New Orleans Der Herr der untergegangenen Stadt

Seine Stadt ist abgesoffen, sein Rathaus auch. Im durchgeschwitzten T-Shirt kommandiert New Orleans' Bürgermeister Ray Nagin über eine Hand voll Handys seine Truppen. Mit seiner Wutrede eroberte er die Herzen der Zurückgebliebenen, doch vor ihm liegt eine schier unmenschliche Aufgabe: die Verwaltung einer Katastrophe.

New Orleans - Der provisorische Amtssitz von Ray Nagin erfüllt alle Kriterien einer schlechten Militärbaracke. In der Lobby stinkt es nach Urin und Müll. Schwitzende Soldaten haben in den Konferenzräumen ihre Feldbetten aufgebaut und kochen sich ihre Fertiggerichte. Die Ventilatoren im Dach kämpfen vergeblich gegen die feuchte Hitze und den Gestank. Ab und an gibt es Strom, Wasser läuft bis heute nicht. "Es ist besser als alles, was wir bisher hatten", sagt Ragins Pressesprecher Terry Davis mit einem Lächeln.

Mit seinem Chef ist Davis in den letzten Tagen oft umgezogen. Seit der Hurrikan über die Stadt gefegt ist, baute er zuerst eine provisorische Kommandozentrale im 27. Stock eines Hochhauses auf. Nun sitzen die leitenden Beamten in einem kleinen, überhitzten Raum im vierten Stock des Hyatt Hotels in Downtown. Das Rathaus der Stadt ist bis heute unter Wasser. Wann hier wieder regiert werden kann, will sich niemand wirklich ausmalen. Trotzdem wollte Nagin auf keinen Fall wie viele andere Offizielle und wohlhabende Einwohner nach Baton Rouge fliehen. Der Kapitän verlässt das Schiff nicht, auch wenn es bis oben voll Wasser ist - nicht ohne seine Mannschaft, lautet sein Motto. Sein eigenes Haus ist vom Wasser nicht verschont worden.

Aufstieg zum Medienstar

Der Versuch, den Bürgermeister zu sprechen, gleicht der Suche nach einer warmen Mahlzeit in der verwüsteten Stadt. Gestern Morgen ist die amerikanische Talklegende Oprah Winfrey eingeflogen, um Nagin einen Tag lang zu begleiten. Ein Tross von Kameraleuten und Technikern wuselt um den Zwei-Meter-Mann herum. Der lässt sich von dem Trubel kaum beeindrucken. Stets hat er mindestens ein Mobiltelefon am kahlen, glänzenden Schädel. Die nächsten beiden hält seine Assistentin für die nächsten Koordinierungsgespräche bereit.

Wenn der Tross von Sicherheitsleuten nicht stets um Nagin herumschwärmen würde, fiele er kaum als höchster Beamter der Stadt auf. Fürs Rasieren findet er seit Tagen keine Zeit und so steht ihm ein grauer Bart im Gesicht. Sein T-Shirt ist durchgeschwitzt. Um den Hals schlabbert ein Handtuch, das schon bessere Tage gesehen hat. Langsam schlappt Nagin durch die Lobby des Hyatt, wo er im fünften Stock ein Zimmer für ein paar Stunden Schlaf pro Nacht hat. Immer wieder begrüßt er Helfer und Polizisten. Schüttelt Hände. Bedankt sich für jede Hilfe. Selbst für Erinnerungsfotos hat er noch einen Moment Zeit. Erst als die Assistentin von hinten an seinem T-Shirt zieht, lässt er sich zum nächsten Termin schleppen.

Seine Jungs von der Polizei

Bis in die Nacht hinein stehen an diesem Sonntag Konferenzen auf Nagins Liste. Zuerst fährt er an dem Treffpunkt der Polizisten vor dem Casino an der Canal Street vorbei. Einzeln bedankt er sich bei den Beamten, hört sich ihre Geschichten an, macht ihnen Mut. Wie er sind auch sie seit mehr als einer Woche im Dauereinsatz, sind am Ende der Kräfte. "Niemand auf dieser Erde wird eure Arbeit je bezahlen können", ruft er seinen Jungs zum Abschied zu, "doch die Stadt schaut auf euch." Später muss er über sich selbst schmunzeln. "Ich hätte nie gedacht, dass gerade ich einmal so pathetisch werde", sagt er verschmitzt.

