Neuer Fleischskandal Behörden suchen Gammelfleisch in drei Bundesländern

In Gelsenkirchen haben Lebensmittelkontrolleure gammeliges Roastbeef und Putenfleisch gefunden: tiefgekühlt und falsch etikettiert. Mindestens 50 Tonnen sollen in den Handel gelangt sein, aber die Behörden wiegeln ab: Das Fleisch stinke, sei aber nicht gesundheitsschädlich.


Gelsenkirchen/Düsseldorf - In Hamburg, Niedersachsen und Brandenburg suchen Ermittler der Behörden nach dem verdorbenen Fleisch aus Gelsenkirchen. Wie der Sprecher des nordrhein-westfälischen Verbraucherschutzministeriums, Markus Fliege, erklärte, werden sämtliche Lieferungen nachvollzogen, die seit Jahresbeginn das Gelsenkirchener Kühlhaus verlassen haben.

Insgesamt handele es sich um mindestens 50 Tonnen Fleisch, die seit Anfang des Jahres in die drei Bundesländer ausgeliefert wurden. Wo das Fleisch genau angekommen sei, werde noch überprüft. Lieferungen seien nach Hamburg und in den Spreewald gegangen. Ein Teil des Fleisches sei sicher schon verzehrt, sagte Fliege.

Hauptverdächtiger im neuen Fleischskandal ist nach einem Bericht des Bielefelder "Westfalen-Blattes" ein Großhändler aus Gelsenkirchen, der Geschäftskontakte nach Osteuropa unterhalten habe. Er habe seine Geschäfte von einem Hotel in Gelsenkirchen aus abgewickelt. Die Adresse des Hotels stimme mit derjenigen der Fleisch-Import- und -Export-Firma überein.

Den Großteil seiner Ware verkaufte die Firma für Fleischimport- und export nach bisherigen Erkenntnissen aber an zwei Gelsenkirchener Fleischverarbeitungsbetriebe, die Bratwürstchen und Geflügel-Nuggets herstellen, sagte der Sprecher der Stadt Gelsenkirchen, Martin Schulmann. Noch vorhandene Bestände dieser Firmen, wie auch daraus hergestellte Fleischerzeugnisse wurden sichergestellt, die noch im Handel befindliche Ware mittels einer Rückrufaktion zurückgezogen. Laut "Westfalen-Blatt" soll ein Teil des beschlagnahmten Fleisches für den Export nach Rumänien bestimmt gewesen sein.

Fleisch stinkt, soll aber ungefährlich sein

Die Behörden betonten allerdings, der Verzehr des Fleisches sei nicht gesundheitsschädlich. In dem Kühlhaus der Firma in Gelsenkirchen waren Lebensmittelkontrolleure bei einer Routineuntersuchung auf 60 Tonnen tiefgekühltes Roastbeef und Putenfleisch gestoßen, dessen Haltbarkeitsdatum schon lange abgelaufen war. Die Ware sei mit falschen Daten ausgezeichnet worden. Das Fleisch "schmeckt und riecht zwar unappetitlich", sagte Schulmann. "Aber nach bisherigen Erkenntnissen geht von ihm keine gesundheitliche Gefahr aus".

Die Staatsanwaltschaft hat bereits Ermittlungen aufgenommen. Schon Ende Oktober hatten Fleischkontrolleure bei einer Routineuntersuchung rund drei Tonnen Roastbeef in der Gelsenkirchener Firma entdeckt, dessen Haltbarkeitsdatum abgelaufen war, und das kurzerhand mit einem um ein Jahr verlängerten neuen Haltbarkeitsdatum versehen worden war. Bei ihren weiteren Ermittlungen stießen die Kontrolleure in dem Lagerhaus noch auf weitere 57 Tonnen Fleisch und Fleischzubreitungen, zumeist Putenhackfleisch - ebenfalls mit deutlichen Hinweisen auf eine Überlagerung.

Der verbraucherschutzpolitische Sprecher der Grünen im nordrhein- westfälischen Landtag, Johannes Remmel, forderte die Behörden auf, die Namen der Firmen und der Zulieferer zu nennen. "Das Wichtigste ist, dass die Verbraucher informiert werden", sagte er. Zudem hätte der Fall früher die Öffentlichkeit erreichen müssen, kritisierte er.

Erst vor wenigen Tagen ist in Niedersachsen ein Fleischbetrieb geschlossen worden. Das Unternehmen in Lindern bei Cloppenburg steht unter dem Verdacht, verdorbenes Geflügelfleisch in den Handel gebracht zu haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betruges und Verstoßes gegen das Lebensmittelrecht.



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