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Rechtschreibung Neue Regeln: Jetzt oder nie

Die Reform der Rechtschreibung steht auf der Kippe, diese Woche entscheiden die 16 Länderchefs. In den Medien und in der Bevölkerung wächst die Stimmung gegen das umstrittene Reformwerk. Worum es wirklich geht, wissen noch immer nur wenige Bundesbürger. Der folgende Beitrag zeigt, wie sich die Reform auf Texte auswirken würde: Er ist nach den neuen Regeln geschrieben - abgesehen von den kursiv gesetzten Beispielen.
aus DER SPIEGEL 43/1995

Es steht 50 zu 50, ob es zu einer Rechtschreibreform kommt.« Größere Chancen gibt Sachsens Kultusminister Matthias Rößler dem Projekt nicht, das sieben Jahre lang vorbereitet wurde und seit einigen Wochen das meistdiskutierte Bildungs- und Schulthema ist.

Entschieden wird diese Woche in Lübeck von den Ministerpräsidenten der 16 Bundesländer, wie es der thüringische Regierungschef Bernhard Vogel beantragt hat.

Nur selten war den Länderchefs ein Thema aus dem Bereich ihrer Kultusminister so wichtig, dass sie sich selbst damit befasst haben - wie mit der Öffnung der Hochschulen für möglichst viele Abiturienten.

Die Rechtschreibung steht zum ersten Mal auf der Tagesordnung der Regierungschefs, und vermutlich werden sie auch Details erörtern, die bis vor kurzem sogar ihren Kultusministern fremd waren.

In den vielen Artikeln, die in letzter Zeit über die Reform geschrieben wurden, standen immer wieder umstrittene Wörter wie Rytmus und Teke, Tron und Katastrofe. Noch immer wissen die meisten Deutschen nicht, dass es vor allem um ganz andere Neuerungen geht. Die wichtigsten: Es soll *___mehr getrennt als zusammen, mehr groß als klein ____geschrieben werden, *___mehr Freiheit geben, Kommas zu setzen oder darauf ____zu verzichten, *___ß häufig durch ss ersetzt werden (nach kurzem ____Vokal), *___die Konjunktion daß künftig dass geschrieben ____werden, *___s-t wie s-p getrennt und eine uralte ____Pennäler-Parole annulliert werden ("Trenne nie st, denn ____es tut ihm weh"), *___erlaubt werden, Silben so zu trennen wie sie ____gesprochen werden, also Chirurg neben (wie bisher) ____Chir-urg, Inte-resse neben Inter-esse, Pä-dagoge neben ____Päd-agoge, *___in einigen Fremdwörtern t durch z ersetzt werden, ____substantiell wird substanziell, potentiell wird ____potenziell, existentiell wird existenziell.

Erst wenn die Ministerpräsidenten die Reform gebilligt haben, kann die Konferenz der Kultusminister (KMK) wieder tätig werden.

Die Reform wäre gescheitert, wenn nur ein einziger Regierungschef sie ablehnte. Er würde seinen Kultusminister zum gleichen Votum verpflichten und die stets einstimmig entscheidende KMK könnte keinen Beschluss fassen.

Bis Ende vergangener Woche hatten sich die meisten Regierungschefs so wenig festgelegt wie Niedersachsens Gerhard Schröder, der das Thema intern _(* Am 28. September in den ) _(Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale. )

mit seinen Ministern erörtert hat. Das Kabinett sollte eine Vorlage des Kultusministers und Reformanhängers Rolf Wernstedt »zustimmend zur Kenntnis« nehmen, Schröder ließ »zustimmend« streichen: »Die Argumente für die Reform kann ich im Kopf nachvollziehen, aber nicht im Bauch.«

Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen hat in einer Presseerklärung weder Ja noch Nein zur Reform gesagt, sondern nur versichert, er stehe ihr »grundsätzlich mit Offenheit gegenüber«.

Aus Thüringens Hauptstadt Erfurt kamen konträre Signale. Vogels Versicherung, er wolle die Reform nicht verhindern, wirkte wie ein Lippenbekenntnis angesichts seiner gewichtigen Einwände: Die »erheblichen finanziellen Auswirkungen« müsse man noch mal überdenken, die Bevölkerung sei »ziemlich unvorbereitet«, die Sache dürfe nicht »im Eiltempo durchgeboxt« werden.

