Neuschnee und Blizzards Westeuropa versinkt im Chaos

London kämpft gegen Schneemassen, Italiens Autobahnen sind vereist, in Málaga wütete ein Tornado: Der Winter sorgt in Teilen Europas für schweres Chaos. Und die nächste Katastrophe ist im Anmarsch: Der Schnee soll in Regen übergehen, was zu eisglatten Fahrbahnen führen könnte.


London/Rom/Madrid - Es soll der heftigste Wintersturm seit fast zwei Jahrzehnten sein: Weite Teile Großbritanniens sind in eine dicke Schneedecke gehüllt, und London kämpft gegen ein heilloses Verkehrschaos. In der Millionenmetropole fuhren am Montag zeitweise keine Busse mehr, obendrein waren fast alle U-Bahn-Linien lahmgelegt. Am Flughafen Heathrow wurden vorübergehend beide Start- und Landebahnen geschlossen, insgesamt fielen über 650 Flüge aus.

Ein zyprischer Airbus mit 104 Passagieren rutschte in Heathrow von der Rollbahn, doch die Insassen kamen mit dem Schrecken davon. Auf dem kleineren City Airport wurde der Betrieb komplett eingestellt, auf den Flughäfen Gatwick und Stansted kam es zu erheblichen Verspätungen.

Am schwersten betroffen war nach Angaben des Nationalen Wetterdienstes Südostengland. In den Grafschaften Kent, Surrey und Sussex fielen bis zu 25 Zentimeter Schnee. In Hunderten Schulen fiel der Unterricht aus. Autobahnen waren gesperrt.

Bis zum Abend waren noch weitere Schneefälle vorhergesagt, später sollte der Schnee in Regen und Graupel übergehen, was am Dienstagmorgen zu eisglatten Fahrbahnen und einem neuerlichen Verkehrschaos führen könnte.

In London lag der Schnee zehn Zentimeter hoch und verwandelte die Stadt in eine hübsch anzuschauende Winterlandschaft. Kinder fuhren Schlitten auf abschüssigen Straßen und in Parks, auch Erwachsene lieferten sich Schneeballschlachten und bauten Schneemänner.

Im Berufsverkehr und an den Flughäfen in London herrschte jedoch Chaos: Flüge wurden gestrichen oder hatten Verspätung. Am Morgen wurde zudem der Busverkehr in der britischen Hauptstadt komplett eingestellt, zahlreiche U-Bahnen und Nahverkehrszüge fuhren ebenfalls nicht. Tausende Pendler konnten nicht zur Arbeit.

Am Flughafen Heathrow wurden beide Start- und Landebahnen gesperrt. Passagiere sollten ihre Airlines kontaktieren, da mit Verspätungen und gestrichenen Flügen gerechnet werde, teilte der Betreiber BAA mit. Der Londoner City Airport war am Morgen komplett gesperrt. Der Flughafen Gatwick konnte nach einer Sperrung am Sonntagabend zwar wieder öffnen, jedoch wurde auch hier mit massiven Behinderungen gerechnet. Auch in Stansted war eine Landebahn vorübergehend gesperrt.

Die britische Fluglinie British Airways hoffte auf eine Entspannung der Lage in London-Heathrow. Ein Sprecher der Airline äußerte die Hoffnung, wenigstens Langstreckenflüge in die USA, nach Asien oder Afrika am Montagabend wieder aufnehmen zu können. Kurzstreckenflüge wurden jedoch abgesagt, die Fluggesellschaft mietete nach eigenen Angaben 2500 Hotelzimmer für festsitzende Reisende.

In Wales kamen zwei Bergsteiger ums Leben: Die Leichen der beiden Männer seien am Montag am Mount Snowdon gefunden worden, teilte die Polizei mit. Die Familien hatten die Bergsteiger zuvor vermisst gemeldet. Die Männer waren wahrscheinlich in den eisigen Temperaturen erfroren. Auf dem Berg - mit knapp 1100 Metern der höchste in Wales - hatte es am Wochenende heftig geschneit.

Um Paris bildeten sich mehr als 300 Kilometer Stau

Auch im Norden Frankreichs, insbesondere im Großraum von Paris, sorgte der Wintereinbruch am Montag für einen Verkehrskollaps. Wegen der Schneedecke von fünf Zentimetern blieben die Busse auf den eisglatten Straßen der Hauptstadt stecken, Tausende Kinder kamen nicht zur Schule. In Paris und auf den Zubringerautobahnen bildeten sich mehr als 300 Kilometer Stau.