Ob die Welt, die USA oder zumindest New Orleans am Ende zu Ray Nagin aufschaut, wie nach dem 11. September 2001 zu New Yorks Bürgermeister Rudi Giuliani, werden die nächsten Wochen zeigen. Katastrophen sind die Stunde der Handelnden, der Regierung und vor allem ihrer Polizei. Sie können alles richtig machen und trotzdem verdammt werden - oder auch vieles hinpfuschen und trotzdem mit Lob überschüttet werden. Gerade in Amerika ist Krisenmanagement vor allem Zuspruch, Unterstützung, Motivation, es gilt die geschundenen Seelen zu streicheln. Im Moment scheint es, dass Nagin diesen Kampf gewinnt. Die Herzen seiner Einwohner zumindest schlagen für ihn.

Vielleicht hilft ihm dabei seine Vergangenheit. Als er im Mai 2002 als Kandidat der Demokraten gewählt wurde, hatte er mit Politik nichts am Hut. Statt sich bei Parteigrößen beliebt zu machen, leitete der Volkswirtschaftler den örtlichen Fernsehkabelbetreiber Cox Communications, sanierte diesen radikal ohne Rücksicht auf schmerzhafte Einschnitte. Er führte das Digitalfernsehen ein und verdoppelte die Abonnentenzahl auf 180.000.

Zum Amtsantritt machte er seinem Ruf als Fallbeil alle Ehre. Die Polizei nahm in einer spektakulären Aktion fast hundert korrupte Stadtangestellte fest, die für die Vergabe von Taxilizenzen gut kassiert hatten. Daneben setzte Nagin stets auf mehr Hilfe für die Armen in seiner Stadt. Spontan schuf er Sozialprojekte für die runtergekommenen Neighborhoods von New Orleans, die nun von einer braunen Wasserschicht überzogen sind. Nagin war beliebt, bis die Flut kam.

New Orleans liebte das Bush-Bashing

Nun muss er sich erneut bewähren. Die meisten Skeptiker gewann der unauffällige Bürgermeister mit einem Interview am Freitag vergangener Woche. In einer Wutrede geißelte er Präsident George W. Bush und seine Regierung in Washington. Den "Arsch" sollten die endlich hoch bekommen, polterte Nagin. Plötzlich war er weltweit live auf Sendung. "Es reicht nicht, einmal mit der Air Force One über das Gebiet zu fliegen. Sie tun nichts, um unsere Leute zu retten", schimpfte er und sprach damit vielen Einwohnern aus der Seele. Sie fühlen sich bis heute alleingelassen. Die schleppende Ankunft der Nationalgarde - in ihren Augen nicht mehr als eine späte Entschuldigung für das Versagen Bushs.

Die Attacke wirkte. Innerhalb von Stunden verflüchtigten sich die Zweifel an Nagins Fähigkeiten. Zuvor hatte es viele Fragen gegeben: Warum wurde die Stadt nicht eher evakuiert? Warum befahl der Bürgermeister nicht jedem, sofort zu verschwinden? Warum standen 100 Busse für den Abtransport der ärmeren und kranken Einwohner bereit, wurden aber nicht genutzt? Und: Wurden die Dämme wirklich absichtlich an Stellen gesprengt, die eine Überflutung der Armenviertel zur Folge hatten und Downtown und das historische Zentrum der Stadt vor den Wassermassen schützten? All diese Fragen sind bis heute unbeantwortet und spielen doch derzeit kaum eine Rolle. Der Feind, er sitzt nun in Washington und nicht mehr in der City Hall.

Wann werden die Dämme geflickt?

Am Sonntag will der Bürgermeister gleichwohl Fragen nach seinem Bush-Bashing nicht mehr hören. "Ich habe gesagt, was ich gesagt habe und das war es dann auch", blafft er, zum ersten Mal an diesem Nachmittag leicht gereizt. Zu genau weiß er, dass er die Kritik an Washington nicht übertreiben darf. Sein Ziel hat er erreicht. Bush schickte Tausende Soldaten, die vor allem bei den Aufräumarbeiten hilfreich sein können. Der Präsident kam doch noch persönlich nach New Orleans und sagte umfangreiche Hilfe zu. Demonstrativ lässt sich Nagin am Sonntagabend mit Soldaten der Nationalgarde fotografieren, schüttelt auch hier Hände und bedankt sich artig.

Der Bürgermeister hat nun andere Probleme: Die Dämme rund um die Stadt sind noch lange nicht geflickt. Noch immer müssen Menschen gerettet werden. Strom und Wasser funktionieren nicht. Bis heute weiß niemand, wie die Fluten aus den Stadtgebieten weichen sollen. Genauso wenig wie die Stadt wieder aufgebaut werden soll und was die Menschen in der Zwischenzeit anstellen sollen. In den nächsten Wochen werden die Nächte von Ray Nagin kurz bleiben.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.