Sein Kultusminister Dieter Althaus hingegen ist zur Reform entschlossen: »Ich hoffe, dass sie kommt, und ich bin dafür, dass sie noch in diesem Jahr beschlossen wird.« Er glaubt sich in dieser Hinsicht mit seinem Chef Vogel »völlig einig«.

Monatelang haben die Kultusminister die Rechtschreibreform verschlafen, seit sie im November 1994 auf einer Konferenz in Wien beschlossen wurde - schon endgültig von Österreich, der Schweiz und acht Ländern mit deutschsprachigen Minderheiten, hingegen von der deutschen Delegation mit dem Vorbehalt, dass die KMK sie noch billigen müsse.

Aufgeschreckt wurden die Minister erst, als ihr bayerischer Kollege Hans Zehetmair drei Wochen vor der zunächst für den 28. September angekündigten KMK-Entscheidung einen Aufschub erzwang, in einem SPIEGEL-Gespräch (37/1995) letzte Änderungswünsche begründete und »einen gewaltigen medialen Donnerhall« auslöste (so Zehetmair selber).

Nun wollen die Minister die Reform noch in diesem Jahr beschließen, obwohl die Zeit knapp geworden ist. Wie immer in Notfällen beauftragten sie eine Arbeitsgruppe mit Rettungsarbeiten. Diesmal leitet sie der Düsseldorfer Staatssekretär Friedrich Besch. Über einen Vorschlag dieser Gruppe, was an dem 270 Seiten starken Reformwerk noch geändert werden soll, will die KMK auf ihrer nächsten Sitzung am 30. November in Mainz befinden. Und im Dezember oder Januar soll dann in Wien ein Abkommen mit Österreich und der Schweiz unterzeichnet werden.

Ob es so weit kommt, hängt nicht nur davon ab, wie sich zuvor die 16 Regierungschefs entscheiden.

Die Vorsitzenden von fünf westdeutschen CDU-Landtagsfraktionen haben gefordert, dass alle Landesparlamente der Reform zustimmen müssten. Der Jenaer Juraprofessor Rolf Gröschner meint sogar, die Kultusminister dürften die Reform gar nicht per Erlass in Kraft setzen, vielmehr müsse jeder Landtag ein Gesetz beschließen; das lasse sich notfalls per Gerichtsentscheid erreichen.

Dazu Besch: »Wären 16 Gesetze notwendig, so wäre dies der Tod der Reform.« Alle Kultusminister sind sich einig, »dass eine gesetzliche Ermächtigung nicht erforderlich ist, weil diese Neuregelung nur behutsam in den Schreibgebrauch eingreift« - so Rosemarie Raab, Hamburger Schulsenatorin und derzeit KMK-Präsidentin.

Eine andere Gefahr schien in Bonn heraufzuziehen, als Bundeskanzler Helmut Kohl das Thema aufgriff und bei seinem Innenminister Manfred Kanther eine Kabinettsvorlage bestellte. Der Innenminister ist für die Amtssprache in den Bundesbehörden und deshalb auch für die Rechtschreibung zuständig. Kanther erklärte die Reform für notwendig: »Angesichts des langjährigen Vorlaufs ist ein ,Ausstieg'' der Bundesrepublik Deutschland nicht zu empfehlen.« Der Kanzler war''s zufrieden, einstweilen jedenfalls.

Ungewiss ist, ob Österreich und die Schweiz deutsche Sonderwünsche hinnehmen werden. Die Nachbarn haben signalisiert, dass bei substanziellen Änderungen im nächsten Jahr neu verhandelt werden müsse. Die Reform würde dann auf die lange Bank geschoben. Insider sind überzeugt, dass sie entweder jetzt, also in diesem Jahr, oder nie zustande kommt.

Gefährdet wird das Projekt vor allem durch einen starken bundesdeutschen Trend: In den Medien und in der Bevölkerung breitet sich eine Stimmung gegen die Reform aus. Und Politikern fällt eine Entscheidung umso schwerer, je unpopulärer sie ist.

