Neuer Balenciaga-Modechef Der smarte Mr. Wang

Das wird kein einfacher Job: Seit Montag ist Alexander Wang neuer Chefdesigner des französischen Kultmodehauses Balenciaga. Die Modewelt hält den Atem an - in Erwartung eines Geniestreichs oder eines kapitalen Fehltritts.

AP

Von Wlada Kolosowa, New York


Eigentlich konnte die Modewelt in diesem Jahr kaum noch etwas erschüttern, zu viel war schon geschehen: Raf Simons wurde neuer Chefdesigner bei Dior, Hedi Slimane wechselte zu Yves Saint Laurent, Jil Sander übernahm wieder die kreative Leitung des nach ihr benannten Labels.

Doch keine Nachricht hat den Bienenstock der Modemedien so sehr zum Summen gebracht wie der Rücktritt von Nicolas Ghesquière, der 15 Jahre lang Chefdesigner bei Balenciaga war. In dieser Woche tritt Alexander Wang den Posten Ghesquières an, ein größeres Erbe hat die Modewelt kaum zu bieten.

Es ist das Erbe eines Mannes, der 1918 im Alter von 23 Jahren im spanischen San Sebastián die erste Boutique eröffnete und sich aufschwang, mit seiner Mode die weibliche Silhouette zu revolutionieren: Cristóbal Balenciaga. Er verstand sich als Architekt, seine modernen, mutigen Entwürfe wirken fast bildhauerisch. Klassiker von Balenciaga haben für Modekritiker die Bedeutung von Kronjuwelen.

"Er hat Balenciaga neu erfunden"

Als sich der Designer 1968 zur Ruhe setzte, wurde es ruhig um sein Modehaus. Es dauerte fast 20 Jahre, bis man wieder den Namen Balenciaga hörte, zuerst ganz leise, und als Ghesquière 1997 Chefdesigner wurde, immer lauter.

Der französische Designer holte das angestaubte Modehaus zurück auf die Weltbühne. Er hatte ein Gespür dafür, was das Wesen von Balenciaga ausmacht, ohne es in ein Museum zu verwandeln. Als der Luxusgüterkonzern PPR 2001 Balenciaga kaufte, jubelten ihm bereits Kunden wie Kritiker gleichermaßen zu.

Ghesquière gelang es, die Tradition des Hauses mit seiner futuristischen Vision zu vereinen. Auch er war ein Architekt: Er scheute keine extremen Schnitte und experimentierte mit ungewöhnlichen Materialien wie Formschaumstoff und Neopren. Seine Entwürfe würden Superheldinnen aus der Zukunft gut stehen: luxuriös und etwas Sci-Fi, inspiriert von Star Wars und Jules Verne, und dennoch tragbar. "Er hat das Haus nicht nur wiederbelebt, er hat es neu erfunden," schreibt Robin Givhan, die Moderedakteurin der "Washington Post", über Ghesquière.

Der Applaus hielt an bis Anfang November: Das Modehaus verkündete Ghesquières Rücktritt. Viele waren überrascht, dass er Balenciaga auf dem Zenit des Erfolgs verließ.

Auf Ghesquière folgt nun ein weiterer Kritikerliebling: Alexander Wang. Als Modearchitekten würde man den 28-Jährigen aber wohl kaum bezeichnen, eher als einen, der Street Style versteht. Wang liebt man für seine lässigen, androgynen Silhouetten mit Leder- und Sportswear-Elementen. Untenrum eng, oben übergroß, das war lange Wangs Markenlook.

Der Sohn taiwanesischer Einwanderer zog 2002 von Los Angeles nach New York, um an der renommierten Designschule Parsons zu studieren, beschloss aber bald, lieber seine eigene Firma zu gründen. Wang begab sich nicht in die Welt der Haute Couture, sondern wandte sich dem preisgünstigeren, jüngeren Markt zu - und wurde schnell Liebling der Modeblogger. Seine Entwürfe machen sich auf den Seiten der Modemagazine gut, aber auch im Kleiderschrank derer, die sich nicht um It-Pieces scheren, sondern ihr Outfit selbst zusammenpuzzeln. Die "Financial Times" nannte ihn einen "Hipster-Designer".

Auch Ghesquière hatte kommerziellen Erfolg. Dennoch gilt er im Vergleich zu Wang als kompromissloser in der Umsetzung seiner Vision. Laut Cathy Horyn, der Modekritikerin der "New York Times", war Ghesquière möglicherweise unzufrieden damit, dass einige von Balenciagas Linien eine zu kommerzielle Richtung einschlugen.

Verkäufer der Sehnsüchte

Wang ist ein Kreativkopf, vor allen Dingen ist er aber ein Verkäufer. Er versteht es, die Sehnsucht nach einem Produkt zu schaffen. Wang scharrt die Models der Stunde um sich und begeistert Modefans und Musiker wie Santigold und Die Antwoord für seine Arbeit.

Wang ist selbst sein bestes Aushängeschild: androgyn, mediensmart, fotogen. Einer, der Preise abräumt, aber genauso gut feiern kann - seine Karaokepartys sind legendär, genauso wie die Siegestänzchen, die er schon mal am Ende seiner Modenschau auf dem Catwalk einlegt. Wang gilt als ein aufgedrehtes Energiebündel, zugleich aber als lässiger Mann; einer, der experimentiert, ohne die Marktfähigkeit seiner Entwürfe aus dem Blick zu verlieren.

Wang spricht eine breitere Zielgruppe an als Ghesquière. Mit seiner Ernennung könnte Balenciaga urbaner und jünger werden. Wang bleibt weiterhin Chefdesigner seines eigenen Labels, beginnt aber ab sofort, an einer Kollektion für Balenciaga zu arbeiten.

Schon finden Modekritiker, dass Wangs Experimente mit unterschiedlichen Texturen und seine Betonung der grafischen Muster an Balenciagas Werk gegen Ende seiner Kariere erinnern. Sie geben ihm einen Vertrauensvorschuss. Aber sie schauen genau hin, ob ein weiteres Siegestänzchen die erste Kollektion krönt. Oder eine Bauchlandung.



© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.