New Orleans Superdome und Kongresszentrum sind geräumt

In einer der größten Rettungsaktionen in der Geschichte der USA sind in den vergangenen 24 Stunden rund 25.000 Einwohner aus der überfluteten Südstaatenmetropole New Orleans in Sicherheit gebracht worden. Die Lage in der Stadt ist jedoch weiterhin chaotisch.

New Orleans - Nach der scharfen Kritik am Krisenmanagement von US-Präsident George W. Bush hat die Regierung ihre Hilfen für die Hurrikan-Region im Süden des Landes massiv verstärkt. Militär und Polizei setzen jetzt alles daran, die Evakuierung zu beschleunigen. Die Nationalgarde hat mit der Bergung der Leichen begonnen.

Mit Bussen und Flugzeugen waren bis gestern Abend rund 42.000 Menschen aus New Orleans gebracht worden. Der Flughafen Louis Armstrong rund 25 Kilometer vor der Stadt war zum Transitlager und zur Behelfsklinik umfunktioniert. Ärzte und Pflegepersonal behandelten hunderte Kranke und Verletzte in der Abflugzone. Für die ernsten Fälle wurden zwei Feldzelte errichtet. Vor allem die alten und chronisch kranken Menschen waren nach den Strapazen der vergangenen Tage stark geschwächt.

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New Orleans: Rettung auf Raten

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Etwa 3000 Soldaten der 82. Fallschirmdivision seien in New Orleans eingetroffen, teilte ein Sprecher der Eliteeinheit im Hauptquartier in Fort Bragg im US-Bundesstaat North Carolina sagte. Erwartet wurden zudem 2700 Soldaten der Ersten Kavalleriedivision aus Fort Hood in Texas und 2000 Soldaten des Ersten und Zweiten Expeditionskorps der Marines.

Bush hatte am Samstag die Entsendung weiterer 7000 Soldaten in das Katastrophengebiet von Louisiana und Mississippi angeordnet. Die Nationalgarde kündigte Verstärkung durch 10.000 weitere Mitglieder an. In der kommenden Woche sollen 40.000 Nationalgardisten in den Bundesstaaten Louisiana und Mississippi im Dienst sein.

Superdome und Kongresszentrum geräumt

Nationalgardisten räumten gestern die Sportarena Superdome und das Convention Center, die der Bevölkerung während des Hurrikans "Katrina" als Notlager gedient hatten. Fast eine Woche, nachdem sich die ersten Menschen vor dem heranrückenden Hurrikan "Katrina" in den Superdome geflüchtet hatten, wurden gestern Abend die letzten 300 Obdachlosen mit Bussen in Sicherheit gebracht. Die Zustände in den Notunterkünften waren desolat: Überlebende berichteten, in dem schlecht beleuchteten Kongresszentrum von New Orleans seien in den vergangenen Tagen mindestens 14 Menschen gestorben. Ein 14 Jahre altes Mädchen sei vergewaltigt worden; der Täter habe ihm anschließend die Kehle durchgeschnitten.

In der Innenstadt war die Lage weiter chaotisch. In den Straßen lagen Leichen. Der Geruch von Urin, Müll und Exkrementen hing in der Luft. Vor dem Superdome war den vierten Tag in Folge die Leiche einer Frau in einem Rollstuhl zu sehen. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes teilte mit, es werde 80 Katastrophenschutzexperten aus zehn Ländern in die Krisengebiete entsenden, darunter auch Spezialisten aus Deutschland. Das Amerikanische Rote Kreuz habe eine entsprechende Anfrage gestellt. Die internationalen Hilfskräfte sollten die mehreren tausend US-Freiwilligen bei der Ausgabe von Lebensmitteln und der Bereitstellung von Unterkünften unterstützen.

"Schlimmste Abfolge von Katastrophen"

US-Heimatschutzminister Michael Chertoff sagte, die Situation in den Katastrophengebieten verbessere sich von Stunde zu Stunde. Die Regierung sei dennoch "nicht zufrieden". Es sei "die schlimmste Abfolge von Katastrophen" in der Geschichte der USA. Zwar hätten die Behörden einen Notfallplan für den verheerenden Wirbelsturm gehabt, dann aber seien die Deiche um New Orleans unerwartet gebrochen. "Es ist, als habe jemand den Notfallplan genommen und eine Atombombe darauf abgeworfen, einfach nur um es noch schwieriger zu machen", fügte Chertoff hinzu.

Die Kritik am Krisenmanagement riss unterdessen nicht ab. Der Lokalpolitiker Oliver Thomas berichtete, in Baton Rouge seien mehrere Busse voller Vertriebener aus New Orleans abgewiesen worden, weil die Notlager voll seien. Die Menschen hätten in den Bussen bleiben müssen, weil niemand sie habe aufnehmen wollen.

In Houston wiederum erlebten die Neuankömmlinge offenbar eine nie da gewesene Welle der Solidarität. Tausende von freiwilligen Helfern halfen in den Notquartieren, teilten Nahrung, Wasser, Kleidung und Spielsachen aus. Nach Angaben des Roten Kreuzes sind bislang 94.000 Betroffene des Hurrikans in neun Bundesstaaten untergebracht worden.

Erste ruhige Nacht in New Orleans

Mit der massiven Präsenz von US-Sicherheitskräften hat sich in New Orleans erstmals wieder eine ruhige Nacht abgezeichnet, nachdem es zuvor zu völliger Gesetzlosigkeit mit Plünderungen, Vergewaltigungen und willkürlichen Erschießungen gekommen war.

Nationalgardisten und US-Marschalls waren gestern Abend in der Stadt auf Streife. Die Straßen waren überwiegend wie leergefegt. Es ist unklar, wie viele Bürger noch in New Orleans sind und sich etwa in ihren Häusern und Wohnungen eingeschlossen haben. Militär-Vertreter hatten erklärt, es könnten noch bis zu 80.000 Gestrandete in der Stadt sein.

Derweil zeichnet sich langsam das Ausmaß der Naturkatastrophe ab. Mindestens 350.000 Häuser sind nach Angaben der Behörden zerstört worden. Rund eine Million Menschen in drei Bundesstaaten haben ihr Zuhause verloren. Nach Angaben der Armee wird es fast drei Monate dauern, das Wasser aus New Orleans zu pumpen. Die Gesamtschäden werden auf bis zu 100 Milliarden Dollar (80 Milliarden Euro) geschätzt.

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