»Viele Kultusminister haben die Sprengkraft dieses Themas unterschätzt«, rügte Niedersachse Wernstedt seine Kollegen. Und Hessens Kultusminister Hartmut Holzapfel beobachtete in den letzten Wochen, »dass sich die Ansichten zusehends polarisieren. Die einen meinen, dass man all dies der Sprache nicht antun darf, den anderen geht die Reform nicht weit genug«.

Noch vor ein paar Monaten stand der Kölner Stadt-Anzeiger mit seiner strikten Ablehnung ("Demontage der deutschen Schriftsprache") ziemlich allein, neuerdings wird auch in anderen Blättern dafür plädiert, dass alles beim Alten bleibt.

Die Frankfurter Allgemeine ist umgeschwenkt. Nach der Konferenz in Wien ließ sie ihren dorthin entsandten Redakteur öffentlich erklären, seine Redaktion werde die Reform unterstützen. Auf Seite eins feierte die Zeitung den Wiener Beschluss als »Sieg der Eindeutigkeit, Verständlichkeit und Differenziertheit«.

Vorigen Monat aber ließ sie das Reformwerk von dem französischen Germanisten Jean-Marie Zemb auf einer Sonderseite zerpflücken ("Diese Rechtschreibreform ist zu einem großen Teil Unfug"). Wenig später befand die Redaktion sogar: »Zwingend ist an dieser Reform nichts.«

Die meisten Deutschen konnten sich bislang kein eigenes Urteil bilden. Sie wurden nicht nur schlecht, sondern sogar falsch informiert.

Den Anfang machte Wolf Schneider, der ein halbes Dutzend Sprach-Bücher geschrieben hat und sich in der Rolle eines Deutschlehrers der Nation gefällt. Nach dem Wiener Kongress im November 1994 erläuterte er in der Woche die Reform an einigen Beispielen, die Hälfte war falsch.

Seit Schneider irrtümlich behauptete, statt Philosophie werde künftig Filosofie verlangt, macht dieses Schreckenswort die Runde.

In einer Broschüre des Dudenverlags, von der eine halbe Million Exemplare verschenkt, verkauft oder dem Duden beigeheftet wurden, wimmelt es auf den wichtigsten Seiten von sachlichen, irreführenden Fehlern.

Und niemand bot so viel Desinformation wie die Frankfurter Rundschau in zwei Sätzen: _____« So lesen wir künftig Hegels filosofische » _____« Fänomenologie als kaotisches Labyrint. Es ist eine » _____« fantasievolle Metafysik, ein triumfales Alfabet des » _____« Geistes, das alle Sympatie verdient. »

Außer Alfabet wird nichts davon vorgeschlagen und fantasievoll erlaubt schon der Duden.

Über die Kosten des Vorhabens werden astronomische Zahlen verbreitet. Die Reform erfordere »einen nur noch mit den Kosten der Wiedervereinigung vergleichbaren finanziellen Kraftakt«, fantasierte der Bundesverband für Steuer-, Finanz- und Sozialpolitik. Der Verband der Schulbuchverlage nannte bei einem KMK-Hearing 5 bis 10 Milliarden Mark als mutmaßliche Mehrkosten für Schulbücher und ging später auf 300 Millionen Mark herunter. Mit der Wirklichkeit haben diese Zahlen nichts zu tun.

Schulbücher kosten jährlich knapp 800 Millionen Mark und werden zu zwei Dritteln aus öffentlichen Kassen, zu einem Drittel von den Eltern bezahlt. Hessens Kultusminister Holzapfel glaubt, die Reform lasse sich, was die Schulen betrifft, »fast ohne Mehrkosten verwirklichen«.

Sein sächsischer Kollege Rößler hingegen »schließt nicht aus, dass wegen zu hoher Kosten auf die Reform verzichtet werden muss«. Rößler weiter: »Weil es nur um ein Reförmchen geht, kann man sich schon fragen, ob Aufwand und Nutzen im richtigen Verhältnis stehen.«

Präzise vermag niemand die Kosten der Umstellung im Voraus zu beziffern, aber sie dürften relativ niedrig sein.

