New Orleans nach dem Hurrikan "Gustav" kappt Stromversorgung für eine Million Haushalte

Nichts geht mehr in New Orleans: "Gustav" hinterlässt eine gespenstisch leere Stadt. Die Polizei hat Straßensperren errichtet, Einwohner dürfen erst ab Mittwoch zurück. Wer in der Stadt dem Sturm trotzte, ist nun erleichtert - der Hurrikan hat weniger Schäden angerichtet als erwartet.

Aus New Orleans berichtet


New Orleans - Windböen peitschen den Regen über die leeren Highways, die nach New Orleans führen. Nur eine Shell-Raffinerie am Nordrand der Stadt ist beleuchtet. Die Flammen aus den Schornsteinen tauchen die Umrisse der Stadt in ein flackerndes Licht. Ansonsten ist es stockfinster.

Dunkle Tankstellen und McDonalds-Restaurants säumen die Ausfallstraßen in die gespenstisch leere Stadt. Das einzige Licht stammt von den Scheinwerfern und dem Blaulicht der Polizeiwagen, die massenhaft die Straßen patrouillieren. Einige Meilen vor der Stadtgrenze hat die Polizei Straßensperren errichtet. Nur Hilfskräfte dürfen passieren. Ansonsten gilt im Stadtgebiet und in vielen umliegenden Landkreisen nach Einbruch der Dunkelheit absolute Ausgangssperre. Wer nicht pariert, landet im Gefängnis, drohen Polizei und Sheriff im Radio - bloß nicht wieder Plünderungen wie nach "Katrina".

Auch die Einheimischen dürfen noch nicht zurück: Eine Familie im vollbepackten Geländewagen muss an einer Straßensperre wieder umdrehen. Nach Order von Louisianas Gouverneur Bobby Jindal dürfen die ersten Bewohner frühestens am Mittwoch heimkehren.

Als Hurrikan "Gustav" am frühen Montagnachmittag Ortszeit auf die amerikanische Golfküste traf, gab es Hoffnungzeichen, dass New Orleans von einer Katastrophe des Ausmaßes von "Katrina" verschont bleiben könnte. Das Auge des Sturms kam einige Dutzend Meilen westlich der Stadt auf die Küste zu - und "Gustav" verlangsamte sich, als er landeinwärts zog. Vor allem aber brachte er keine so gewaltige Flutwelle mit sich wie "Katrina".

Die Deiche und Schleusen hielten bislang, wenn auch manchmal nur sehr knapp: Die Mauer am Industrial Canal, die auch den dem Mississippi-Delta zugewandten Lower Ninth Ward schützt, wurde von Wellen überspült, kleinere Gebiete des vor drei Jahren von "Katrina" am schlimmsten betroffenen Bezirks waren heute knöchel- bis knietief überflutet. Schlimmer traf der Sturm die westlich von New Orleans liegende Stadt Baton Rouge. Nach Augenzeugenberichten ist auch der Ort Houma besonders stark betroffen.

"Gustavs" Zerstörungskraft war gewaltig, obwohl es so scheint, als ob New Orleans noch glimpflich davongekommen ist. Nach amerikanischen Medienangaben kamen sieben Menschen ums Leben.

Mit Windgeschwindigkeiten von 110 Meilen pro Stunde knickte der Hurrikan in großen Teilen des Staates Louisiana Strommasten um. Fast eine Million Haushalte dort und weitere 50.000 im benachbarten Staat Mississippi sind seit gestern Mittag ohne Strom. In diesen Gegenden sind die Geschäfte geschlossen.

Einige wenige Hotels, in denen etwa Helfer, Hurrikan-Beobachter und Journalisten wohnen, funktionieren im Notbetrieb: In der Lobby gibt es Strom vom Generator, ansonsten ist es stockdunkel. Glücklich ist, wer eine Taschenlampe hat. Das Management verteilt Notrationen Instantsuppe, die in der Mikrowelle zubereitet werden können.

Selbst 150 Meilen landeinwärts in Mississippi waren die Tankstellen, Restaurants und Läden geschlossen. In den noch offenen Supermärkten hamsterten die Kunden: Mineralwasser, Regenponchos und Taschenlampen waren so gut wie ausverkauft. Viele Straßen waren wegen umgeknickter Bäume unpassierbar.

Noch während Gustav mit starken Sturmböen durchzog, zersägten Notfallteams in den betroffenen Gebieten umgestürzte Baumstämme, um wenigstens die größten Straßen freizuhalten.

Bei allem aber war zu spüren, wie sehr sich Politiker und Regierungsorganisation abmühen, die Fehler von "Katrina" nicht zu wiederholen. Fast stündlich gaben Vertreter der bundesweiten Katastrophenhilfsagentur Fema im Radio und Fernsehen Hinweise an die Bevölkerung durch.

120 Fema-Mitarbeiter waren während des Sturms direkt vor Ort, um die Lage einzuschätzen und notfalls sofort eingreifen zu können. Zusätzliche Notfallbetten in Krankenhäusern wurden vorbereitet. Fema hat diesmal ein Familienregister eingerichtet, um Angehörige, die durch die Evakuierungsmaßnahmen auseinandergerissen wurden, wieder zusammenzuführen.

"Das ist eine der großen Veränderungen, die wir nach "Katrina" eingeführt haben", sagt Fema-Vertreter Gene Romano. Und auch Präsident Bush, der am Montag Katastrophenhelfer in Texas besuchte, lobte: "Die Koordination läuft bei diesem Sturm viel besser als bei 'Katrina'". Und diesmal liegt er nicht so falsch wie beim letzten Mal, als er der Katastrophenschutzbehörde trotz deren beschämender Inkompetenz bescheinigte, sie mache einen "prima Job".

