New York im Zwiespalt Schuttbeseitigung oder Leichenbergung?

Die New Yorker Behörden werden sich demnächst entscheiden müssen: Sollen Hunderttausende Tonnen Schutt möglichst rasch abgetragen werden, oder sollen zuerst möglichst alle Leichen aus den Trümmern geborgen werden?


Hamburg - Die Chancen, Lebende aus den Trümmern des World Trade Centers zu bergen, werden immer geringer. Die weitaus größte Anzahl der rund 5000 Vermissten sind tot. Sollten einige in "Lufttaschen" überlebt haben, sinkt die Wahrscheinlichkeit, sie lebend zu bergen mit jedem Tag rapide. Denn ein unverletzter Mensch überlebt in der Regel nur sechs Tage ohne Wasser.

Auch am fünften Tag nach den Terroranschlägen herrschte am Sonntag weiter Unklarheit, über die genaue Zahl der Opfer. Das Auswärtige Amt in Berlin dementierte US- Medienberichte, nach denen die meisten der ausländischen Opfer Deutsche seien. CNN hatte zuvor von noch 550 vermissten Deutschen in New York berichtet. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes teilte am Sonntag mit, derzei sei der Verbleib von 270 Deutschen noch nicht geklärt. Dies bedeute aber nicht, dass all diese Menschen vermisst würden.

Das Außenministerium führt seit dem Anschlag eine ständig aktualisierte Liste, auf der diejenigen deutschen Bürger notiert werden, deren Aufenthaltsort im Raum New York unbekannt ist. Sobald sich ein Betroffener meldet, wird er von der Liste gestrichen. Noch am Freitag waren 600 Personen registriert, zu denen bis dahin kein Kontakt aufgenommen werden konnte. Die Zahl wurde täglich kleiner. Das Ministerium arbeite "weiter unter Hochdruck daran, diese Zahl auf eine verlässliche Angabe einzugrenzen", sagte die Sprecherin.

Bis Sonntag war damit lediglich der Tod von vier Deutschen bei den Terroranschlägen bestätigt. Sie saßen in den entführten Passagierflugzeugen, die die Selbstmordattentäter am Dienstag als fliegende Bomben benutzt hatten.

Die Aufräumarbeiten werden noch Monate dauern
AP

Die Aufräumarbeiten werden noch Monate dauern

Für 92 New Yorker Familien ist die Angst zur Gewissheit geworden. Von den geborgenen 152 Todesopfern wurden bis zum Sonntag 92 identifiziert. In der Hoffnung noch Überlebende zu finden, setzen die Rettungstrupps bisher nur leichtes Gerät ein - mit der Folge, dass weniger Schutt vom Unglücksort entfernt wird, als dies möglich wäre. Bisher wurden an vier Tagen rund 10.000 Tonnen Material weggefahren. Der Schuttberg ist nach diversen Schätzungen 450.000 bis 1,25 Millionen Tonnen schwer. Sollte sich die Menge des täglich abtransportierten Materials an Beton, Stahl und Dreck nicht kräftig steigern lassen, dauerten die Aufräumarbeiten länger als ein Jahr an.

Noch länger dürfte es dauern, wenn möglichst jede einzelne Leiche geborgen werden soll. In diesem Fall dürfte man nach Angaben der "Süddeutschen Zeitung" nicht mehr als 1000 Tonnen Schutt am Tag wegschaffen. Wegen des bald einsetzenden Verwesungsgeruch an der Unglücksstelle wird man auf die Einzelbergung der Toten wohl verzichten.

Anti-Terror-Mahnmal oder neues WTC?

Die Vorstellung, dass die Toten einfach auf irgendwelchen Lastwagen weggekarrt werden und auf irgendeiner Abraumhalde landen, ist jedoch schrecklich. Daher gibt es offenbar die Idee, eine Beton- oder Erdmantel über den ganzen Trümmerberg zu ziehen und den Terroropfern so ein Denkmal setzen. Ob sich diese Idee ausgerechnet in Manhattan, dem Wirtschaftszentrum der größten Macht der Erde, durchsetzen lassen wird, ist mehr als fraglich. Die wohl realistischere Variante äußerte kürzlich ein Helfer, der vor der Kamera sagte: "Lasst uns einen neues World Trade Center bauen, noch viel größer und besser als das alte."



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.