Schulbücher haben im Allgemeinen eine Lebensdauer von drei bis fünf Jahren und bei diesem Rhythmus soll es in etwa bleiben. Deshalb ist für die Schulen eine Übergangszeit von vier Schuljahren vorgesehen. Käme man nicht zurecht, müsste man nach Meinung des thüringischen Kultusministers Althaus »die Übergangszeit strecken, von vier auf maximal zehn Jahre«. Sein Resümee: »Die Kosten sind zu bewältigen.«

Anders als die Schüler würden sich die älteren Deutschen nicht allmählich, sondern schnell umstellen müssen, wenn sie nicht die ganze Reform ignorieren wollen. Ein neuer Duden würde schon kurz nach einem KMK-Beschluss erscheinen, Redaktionen und Buchverlage würden wahrscheinlich alsbald ihre Texte nach den neuen Regeln schreiben und drucken.

Weil immer wieder primitiv wirkende Wörter wie Astma und Apoteke in den Zeitungen stehen, glauben viele, es werde nach der Reform eine verkehrte Welt geben - die Schlauen wären dann die Dummen. Typischer Leserbrief eines Deutschlehrers in der Süddeutschen Zeitung: »Weil viele etwas falsch machen, wird das Falsche zur Vorschrift erhoben.«

Aber eingedeutschte Fremdwörter ständen nur selten in Zeitungen und Büchern. Zumeist würden sie nur zusätzlich erlaubt, um sie »anzubieten« - so die Idee der Reformer - und zu sehen, ob die alten Schreibweisen populärer bleiben oder sich die neuen allmählich durchsetzen. Es ist zwar, wie Germanist Zemb rügt, »ein Schildbürgerstreich, wenn man neue Varianten einführt und zugleich empfiehlt, davon keinen Gebrauch zu machen«. Aber nur Lehrer und Schüler müssten ihre Zeit damit verplempern. Die meisten Erwachsenen würden das gar nicht wahrnehmen.

»Die Veränderungen im Schriftbild würden meist kaum bemerkt werden«, meint der Göttinger Verleger Arndt Ruprecht, seit vielen Jahren Rechtschreibexperte des »Börsenvereins des Deutschen Buchhandels«, »Bücher im jetzt geläufigen Schriftbild würden deshalb allgemein nicht veraltet wirken.«

Schon gedruckte Sachbücher und Romane könnten noch jahrelang verkauft werden. Auch die Vorräte an Schullektüre, von Schillers »Tell« bis Kafkas »Verwandlung«, würden nicht zu Makulatur. Ein Massendruck neuer Formulare wäre Geldverschwendung. KMK-Meinung: »Vorliegende Bestände können aufgebraucht werden.«

Wie notwendig die Reform ist, lässt sich an herkömmlichen Texten kaum erkennen, die wie dieser Beitrag nach den neuen Regeln geschrieben sind. Das wird erst deutlich, wenn man anhand von Beispielsätzen die komplizierten, _(* Bei der Schlussredaktion des neuen ) _(Regelwerks im Mannheimer Institut für ) _(deutsche Sprache. Sitzend: Peter ) _(Gallmann (Zürich), Burkhard Schaeder ) _((Siegen); stehend: Gerhard Augst ) _((Siegen), Klaus Heller (Mannheim). )

oft sogar unsinnigen Duden-Regeln mit den neuen vergleicht (siehe Kästen Seiten 102 und 103).

Vor allem Lehrer und Schüler hätten den Nutzen, wenn es nur noch halb so viele und bessere Regeln gäbe. Niedersachsens Kultusminister Wernstedt bedauert deshalb, »dass viele Erwachsene nur an sich und ihr eigenes Umlernen denken und nicht an die Kinder, denen die Reform Erleichterung und nicht Niveauverfall bringen würde«.

Viele Lehrer machen die gleichen Erfahrungen wie die Lehrerin an einer rheinischen Hauptschule, die für den SPIEGEL einer fünften Klasse einen relativ einfachen Text diktierte. 17 von 20 Mädchen und Jungen schrieben entscheitent oder endscheident, 14 schüttelten jemanden die Hand, ebenso viele wussten nicht, was bei körperlicher und seelischer Verfassung groß und was klein geschrieben wird. Es gab auch absulut, ehnlich und geferlich, Mänge statt Menge, henkt statt hängt. Der Durchschnitt: 11 Rechtschreib- und 6 Kommafehler, Note 4,9.

