies aber noch nicht kommentieren, sondern die Ergebnisse zweier weiterer Gutachten aus Deutschland und den USA abwarten. In wenigen Wochen wollen Bemis und Rabe dann die Ergebnisse aller vier Gutachten der Öffentlichkeit vorlegen.

Experten der Forschungsanstalt FOA der schwedischen Streitkräfte äußerten sich unterdessen skeptisch. Der zuständige Sprecher Bon Janzon sagte: "Diese zivilen Forschungsinstitute wissen vielleicht einiges über Metall, aber vermutlich nicht genug über Explosionen."

Die schwedischen Behörden hatten im Oktober Haftbefehl gegen Rabe und Bemis erlassen. Die beiden hatten auch Unterwasser-Videoaufnahmen anfertigen lassen, die sie für eine TV-Dokumentation verwerten wollen.

Nach einer Entscheidung der Stockholmer Staatsanwaltschaft könnten Rabe und Bemis festgenommen werden, wenn sie nach Schweden, Finnland oder Estland einreisen. Die Regierungen der Länder hatten den Tauchgang als kommerziell motivierte Störung des Grabfriedens für die Opfer kritisiert. Sie konnten aber nicht einschreiten, weil das Wrack der "Estonia" in internationalen Gewässern liegt.

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