New York Fashion Week Überraschungsangriff auf Frau Beckham

Die Schau des Designers Marc Jacobs gilt als Höhepunkt der New Yorker Fashion Week. Seine Entwürfe sind die aufregendsten, seine Gäste - wie Osama Bin Ladens Nichte Wafah Dufour - die interessantesten. Seine Mode tut, was Mode kaum noch tut: Sie überrascht. Zur Not mit Anti-Beckham-Chic.


New York - Stardesigner Marc Jacobs gilt als Leithammel der New Yorker Modeszene: Wo Jacobs ist, rennen alle anderen auch hin. Für die Fashion Week - und für die Frauen, die von seinen Entwürfen inspirierte Kleider im kommenden Frühjahr in den Kaufhäusern finden - bedeutet das: Es wird schräg. Und opulent. Und schlicht - schön.

Das Publikum in der Lexington Avenue Armory ließ Marc Jacobs gestern Abend nach guter Divensitte zunächst einmal zwei Stunden warten. Nur die prominentesten Gäste, unter ihnen Victoria Beckham und Sheryl Crow, entgingen - wohl durch Vorwarnung - dem uncoolen Herumlungern, bis die Show endlich begann.

Das Defilee zäumte Jacobs von hinten auf: Er eröffnete die Schau mit dem traditionellen Abschlussbild und der Verbeugung vorm Publikum. Dann ließ er die Models in umgekehrter Reihenfolge - das letzte Design zuerst, das erste zuletzt - auftreten.

Auch bei seinen Entwürfen spielte Jacobs mit dem Motto der verkehrten Welt. Die Kostüme waren teilweise nicht fertig zusammengenäht, sondern gaben den Blick auf das frei, was drunter lag - zumeist spinnwebfeine Spitzenunterwäsche. Bei den Schuhmodellen waren die Absätze teilweise horizontal an der Spitze angebracht. Gags, die bei den Beobachtern sehr gut ankamen.

"Phantastisch", jubelt die "New York Times" in einer ersten Besprechung und äußert mit Blick auf die romantischen und in Stofffülle geradezu schwelgenden Entwürfe: "Ist das Ausdruck einer neuen Sexualität, auf die die Modebranche gewartet hat? Das Gegenteil von Victoria-Beckhamismus?"

Jacobs betonte mit seinen schmeichelnden, üppig verarbeiteten Stoffen - viel Seide in Schwarz, Tüll in Lila, viel Pastell - einen in trendigen Metropolen und Modemagazinen schon fast komplett in Vergessenheit geratenen weiblichen Körperteil: die Hüfte. Die zarten Models ertranken fast in den frech-nostalgischen Kreationen - als seien kleine Mädchen in Mutters Garderobe gestiegen. Doch sogar Victoria Beckham, die mit ihrem Hungerchic den Kult um die kindhafte "0"-Größe ausgelöst hatte, saß begeistert klatschend im Publikum.

Bei der Fashion Week zeigen rund 60 amerikanische und internationale Designer in den Zelten des New Yorker Bryant Park - auf engstem Raum - ihre jüngsten Kollektionen vor einem Publikum von Einkäufern, Stylisten und Trendsuchern. Auf andere Locations wichen in diesem Jahr neben Marc Jacobs auch andere New Yorker Modemacher, darunter Oscar de la Renta und Donna Karan, aus. Doch trotz andauernder Kritik am Bryant Park steht jetzt fest, dass es bis 2010 bei diesem Veranstaltungsort bleiben wird: Darauf einigten sich die Stadt New York und der Veranstalter IMG Fashion.

Die Fashion Week New York findet zwei Mal jährlich statt und eröffnet seit 1993 den Reigen der internationalen Kollektionen. Danach folgen die großen Schauen in London, Paris und Mailand.

pad/AP/dpa



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.