In Abitur-Arbeiten, die dieses Jahr an einem Düsseldorfer Gymnasium geschrieben wurden, stehen im Schnitt auf jeder Seite ein bis zwei Fehler, bei Teilnehmern eines Deutsch-Leistungskurses zum Beispiel Beeinflußung und Höhrer, vormuliert und gespührt.

Diese Misere an den Schulen ist den meisten Kultus-Chefs und den durchweg als Professoren tätigen Reformern fremd. Sonst hätten sie spätestens in der Schlussphase aus dem Reformvorschlag einige nicht praktikable Neuerungen entfernt.

Stattdessen haben sich die Kultusminister diskret darauf geeinigt, an den 112 neuen Regeln gar nichts und an den neuen Schreibweisen von Wörtern möglichst wenig zu ändern.

Und Bayerns Zehetmair, der schärfste Kritiker unter den Ministern, hat sich daran gehalten und seine Einwände auf drei Punkte reduziert:

Bei Fremdwörtern dürfe es keine Schreibweisen wie Alfabet und Apoteke, Rytmus und Reuma, Katastrofe und Diskotek geben.

Fehde dürfe nicht durch Fede, Frevel nicht durch Frefel, Thron nicht durch Tron ersetzt werden.

Und den kleingeschriebenen heiligen Vater, über den sich Zehetmair in seinem SPIEGEL-Gespräch entsetzte und der mittlerweile ein Knüller für Kabarettisten geworden ist, erklärt er zu einem Irrtum der Reformer: Dieser Papst-Titel gehöre in eine Gruppe nicht mit dem schwarzen Peter, sondern mit der Königlichen Hoheit.

Mehrere andere Neuerungen will Zehetmair hinnehmen, obwohl er sie für »absurd«, »falsch« oder »weltfremd« erklärt hat.

Die Arbeitsgruppe des Düsseldorfer Staatssekretärs Besch machte sich vorige Woche alle Einwände Zehetmairs zu Eigen. Mithin werden (wenn die KMK so beschließt wie Besch es ihr vorschlägt) nur Fremdwörter eingedeutscht, bei denen sich eine entsprechende Entwicklung schon angebahnt hat. So wird es Paragraf neben Paragraph, Diktafon neben Diktaphon, Geografie neben Geographie geben. Aber durchweg wird die neue Schreibweise nur zusätzlich erlaubt, in Zeitungen und Büchern werden diese Wörter geschrieben wie bisher.

Besch bestand auf einigen Änderungen, auf die Zehetmair verzichtet hatte. Die wichtigste: Es kommt nicht zu Packet, es bleibt bei Paket. Triftige Gründe sprechen gegen diese Neuerung (siehe Kasten Seite 108).

Auch anderen Unsinn entfernte die KMK-Arbeitsgruppe aus dem Reformwerk. Willkürlich hatte angemutet, wie die Reformer Konsonanten verdoppeln wollten. Karosse sollte zu Karrosse werden, aber Karussell sollte Karussell bleiben. Und eher platt- als hochdeutsch wirkten Pott statt Pot, Jackpott statt Jackpot.

All dies wurde gestrichen, und auch Zigarrette statt Zigarette wird es nicht geben. Aber dem Besch-Team fehlte der Mut auch noch zu verhindern, dass aus dem Tip ein Tipp wird - schwer zu begreifen, denn der Hit bleibt Hit und fit bleibt fit.

Kein Zweifel, nach der Besch-Revision ist das Reformwerk akzeptabler geworden. Die Regierungschefs werden Anfang dieser Woche informiert, bevor sie zu ihrer Tagung nach Lübeck aufbrechen - um die Chancen zu erhöhen, dass sie die Reform nicht kippen, sondern sich mit einer landesväterlichen Ermahnung an die Kultusminister begnügen, das Projekt behutsam zu verwirklichen.

Die meisten Neuerungen sind vernünftig und notwendig, einige weiterhin unsinnig oder überflüssig. Werden sie nicht auch noch entfernt, wird den Deutschen im Allgemeinen und den Schülern und Lehrern im Besonderen der Umgang mit den neuen Regeln und Wörtern unnötig erschwert.