Zwei Millionen Menschen haben auf der Flucht vor "Gustav" die Golfregion verlassen. New Orleans unternahm die größte Evakuierungsaktion in seiner Geschichte. Bevor "Gustav" die Küste traf, waren rund 45.000 Menschen in Notunterkünften versorgt - mehr als doppelt so viele wie bei "Katrina". Und während die Radiosender gestern Abend noch ihr Programm unterbrachen, um Tornadowarnungen für erhebliche Teile Mississippis und Louisianas zu senden, fuhren bereits die verschiedensten Hilfskonvois durch die Sturmböen Richtung Küste.

Oft kamen sie nur sehr langsam und mit Warnblinklicht voran: Es regnete so heftig, dass die Sicht nur wenige Meter betrug. Trotzdem rückten Lastwagen mit Generatoren an. Sie sollen wenigstens eine Notstromversorgung für wichtige Geschäfte möglich machen.

Ein weiterer Konvoi bestand aus gut 20 schweren Kranwagen: Damit sollen die Ampeln repariert werden, die der Sturm überall zu Boden riss. Andere Firmen schickten Pumpen oder flache Boote, die sich in überfluteten Gebieten bewegen können. Die meisten Kräfte schickten wohl die Stromfirmen. In langen Kolonnen weißer Vans mit der Aufschrift "Notfallhilfeteam" reisten Techniker der Stromfirma Entergy an. Sie sollen sicherstellen, dass die ersten der - fast immer überirdisch verlegten - Stromleitungen am Mittwoch repariert werden können.

Aber die Techniker richten sich offenbar auf einen längeren Aufenthalt ein: Ihre Busse sind mit Schlafsäcken und Kühlboxen bis obenhin vollgestopft.

Was die Hurrikan-Stärken bedeuten
Hurrikans werden nach der sogenannten Saffir-Simpson-Skala je nach Intensität in Kategorien von 1 bis 5 eingestuft. Wichtige Merkmale zur Einordnung sind Windgeschwindigkeit und Zerstörungskraft.
Windgeschwindigkeiten von 119 bis 153 Kilometer pro Stunde - minimale Schäden an Bäumen und schlecht verankerten Gebäuden.
Windgeschwindigkeiten von 154 bis 177 Kilometer pro Stunde - Bäume werden entwurzelt und Schilder umgerissen, auch können Hausdächer, Fenster und Türen beschädigt werden. Küstenstraßen werden überflutet, kleinere ungeschützte Schiffe aus der Verankerung gerissen. Bewohnern an Küstenstreifen wird empfohlen, sich in Sicherheit zu bringen.
Windgeschwindigkeiten von 178 bis 209 Kilometer pro Stunde - mobile Häuser werden zerstört, ebenso leichtere Bauwerke in Küstennähe. Der Wind drückt Fenster ein und deckt Dächer ab. Große Bäume werden entwurzelt oder knicken einfach um. Die Überflutungen werden stärker. Ein Küstenstreifen von etwa 400 Metern Breite sollte geräumt werden.
Windgeschwindigkeiten von 210 bis 249 Kilometer pro Stunde - extreme Schäden an Gebäuden. Wohnwagen werden zerstört oder weggeweht. Bauwerke an der Küste werden durch Wind und Wellen schwer beschädigt oder zerstört, tiefer liegende Gebiete überflutet. Massive Evakuierungen sind notwendig. Menschen können zu Schaden kommen oder getötet werden.
Windgeschwindigkeiten ab 250 Kilometer pro Stunde - die Zerstörungen sind katastrophal. Es gibt schwere Überschwemmungen, Häuser werden zerstört oder fortgeblasen. Es gibt massenweise abgedeckte Dächer, zertrümmerte Türen und Fenster. In Küstengebieten sind manchmal große Evakuierungsaktionen erforderlich. Wer sich nicht in Sicherheit bringt, kann verletzt oder getötet werden.

New Orleans: Kampf gegen Überschwemmungen
200 Kilometer Deiche
Das Gebiet der US-Südstaatenmetropole New Orleans liegt zwischen dem Mississippi-Delta und dem Lake Pontchartrain. Es wird mit einer Suppenschüssel verglichen: 70 Prozent der Fläche liegen unterhalb des Meeresspiegels. Seit ihrer Gründung im Jahr 1718 muss die Stadt darum gegen Überschwemmungen kämpfen. Heute schützen Deiche mit einer Gesamtlänge von mehr als 200 Kilometern sowie ein System aus Kanälen, Schleusen und Pumpstationen die Metropole. mehr zu New Orleans auf der Themenseite
Trauma "Katrina"
Der letzte Hurrikan, der die Stadt traf, war 2005 "Katrina": Nach Deichbrüchen wurde New Orleans damals fast vollständig überflutet, rund 1800 Menschen kamen ums Leben. Das Krisenmanagement war überfordert. mehr zu "Katrina" auf der Themenseite
1,4 Millionen Menschen im Großraum
New Orleans ist mit rund 470.000 Einwohnern die größte Stadt im US-Bundesstaat Louisiana, im Großraum leben sogar 1,4 Millionen Menschen. Mit ihrem bedeutenden Seehafen ist sie der wichtigste Außenhandelsplatz für die Erzeugnisse der Mississippi-Staaten wie Erdöl, Baumwolle und Zucker. Die Altstadt (French Quarter) mit französischen und spanischen Architektureinflüssen ist Hauptanziehungspunkt für jährlich Hunderttausende Touristen. Der hier Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte New-Orleans-Jazz gilt als erste voll ausgebildete Stilform dieser Musikrichtung.



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