New Orleans Erster Hilfskonvoi erreicht Kongresszentrum

Vier Tage Chaos, Gewalt, Hunger, Durst. Jetzt hat endlich ein Hilfskonvoi Tausende Menschen am Kongresszentrum in New Orleans erreicht. Die Laster wurden von schwerbewaffneten Truppen begleitet. Auch der Superdome, in dem Tausende unter fürchtlichen Umständen ausharrten, ist geräumt.


New Orleans - Die Menschen harren seit Tagen zu Tausenden am Kongresszentrum in New Orleans aus, wo sie zwischen Leichen, Müll und Fäkalien auf Rettung warten. Nun pflügte sich ein sehnlich erwarteter Hilfskonvoi mit dringend benötigten Lebensmitteln durch das Wasser.

Die amphibischen Armeefahrzeuge erreichten das Zentrum über eine überflutete Straße. Mit im Konvoi waren zahlreiche Nationalgardisten, die die Verteilung der Lebensmittel überwachen und Ordnung in das Chaos bringen sollen. Die Soldaten wurden von einem Vorgesetzten kommandiert, der sie nach Informationen des US-Senders CNN immer wieder anhielt, ihre Waffen nach unten zu halten. "Haltet eure Gewehre tief, wir sind hier nicht im Irak", befahl er.

General Steven Blum von der Nationalgarde kündigte an, 7000 Soldaten sollten in New Orleans für Recht und Ordnung sorgen. US-Präsident George W. Bush erklärte, 600 Militärpolizisten würden zum Kongresszentrum entsandt.

New Orleans versank derweil immer weiter im Chaos. Behörden berichteten von Raubüberfällen, Schlägereien und Vergewaltigungen. Durch die überfluteten Straßen der von Hurrikan "Katrina" heimgesuchten Stadt zogen Banden bewaffneter Plünderer. Die Polizei verschanzte sich in ihren Wachen, während in den Krankenhäusern Patienten aus Mangel an Medikamenten starben. Verwesende Leichen trieben zwischen den Häusern. Die Szenen erinnerten an ein Flüchtlingsdrama aus der Dritten Welt, Anwohner sprachen von Bilder wie aus der Apokalypse.

Über die Zahl der Toten lagen weiter keine genauen Schätzungen vor. Behörden hatten zuvor von Tausenden Toten gesprochen. Bei den meisten der Opfer handelte es sich um arme Schwarze, die den Evakuierungsaufrufen nicht nachkommen konnten.

Tishia Walters, die sich im Kongresszentrum aufhielt, sagte telefonisch gegenüber CNN: "Hier gibt es kein Essen, kein Wasser. Dafür kommt es zu Schießereien, sie erschießen Menschen." Sie berichtete auch von einer Geburt, das Baby habe jedoch nicht überlebt.

Hilfe kommt inzwischen auch über einen der beiden Flughäfen von New Orleans. Versorgungstransporte, von Fluggesellschaften gespendet, trafen auf dem Airport Louis Armstrong ein. Ein Behördensprecher teilte mit, es würden Hilfsmittel eingeflogen und Menschen aus dem Katastrophengebiet auf den Luftwaffenstützpunkt in Lackland/Texas gebracht.

Der Flughafen wurde von Hurrikan "Katrina" nicht total zerstört. Das Flughafengebäude und die Landepiste sind intakt. Lediglich auf Radar und Bodenbeleuchtung müssen die Piloten verzichten. Nach Angaben der Flughafenleitung ist der Airport in der Lage, rund 300 Flüge täglich abzuwickeln.

Die Lage im Superdome von New Orleans hat sich inzwischen entspannt. Nach fünf Tagen entbehrungsreichen Ausharrens wurden die letzten Hurrikan-Flüchtlinge aus dem Stadion evakuiert. Die Flutopfer berichteten von Schusswechseln, Vergewaltigungen und anderen Gewalttätigkeiten in der Halle, die zeitweise 25.000 Menschen beherbergte. Viele der Menschen wussten nach der Räumung nicht, wohin sie gehen sollten. In die überflutete Stadt werden sie monatelang nicht zurückkehren können. Der Abtransport der Menschen gestaltete sich chaotisch. Vor Bussen und Helikoptern bildeten sich lange Schlangen. Es kam immer wieder zu Rangeleien, viele der erschöpften Menschen brachen in Tränen aus.

Die Hilfsmaßnahmen reichen jedoch bei weitem nicht aus. Die Situation verschlechtert sich stündlich. Ray Nagin, der Bürgermeister von New Orleans, sagte, dass rund 10.000 Menschen heute aus der Stadt evakuiert wurden, dass jedoch noch mehr als 50.000 Menschen noch immer auf Dächern und Schutzräumen ausharrten. Sie benötigten ebenfalls dringend Hilfe.

Louisianas Senator David Vitter gab am Abend (MESZ) bekannt, dass er mit mindestens 10.000 Toten in seinem Staat rechne. Dies sei "aber nur eine Schätzung", schränkte er ein. Seine Äußerung basiere nicht auf einer offiziellen Statistik oder Leichenzählung, sagte der Senator. Offizielle Opferzahlen gab es auch vier Tagen nach dem Sturm nicht.



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