Auf der Stadtautobahn saßen Pendler teilweise drei Stunden fest. Auch der Flugverkehr war beeinträchtigt. Air France stornierte jeden dritten Kurz- und Mittelstreckenflug am Flughafen Roissy-Charles de Gaulle. Wegen des Schneechaos waren in Roissy tagsüber fast hundert Flüge annulliert worden, in Orly gab es Verspätungen von bis zu drei Stunden.

Am Abend hat sich die Lage an den Pariser Flughäfen wieder normalisiert. An den Flughäfen Roissy-Charles de Gaulle und Orly seien weiterhin Teams für die Schneeräumung in Bereitschaft, hieß es in einer Mitteilung der Betreibergesellschaft ADP. In den Abendstunden wurden weitere Niederschläge erwartet.

Auch in Belgien sorgen Schneefälle für Rekordstaus: Im Berufsverkehr kam der Verkehr nach Angaben des Automobilclubs Touring am Montagmorgen zeitweise auf einer Länge von insgesamt 408 Kilometern zum Erliegen. Nach Angaben der Polizei kam es dabei jedoch nicht zu mehr Unfällen als üblich. Vor allem Autos mit Heckantrieb hatten auf glatten Nebenstraßen aber Probleme, Steigungen hinaufzukommen.

Auf den Hauptstrecken waren die Streudienste schon vor den angekündigten Schneefällen im Einsatz. Auch die Bahngesellschaft SNCB hatte sich auf die winterliche Witterung eingestellt. Dennoch fuhren viele Züge am Morgen mit rund zehn Minuten Verspätung. Fahrgäste konnten sich auf einer neuen Internet-Seite über verspätete Züge informieren: Auf der Seite www.railtime.be meldet der Schienennetzbetreiber Infrabel seit einigen Tagen in Echtzeit alle Abweichungen vom Fahrplan.

Viele Verletzte bei Tornado in Málaga

Bei einem Tornado sind in der südspanischen Stadt Málaga 25 Menschen verletzt worden. Der Wirbelsturm mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 180 Stundenkilometern richtete in der Hafenmetropole an der Costa del Sol erhebliche Schäden an. Er deckte die Dächer des Busbahnhofs und eines Parkhauses ab, riss Werbetafeln um und drückte Fensterscheiben ein. Das Wetteramt stufte das Unwetter am Montag als "tornadomäßig" ein.

Der Bahnverkehr auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Málaga und Madrid wurde zeitweise unterbrochen, weil der Einsturz einer Mauer die Oberleitungen beschädigt und einen Kurzschluss ausgelöst hatte. In der westlich von Málaga gelegenen Urlauberhochburg Estepona riss ein kleiner Tornado ein Zirkuszelt um. Dabei wurden nach Angaben der Behörden fünf Menschen verletzt.

In Nord- und Mittelspanien beeinträchtigten auch ansonsten heftige Schnee- und Regenfälle den Straßenverkehr. Die Behörden gaben für weite Teile des Landes Unwetteralarm. Zahlreiche Bergpässe waren gesperrt oder nur mit Schneeketten befahrbar.

Starke Schneefälle und Unwetter in Italien fordern Tote

In Norditalien sorgten ebenfalls starke Schneefälle für erhebliche Behinderungen. Auf den Flughäfen von Mailand und Bergamo mussten insgesamt 20 Flüge gestrichen werden. Vor allem in Ligurien führten Schnee und Unfälle zu Staus. Insgesamt 800 Kilometer des norditalienischen Autobahnnetzes waren nach Angaben der Polizei von Schnee und Eis betroffen. Regenfälle und Sturm behinderten vor allem den Schiffsverkehr. So musste etwa der Hafen von Genua ganz geschlossen bleiben.

"5600 Ortschaften sind in Gefahr, Überschwemmungen, Erdrutsche oder ähnliche hydrogeologische Veränderungen zu erleiden, wenn nicht sofortige Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden", warnte der Chef des Zivilschutzes, Guido Bertolaso, am Montag.

In Süditalien kostete der sintflutartige Regen am Wochenende drei Menschen das Leben. Bei Trapani auf Sizilien starben ein Mann in den Schlammfluten eines über die Ufer getretenen Flusses und ein Jugendlicher bei einem durch den Sturm verursachten Autounfall. In Apulien erfror ein Obdachloser, der in einer Baustelle Schutz vor der Kälte gesucht hatte.

jjc/sac/Reuters/dpa/AP/AFP



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