New Orleans nach dem Sturm Einen Wodka auf "Katrina"

Die Angst vor Zerstörung war groß, doch trotz fliegender Trümmer und überfluteter Straßen blieb New Orleans das Schlimmste erspart. Die Menschen feiern ihr Überleben nach Südstaaten-Art: mit einem Drink in ihrer Lieblingsbar.


New Orleans nach dem Hurrikan: "Gott hat uns gerettet"
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New Orleans nach dem Hurrikan: "Gott hat uns gerettet"

New Orleans - "Die Stadt könnte nach 'Katrina' nicht mehr dieselbe sein", warnte Max Mayfield noch am Morgen. Doch die düstere Prognose des Chefmeteorologen vom Nationalen Hurrikanzentrum sollte sich als falsch erweisen: Weil das Auge des zerstörerischen Wirbelsturms östlich der Stadt am Mississippidelta vorbeizieht, halten sich die Schäden in Grenzen. Und kaum lassen die schärfsten Böen nach, kommen die Menschen des berühmt-berüchtigten French Quarter, des alten Vergnügungsviertels, aus ihren Schlupflöchern.

Für Gail Henke gibt es nur einen angemessenen Weg, das Überleben ihres Viertels zu feiern. Durch Regen und Sturm stapft sie in eine Bar an der Bourbon Street und bestellt einen Wodka mit Preiselbeersaft. "Weißt du was", sagt die 53-jährige Reiseveranstalterin. "Es gibt einen Grund, warum wir 'die Heiligen' genannt werden. Egal ob du Katholik, Baptist oder ein Voodoo bist: Wir alle hier beten. Und Gott hat uns gerettet."

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New Orleans: Land unter am Mississippi

Von den anderen Gästen, etwa 20 sind es am späten Abend, kommt zustimmendes Gemurmel. Die Bezirke um das Alte Viertel, wie die Einheimischen das French Quarter nennen, wurden gestern von bis zu fünf Meter hohen Wellen überflutet. Die Altstadt, auf dem höchsten Flecken der Gegend erbaut, zeigte "Katrina" die kalte Schulter. Und doch verursachte der Sturm der Kategorie 4 auch hier Schäden. Dachziegel liegen auf den Straßen, mehrere Schornsteine sind am Boden zerschellt.

In der Burgundy Street brach ein altes Gebäude zusammen, in dem einst Sklaven einquartiert waren. Arnold Steinbrenner saß in seiner Wohnung im zweiten Stock, als die Ziegel des Hauses plötzlich auf sein Dach regneten. Eine Frau konnte sich unverletzt aus dem einstürzenden Gebäude retten. "Sie waren dabei, es zu renovieren", sagt Steinbrenner. "Sie haben sich wahnsinnig beeilt, aber 'Katrina' war schneller."

Im Hof hinter der 278 Jahre alten Kathedrale St. Louis stürzten zwei riesige Eichen um. Sie rissen einen eisernen Zaun mit sich. Die Baumkrone krachte auf eine Jesus-Statue. Doch der Marmorfigur fehlen nur der Daumen und ein Finger. "Jesus war mitten drin", sagt Carrie Hanselman. "Aber er und seine Mutter haben nach uns gesehen. Ich hatte den ganzen Tag eine Kerze brennen."

Nach einer ersten Bestandsaufnahme der Behörden überstand das French Quarter den Sturm besser als alle anderen Viertel. Seit "Katrina" nach Mississippi weitergezogen ist, trauen sich auch wieder Polizeistreifen auf die Straßen. Über Lautsprecher ertönen Anweisungen: "Das French Quarter ist geschlossen. Es herrscht Notstand. Bitte verlassen Sie die Straßen, oder Sie werden festgenommen." Bei den wenigen, die die Stadt nicht verlassen haben, stoßen die Befehle auf taube Ohren. Tamara Stevens und ihr Freund Rick Leiby sind schon in Johnny White's Sports Bar anzutreffen, bevor sich der Sturm legt. Nach einem Horrorabend in ihrer schwankenden Wohnung brauchen sie Gesellschaft. "Dieser Ort wird alles überstehen", sagt Leiby, und nimmt einen Schluck von seinem Wodka-Cocktail im Plastikbecher.

Allen G. Breed, AP



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