Überfrachtet ist das Reformwerk mit einigen hundert Doppelschreibungen, die es nicht nur in der Übergangszeit, sondern auf Dauer geben soll; nur wenige sind sinnvoll. Vergebens haben Schulpraktiker bei einem KMK-Hearing 1993 gewarnt, zu viele Doppelschreibungen würden »bei Schülern zu Verunsicherungen führen und den Anschein der Beliebigkeit von Regeln erwecken«.

Keinen Sinn haben zum Beispiel die Doppel so dass und sodass, aufwendig und aufwändig, selbständig und selbstständig.

Bei ihrem intensiven Bemühen, »die gleiche Schreibung aller Wörter einer Wortfamilie sicherzustellen«, fehlte es den Autoren des Regelwerks offenkundig an Sprachgefühl.

Aus behende soll behände werden, weil das Wort mit Hand verwandt ist. Aber daran denkt niemand, der behende als Synonym für flink gebraucht. Künftig wäre das nicht mehr so frei möglich wie bisher, keiner dürfte noch Sätze wie diesen schreiben: »Sie eilte behänden Fußes davon.«

Wenn gräulich statt greulich eingeführt würde, wüsste man nicht, ob mit einem gräulichen Kleid dessen Farbe oder der Geschmack der Dame gemeint ist.

Und die Neuerer kümmerten sich sogar um Wortfamilien, die es gar nicht gibt. Aus verbleuen soll verbläuen, aus belemmert soll belämmert, aus Quentchen soll Quäntchen werden, weil das erste Wort mit blau, das zweite mit Lamm, das dritte mit Quantum verwandt sei. Nichts davon stimmt.

Angeblich hat sich im Laufe der Jahrhunderte der Irrtum verbreitet, die Wörter hätten diesen Stamm. »Volksetymologie« nennen die Sprachforscher diesen Irrglauben, aber das Volk weiß davon nichts.

Allzu eifrig waren die Reformer bemüht, Fremdwörter zu integrieren. Sie schreckten nicht mal davor zurück, Holocaust einzudeutschen: zu Holokaust.

Am schwersten trifft es zusammengesetzte Wörter aus dem Englischen.

Was getrennt war, wird zusammengeführt: Bislang gab es wie im Englischen Centre Court, Blue Jeans, Big Band und Compact Disc, künftig soll es im Deutschen stattdessen Centrecourt, Bluejeans, Bigband und Compactdisc geben.

Hat ein Wort einen Bindestrich, so wird er entfernt: Bislang gab es Art-director und Chewing-gum, künftig soll es Artdirector und Chewinggum geben.

Hat ein Wort keinen Bindestrich, so bekommt es nun einen: Bislang gab es Playback und Countdown, künftig soll es Play-back und Count-down geben.

Da hilft es nicht, dass meist die alten Schreibweisen nebenher erlaubt bleiben sollen. Entscheidend ist, was in den Zeitungen und Büchern steht. Und da würde alles anders, nichts besser.

All dies, vom behänden Fuß bis zum Eindeutschen gängiger Anglizismen, ließe sich aus dem Reformentwurf entfernen, ohne dass eine einzige Regel geändert werden müsste.

Und was geschieht, wenn die Reform doch scheitert? Die Antwort der KMK-Präsidentin Rosemarie Raab:

»Dann würde es ganz sicher in den nächsten Jahren keinen neuen Reformvorschlag geben. Es würde auf sehr lange Zeit bei der äußerst unbefriedigenden heutigen Regelung bleiben, dass die Dudenredaktion darüber entscheidet, wie sich die Rechtschreibung verändert.« Y

»Weil viele Fehler machen, wird das Falsche zur Vorschrift erhoben«

Vieles ist vernünftig, manches unsinnig oder überflüssig

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Groß- und Kleinschreibung

Zeichensetzung

Buchstaben

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* Am 28. September in den Franckeschen Stiftungen in Halle/Saale.* Bei der Schlussredaktion des neuen Regelwerks im MannheimerInstitut für deutsche Sprache. Sitzend: Peter Gallmann (Zürich),Burkhard Schaeder (Siegen); stehend: Gerhard Augst (Siegen), KlausHeller (Mannheim).

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