Neuer Tauchgang zur Estonia Geldgier oder Wahrheitssuche?

Ein deutsch-amerikanisches Tauchunternehmen untersucht sechs Jahre nach dem Untergang der Ostseefähre "Estonia" das auf dem Meeresboden liegende Wrack. Das Team will nach neuen Hinweisen auf die Unglücksursache suchen. Das Projekt spaltet Schweden.


Stockholm - Der Auftakt zu dem Tauchunternehmen zum Wrack der "Estonia" am Dienstag hat alte Wunden bei Hinterbliebenen der 852 Toten, bei Überlebenden und der Öffentlichkeit wieder aufgerissen. Während Regierungskreise in Stockholm dem US-Tauchunternehmer Gregg Bemis und der deutschen TV-Journalistin Jutta Rabe mehr oder minder unverhohlen Geldgier und Sensationsmache als Motive unterstellten, stellte sich ein Teil der Hinterbliebenen hinter das private Tauchunternehmen. Nach sechs Jahren, so die Hoffnung mancher, könnte es vielleicht neue Aufklärung über die Ursachen des schlimmsten Schiffsunglücks der europäischen Nachkriegsgeschichte geben. Die Leichen von wahrscheinlich 757 Opfern des Unglücks vom 28. September 1994 sind weiter im Wrack eingeschlossen, das per Gesetz von Schweden, Estland und Finnland zum Grabplatz erklärt worden ist.

Das Bugvisier der Estonia war 1994 geborgen worden
REUTERS

Das Bugvisier der Estonia war 1994 geborgen worden

Viele Schweden sind besorgt wegen eines ähnlichen Tauchunternehmens, das Bemis zum Wrack des 1915 versenkten US-Passagierschiffes "Lusitania", bei dessen Untergang 1198 Menschen starben, unternommen hatte. Der 72-jährige Multimillionär hatte plötzlich Eigentumsrechte an dem Schiff geltend gemacht.

Einige nehmen es der TV-Journalistin Rabe übel, dass sie die Unterwasserbilder aus dem Estonia-Wrack kommerziell für einen geplanten Kino-Politthriller zu der Schiffskatastrophe nutzen will. Den ebenfalls vorgesehenen Dokumentarfilm wolle sie an den jeweils meistbietenden TV-Sender in möglichst vielen Ländern verkaufen, meldeten die schwedischen Zeitungen. Da half es der Filmerin wenig, dass sie die Suche nach der wirklichen Untergangsursache als Motiv für den acht- bis zehntägigen Tauchgang mit neun Spezialisten und aufwendiger Ausrüstung, darunter auch Roboterkameras, in den Vordergrund stellte.

Rabe hat in den letzten Jahren zahlreiche Beiträge über das Estonia-Unglück gemacht. Sie ist eine Verfechterin der Theorien über mögliche Bombenanschläge an Bord und Machenschaften der russischen Mafia. Nach offizieller schwedischer Version waren Fehler beim Bau des in der Unglücksnacht abgebrochenen Bugvisiers der entscheidende Faktor.

Die amtlichen Stellen wollten die Wahrheit unterdrücken, deshalb müsse man auf eigene Faust ins Wrack, erklärte Bemis und konnte sich auf die Unterstützung eines Teils der Hinterbliebenen berufen. Tatsächlich haben zahlreiche oft nur schwer vorstellbare Pannen, Widersprüche und Verzögerungen bei der Aufklärung der Hintergründe das Vertrauen der Betroffenen in die Behörden nachhaltig erschüttert. Die stellvertretende Wirtschaftsministerin Mona Sahlin erklärte denn auch betont vorsichtig, man halte das deutsch-amerikanische Tauchunternehmen zwar für sinnlos und eine Störung des Grabfriedens. Wenn die Taucher von Bemis aber tatsächlich Neues ans Licht bringen, will Sahlin die amtlichen Untersuchungen neu aufrollen.



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